Aktuelles
10. November 2010

Familienunternehmen – Frauen in der Nachfolge

Am 2. Dezember 2010 fand in München das 6. Forum Familienunternehmen „Frauen in der Nachfolge – Balanceakt der Rollen“ statt, organisiert vom Wittener Institut für Familienunternehmen an der Universität Witten/Herdecke. Frauen als Nachfolgerinnen in Familienunternehmen sind heute eher die Regel als die Ausnahme. Sie tragen zum Fortbestand erfolgreicher Unternehmen bei und stellen sich täglich den Herausforderungen, die die unterschiedlichen Anforderungen mit sich bringen. Die Redaktion sprach mit Dr. Christina Erdmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Wittener Institut, über die sich wandelnde Bedeutung von Töchtern in der Nachfolge für Unternehmerfamilien und ihre Unternehmen.

Redaktion: Worin unterscheiden sich Nachfolgerinnen in Familienunternehmen von ihren männlichen Kollegen?

Dr. Christina Erdmann vom Wittener Institut für Familienunternehmen.

Dr. Christina Erdmann: Unterschiede lassen sich vor allem in der Ausbildung und im Ablauf der Nachfolge beobachten. Auch heute noch wird in vielen Unternehmerfamilien vorrangig der Sohn systematisch gefördert. Er absolviert frühzeitig Praktika im eigenen oder in fremden Unternehmen und erhält die bestmögliche Ausbildung, die ihm den Eintritt in das Unternehmen ermöglicht. Seine Nachfolge ist immer wieder Gesprächsthema im Familienkreis und wird häufig über Jahre hinweg vorbereitet.

Töchter in Unternehmerfamilien genießen zwar in der Regel ebenfalls sehr gute Ausbildungen, diese stehen aber vielfach in keinem unmittelbaren Zusammenhang mit einer späteren Tätigkeit im Unternehmen. In vielen Fällen finden sich die Frauen ganz unerwartet in der Nachfolgerrolle wieder, zum Beispiel, wenn ein Bruder doch nicht ins Unternehmen einsteigt oder der noch aktive Vater von heute auf morgen krankheitsbedingt die Unternehmensführung abgeben muss.

Redaktion: Mit welchen Schwierigkeiten sind Nachfolgerinnen dadurch konfrontiert?

Dr. Christina Erdmann: Viele Nachfolgerinnen sind Quereinsteigerinnen. Sie stehen häufig vor der Herausforderung, erst einmal beweisen zu müssen, dass sie ‚trotz’ ihrer Ausbildung in der Lage sind, die notwendige Leistung zu erbringen. Darüber hinaus sollen sie als Führungspersönlichkeit ‚ihren Mann stehen’, was teilweise vollkommen andere Anforderungen mit sich bringt als die dritte Aufgabe, der sie sich stellen, nämlich ihr Familienleben mindestens ebenso gut zu gestalten wie ihre berufliche Rolle. Das mündet häufig in eine Form von Stress, die man mit dem Begriff des „superwoman syndrome“ beschreiben könnte. Viele dieser Nachfolgerinnen spüren zwar, dass ihre eigenen Bedürfnisse dabei zurückstehen müssen. Sie nehmen das aber in Kauf, denn zuzugeben, dass sie nicht alles schaffen, wäre für viele von ihnen ein Eingeständnis von Schwäche. Das wollen sie aber unter allen Umständen vermeiden, um gegenüber ihren Vätern und/oder den männlichen Mitarbeitern im Unternehmen keine Diskussion über ihre Eignung für den Job aufkommen zu lassen.

Redaktion: Was verändert sich auf lange Sicht für Familienunternehmen insgesamt, wenn mehr Frauen Nachfolgerinnen werden?

Dr. Christina Erdmann: Vieles deutet darauf hin, dass Frauen ganz allgemein signifikant häufiger als Männer zugunsten der nächsten Generation auf persönliche Vorteile verzichten. Sie sorgen für andere und nehmen sogar persönliche Nachteile dafür in Kauf. Das gilt auch in Familienunternehmen. Frauen aus Unternehmerfamilien verzichten zugunsten der Familie und der nächsten Generation zum Beispiel auf monetäre und immaterielle Vorteile aus ihrer Arbeit für das Unternehmen. Damit leisteten sie über Jahrhunderte einen wichtigen Beitrag zum Fortbestand dieser Unternehmen, der jedoch kaum in irgendeinem Geschäftsbericht oder einer Bilanz angemessen dargestellt werden kann. Dieser „generationsübergreifende Altruismus“ in Familienunternehmen ist völlig positionsunabhängig – er findet sich bei den Müttern, die nicht im Unternehmen mitarbeiten, ebenso wie bei den Frauen, die als sogenannte mithelfende Familienangehörige oder als „Frau des Chefs“ in verantwortlichen Positionen tätig waren oder sind.

Frauen, die mit diesem Thema heute anders umgehen und auch auf ihren persönlichen Gewinn achten, stehen schnell im Ruf, egoistisch oder selbstsüchtig zu sein. Hinzu kommt, dass noch völlig unklar ist, welche Auswirkungen es auf die Familienunternehmen der Zukunft hat, wenn sich dieser Langzeit-Altruismus auf lange Sicht verändern oder sogar ganz wegfallen sollte. Die Frage ist auch, ob unsere Gesellschaft es sich leisten kann, auf diese Beiträge zu verzichten, wenn Familienunternehmen weiterhin eine wichtige Rolle in unserer Gesellschaft spielen sollen. Töchter, die heutzutage als Nachfolgerinnen ein Familienunternehmen führen oder eine Nachfolge planen, müssen für sich die Frage klären, wie sie mit diesem Thema umgehen. Sie sind hier gefordert, eine ganz eigene Haltung zur Frage der Kombination von Führung, Familienbewusstsein und Altruismus zu entwickeln.

Redaktion: Spielt dieses Thema auch in Ihren Forschungsaktivitäten eine Rolle?

Dr. Christina Erdmann: Ja natürlich. Am Wittener Institut für Familienunternehmen vertiefen wir gerade unsere Forschungsaktivitäten hierzu. Nach einer qualitativen Pilotstudie in diesem Jahr werden wir im Jahr 2011 unter anderem zusammen mit dem Verband „Die Familienunternehmer“ eine gemeinsam angelegte quantitative Studie durchführen. Ziel unserer Forschungsaktivitäten sind dabei immer wissenschaftlich exakte Ergebnisse mit unmittelbarem Nutzen für die Familienunternehmen in Deutschland.

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