Aktuelles
23. September 2009

„Mr. MP3“ über Kreativität und Innovation

Interview mit Prof. Karlheinz Brandenburg

Vom 30.11 bis 3.12. findet in Stuttgart und Ludwigsburg das Creativity World Forum 2009 statt. Dazu werden etwa 1.200 Gäste aus aller Welt erwartet. Die Redaktion sprach mit Prof. Karlheinz Brandenburg, dem Schirmherrn der Veranstaltung, über Kreativität und Innovation.

Er ist außerdem EU-Botschafter des „Jahres der Kreativität und Innovation“ in Deutschland und Direktor des Fraunhofer-Instituts für Digitale Medientechnologie IDMT sowie Leiter des Fachgebiets Elektronische Medientechnik an der TU Ilmenau. Sein Name ist aufs Engste verknüpft mit MP3.

Er war einer der führenden Köpfe bei der Entwicklung des MP3-Formats – auch wenn der sympathische Wissenschaftler immer wieder betont, dass das MP3-Format nicht die Leistung eines Einzelnen war, sondern eines ganzen Teams. Tatsache ist, dass er für die meisten Leute nach wie vor als Vorzeige-Wissenschaftler gilt, als „Mister MP3“ – der Algorithmusarchitekt des heute in der ganzen Welt erfolgreichsten Audioformats.

Redaktion: Wie gehören Kreativität und Innovation zusammen?

Prof. Brandenburg: Kreativität braucht man, um innovativ zu werden. Ich verstehe unter Kreativität hauptsächlich die Fähigkeit, über den Tellerrand des eigenen Fachgebiets und der eigenen Erfahrung hinauszuschauen. Das ist meiner Ansicht nach eine der Vorbedingungen, um Innovationen auf den Weg zu bringen.

Redaktion: Der MP3-Player ist ein viel zitiertes Beispiel dafür, dass man es in Deutschland schwer habe, wissenschaftliche Innovationen in Markterfolge zu verwandeln. Sie waren an der Entwicklung der Grundlagen für den MP3-Player beteiligt. Anscheinend hatten deutsche Unternehmen kein Interesse daran, Ihre Erkenntnisse in ein marktfähiges Produkt umzusetzen. Weshalb nicht?

Durch das Melodieerkennungssystems „Query by Humming (QbH)“ können
auf Grundlage gesungener oder gesummter Melodien Musiktitel identifiziert werden.

Prof. Brandenburg: Das ist so nicht richtig. Es gab durchaus Interesse daran, vor allem von mittelständischen Firmen. Aber für die Umsetzung eines solchen Projekts bedarf es eines gewissen Muts und einer gewissen Finanzkraft. In den USA ist die Mentalität eine andere, der Drang, nach vorne zu gehen, Neues auszuprobieren, viel stärker ausgeprägt. Wir könnten bei der Umsetzung von Innovationen sicherlich erfolgreicher sein, als wir es sind.

Redaktion: Welches Klima muss denn in den Unternehmen und in der Gesellschaft herrschen, damit Kreativität und Innovation gedeihen können?

Prof. Brandenburg: Wir müssen vor allem im Schul- und Ausbildungsbereich dafür sorgen, dass Kinder und Jugendliche Denken lernen und wir nicht nur Wissen in sie hinein stopfen. Wir müssen mit ihnen die Fähigkeit zu unabhängigem Denken trainieren. Außerdem sollten wir akzeptieren, dass zum Lernen auch Fehler gehören. In den USA ist die Akzeptanz von Fehlern im kollektiven Geist viel ausgeprägter. Wer einmal scheitert, kann ein zweites oder drittes Unternehmen gründen und versuchen, es besser zu machen. In Deutschland heißt es gleich: „Der kann das doch nicht“.

Außerdem fehlt es an Wagniskapital für junge Unternehmen. In den USA ist es für Existenzgründer zehnmal einfacher, an Geld zu kommen. Bei uns bekommen Leute mit interessanten Ideen oft nur schwer Kapital, um ihre Idee zu verwirklichen. Viele geben auf, wenn sie drei Jahre lang dem Geld hinterherlaufen müssen. Die Beratungsangebote wurden dagegen in den letzten Jahren stark verbessert.

Redaktion: Was würden Sie jungen Unternehmern mit auf den Weg geben?

Prof. Brandenburg: Viele Gründer stehen sich selbst im Weg. Einige von ihnen haben keinerlei wirtschaftliche Kompetenz, andere haben nur die Dollar-Zeichen in den Augen. Beide werden scheitern. Es ist wichtig, beides an Bord zu haben – vielleicht durch einen Partner – die Visionär und den Realisten, der die vielen kleinen Schritte tut. Allerdings werden Unternehmen, die keinen Visionär haben, nach meiner Erfahrung nur selten überleben.

Redaktion: Was können Unternehmer und Wissenschaftler von einer Veranstaltung wie dem Creativity World Forum mitnehmen?

Prof. Brandenburg: Solche Treffen haben natürlich den Ausbau des Netzwerks zum Zweck. Viel wichtiger finde ich aber die Möglichkeit, mit vielen Leuten aus höchst unterschiedlichen Disziplinen zusammenzukommen. Man erhält Einblick in andere Fachgebiete, trainiert die Fähigkeit, quer zu denken und über den Tellerrand hinauszuschauen. Das bringt mitunter überraschende Erkenntnisse. Große Erfindungen werden oft nicht von denen gemacht, die das größte Fachwissen haben. Außerdem lernen die Leute auf solchen Treffen, dass es Spaß macht, mit anderen zu arbeiten. Eine sehr wichtige Erkenntnis, wie ich finde. Das industrielle Erfinden unserer Zeit hat nichts mehr mit dem Bild des einsamen Tüftlers zu tun, auch wenn es durchaus noch Aha-Erlebnisse gibt. Heute passieren Erfindungen systematisch im Team.

Redaktion: Warum haben Sie die Schirmherrschaft für diese Veranstaltung übernommen? Welche Botschaft möchten Sie den Teilnehmern mitbringen?

Prof. Brandenburg: In erster Linie möchte ich ihnen Mut machen, ihre Ideen zu verfolgen und zu Erfolgen zu machen. Ich möchte sie für das Neue begeistern, für Aufgaben, die faszinieren. Ich wünsche jedem das Erlebnis zu denken „geht nicht“, um später sagen zu können „geht doch“. Unternehmen möchte ich ans Herz legen, ihren Mitarbeitern die Freiheit zu geben, die sie brauchen, um wirklich kreativ zu sein. Im Fraunhofer IDMT fördern wir ausgefallene Ideen und Teamarbeit über die Fachgebiete hinweg. Kritisches, selbstständiges Denken ist die Grundlage für ein innovatives Klima.

Die „IOSONO® Spatial Audio Workstation“ wird für das Abmischen
von Film- und Audioproduktionen in Wellenfeldsynthese verwendet.

Redaktion: Wie wird es in Ihrem Fachgebiet in Zukunft weitergehen? Sind große Innovationen zu erwarten?

Prof. Brandenburg: Das digitale Zeitalter hat erst begonnen. Die Vernetzung schreitet immer weiter voran, neue Kommunikationsformen tun sich auf – es wird in absehbarer Zeit ein Überangebot an Medien geben. In den nächsten 20 Jahren wird es deshalb sicherlich darum gehen, das „Finden“ von Informationen zu optimieren und zu vereinfachen. Auch die Wiedergabe interaktiver Formate wird sich weiterentwickeln und neue Möglichkeiten der Darstellung finden. Virtuelle Welten werden realisiert werden. 3D ist der Anfang. Vielleicht wird irgendwann das Holodeck aus „Star Trek“ tatsächlich Wirklichkeit.

Lesen Sie hier mehr über das Creativity World Forum 2009.