Aktuelles
8. Dezember 2009

Manfred Spitzer: Wie funktioniert Bildung?

Vortrag von Manfred Spitzer beim Wirtschaftsrat

Dr. Ulrich Zeitel vom Wirtschaftsrat
im Gespräch mit Prof. Manfred Spitzer

Am 1. Dezember fand bei der Weberhaus GmbH & Co. KG im badischen Rheinau-Linx die Mitgliederversammlung 2009 des Wirtschaftsrats der CDU e.V. Landesverband Baden-Württemberg statt. Den Festvortrag hielt Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer, mitunter umstrittener Gehirnforscher und Neurowissenschaftler, Leiter der Psychiatrischen Universitätsklinik in Ulm. Er ging der Frage nach, wie Bildung funktioniert. Schließlich ist Bildung eine der wichtigsten Wirtschaftsressourcen, mit der übrigens nach Ansicht des Professors nicht gerade pfleglich umgegangen wird, genau so wenig wie mit den Schülern.

Das Gehirn, so Spitzer, sei besser als jede Festplatte. Lernen jeglicher Art hinterlasse Spuren im Gehirn, sozusagen Pfade, die immer wieder benutzt würden. Das habe aber auch zur Folge, dass falsche Spuren nur schwer wieder entfernt werden könnten. Außerdem gelte das Prinzip, je mehr im Gehirn drin sei, desto mehr passe hinein. Der Umkehrschluss laute allerdings, wenn wenig drin sei, sehe es auch mit der weiteren Entwicklung schlecht aus.

Als besonderen Negativfaktor für die Entwicklung von Kindern betrachtet Spitzer den Fernsehkonsum und das multimediale Lernen. Beides ist nach seinen und den Untersuchungen zahlreicher anderer Wissenschaftler kontraproduktiv. Stattdessen plädiert er für eine Rückkehr zum „Lernen mit Herz und Verstand“.

Datenmüll im Kopf

Im multimedialen Zeitalter würden viele Kinder vor den Bildschirmen von Fernseher und PC geparkt und allein gelassen. Das führe dazu, dass nicht nur ihre soziale Kompetenz stark leide, sondern sich in ihren Köpfen auch jede Menge Datenmüll ansammle. Besonders bei kleinen Kindern würden im Gehirn keine Erfahrungen ankommen, die das Hirn weiterentwickeln könne, sondern eine Bild- und Klangsoße, die schwächer sei als jede Realität. Die Bildschirminformationen könnten die Kinder oft nicht zu einem Ganzen zusammenführen, sie könnten sie weder anfassen, noch riechen und schmecken, das Bild sei nur zweidimensional. Durch die derart schwache Bildschirmrealität würden in den Gehirnen nicht genug Strukturen gebildet, die neue Lernerfahrungen ermöglichten. In der Schule würden sich diese Erfahrungen immer häufiger in Aufmerksamkeitsstörungen bemerkbar machen. Lernen werde also schwieriger.

Klassisches Vorlesen bringe den Kindern wesentlich mehr. Das zeigte eine Studie, in der Eltern genau nach den Mediennutzungsgewohnheiten ihrer Babys befragt wurden. Anschließend wurde mit den Kleinen ein Sprachtest durchgeführt. Dabei zeigte sich, dass diejenigen, die Baby-TV oder –DVDs geschaut hatten, deutlich weniger Wörter kannten als die anderen. Sie waren also in ihrer Sprachentwicklung verzögert. Wenn ein Elternteil täglich vorlas, ergab sich ein positiver Effekt auf die Sprachentwicklung. Wie schädlich der Bildschirmmedienkonsum sei, könne man daran ablesen, dass sein negativer Effekt auf die Sprachentwicklung der Babys doppelt so stark sei als der positive Effekt des Vorlesens.

Multitasking und Konzentration

Prof. Spitzer: „Digitalisierung hat keinen positiven Effekt.“

Multitasking, also die Fähigkeit, mehrere Dinge gleichzeitig tun zu können, scheint heute vielen Menschen erstrebenswert. Spitzer ist jedoch der Meinung, dass Multitasking im digitalen Zeitalter lediglich dazu führt, dass sich die Multitasker nicht mehr auf das Wesentliche konzentrieren können: „Multitasker können irrelevante Reize nicht ausschalten. Studien haben sogar gezeigt, dass sie nicht einmal besser zwischen Aufgaben wechseln können, sondern weniger gut.“ Spitzer geht noch einen Schritt weiter: „Multitasker trainieren sich Oberflächlichkeit und Ineffektivität aktiv an. Die Meinung, man könne eben gut zwischen Aufgaben hin- herspringen und brauche das für effektive Informationsverarbeitung, wird durch zahlreiche Untersuchungen widerlegt.“

Wie schädlich mediales Multitasking sein kann, wird auch belegt durch ganz schlichte Studienergebnisse, bei denen man nicht einmal tief in die Vorgänge im Gehirn eintauchen muss. So hat man beispielsweise herausgefunden, dass Schüler, die ihre Hausaufgaben am Computer machen, in 60 Prozent dieser Zeit medial noch etwas anderes tun. Etwa 15 Prozent der Befragten nutzen „meistens“ mehr als zwei Medien gleichzeitig. Übrigens werden auch 30 Prozent der Zeit der ganz normalen mit Heft und Stift bearbeiteten Hausaufgaben mit Multitasken verbracht, zum Beispiel mit telefonieren. Auch Nicht-Wissenschaftler könnten sich vorstellen, wie tief das so Gelernte sitze und wie lange es dort bleibe. Wie viel könnten die Schüler lernen, wenn sie ihre gesamte Zeit dafür verwenden würden oder wie viel kreativen Freiraum würden sie sich schaffen, wenn sie sich auf das Wesentliche konzentrieren würden? Die Frage, ob sich der multitask-fähige Schüler als Erwachsener auf seine dringenden Aufgaben im Beruf konzentrieren könne, sei auch für die Unternehmen von einiger Relevanz.

Stärken betonen

Doch nicht nur die direkten Auswirkungen des multimedialen Lebens auf Kinder und ihre Art zu lernen bereiten Manfred Spitzer Sorge. Da gibt es noch die Auswirkungen von Gewalt in Filmen und Spielen auf die soziale Kompetenz und die Auswirkungen der fehlenden sozialen Kontakte und falschen Erwartungen in Familie und Schule auf das Selbstbewusstsein der jungen Menschen. Wer Kinder mit den digitalen Medien alleine lasse, verhindere, dass sie Selbstbewusstsein aufbauten. „Wer tagaus, tagein alleine vor dem PC sitzt, entwickelt keine Überlebensstrategien“, so Spitzer. „Kinder, die sich in der realen Welt bewegen, zum Beispiel ein Instrument spielen und mit einem Orchester auftreten, wissen, wie man eine Prüfung bzw. eine schwierige Situation besteht. Das weiß das Computerkind nicht. Denn selbst in seinen Spielen muss es nicht real bestehen.“ Außerdem, so der Professor, sollten wir damit aufhören, Schwächen in den Mittelpunkt zu stellen: „Wer denkt, dass er schlecht ist, wird es auch sein. Wenn man jedoch die Stärken betont, kann man aus jedem das Beste herausholen.“

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