Aktuelles
2. Dezember 2010

Generationswechsel in Familienunternehmen

Studie mit überraschenden Ergebnissen

Im Beisein von BW-Vorstandschef Joachim E. Schielke wurde
die Studie zum Generationswechsel im Mittelstand vorgestellt.

Das Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) und das Institut für Mittelstandsforschung (ifm) der Universität Mannheim haben im Auftrag der BW-Bank eine repräsentative Studie über den Generationswechsel in mittelständischen Familienunternehmen durchgeführt. Joachim E. Schielke, Vorstandsvorsitzender der BW-Bank, ZEW-Präsident Prof. Dr. Wolfgang Franz und Prof. Dr. Michael Woywode, Leiter des ifm präsentierten die Studienergebnisse in Stuttgart. Dabei kam Überraschendes zutage.

In einem unterscheidet sich die Studie grundsätzlich von den meisten anderen zum Thema Nachfolge in Familienunternehmen: Es wurden 1.100 zufällig ausgewählte Nachfolger aus Unternehmen mit 40 bis 5.000 Beschäftigten befragt, die den Prozess der Übergabe bereits hinter sich haben. Zusätzlich wurden 22 Fallstudien erstellt, durch die die Erkenntnisse der Befragung bestätigt und ergänzt wurden. Gut ein Fünftel der Unternehmen hat externe Nachfolger, fast drei Fünftel blieben in Familienhand und ein weiteres Fünftel hat Nachfolger, die bereits vorher im Unternehmen gearbeitet haben. 24 Prozent der Nachfolger waren Frauen. Generell zeigten sich die neuen Inhaber mit der Vorbereitung der Übergabe sehr zufrieden, auch wenn die externen Nachfolger in ihrem Urteil etwas negativer waren.

Prof. Dr. Michael Woywode empfiehlt eine Aufgabenteilung zwischen Senior und Nachfolger.

Seniorchefs entlasten Nachfolger

Zu den überraschenden Erkenntnissen zählte auch für die Wissenschaftler, dass nach dem Eigentümerwechsel in zwei Drittel der Unternehmen der frühere Inhaber weiter aktiv tätig ist. In der Hälfte der Firmen nimmt er sogar eine Führungsfunktion wahr. Noch interessanter war jedoch, dass die meisten Nachfolger in der Gegenwart des Seniors einen Gewinn für sich sehen, vor allem, wenn sie aus der Familie kommen. Seine Erfahrung empfinden die Nachfolger als „entlastend“. Die Zusammenarbeit sei oft unproblematischer als erwartet und oft könne der Vorgänger viel besser loslassen als angenommen.

Prof. Woywode sieht das erfolgreiche Zusammenwirken von Senior und Nachfolger als möglich an, „wenn die Aufgaben zwischen dem neuen Chef und seinem Vorgänger klar aufgeteilt werden und man auch dabei bleibt“.

Externe Nachfolger sehen auch dieses Thema etwas kritischer. Für sie ist besonders wichtig, dass der Senior ähnliche Vorstellungen zur Unternehmensführung hat wie sie selbst und, dass er sich im richtigen Moment zurückziehen kann.

Nachfolger führen anders

Egal ob Nachfolger aus der Familie oder von außen kommen: Sie führen anders. Sie setzen oft einen eher teamorientierten Führungsstil um, führen neue Managementkonzepte ein, bauen neue Führungsstrukturen auf. Das gefällt nicht allen, so dass in fast allen Fällen personelle Änderungen in der Führungsmannschaft notwendig sind.

Gleichzeitig verändern die neuen Chefs gezielt die Geschäftsprozesse in allen Unternehmensbereichen. Am stärksten davon betroffen sind Marketing und Vertrieb. 63 Prozent der familieninternen Nachfolger nehmen hier Veränderungen vor und sogar 78 Prozent der externen. Die Nachfolger stärken damit die Marktorientierung.

Prof. Dr. Wolfgang Franz sieht die Nachfolger veränderungsbereit.

Prof. Franz betonte den Wechsel vom Techniker hin zum Generalisten: „60 Prozent der Nachfolger aus der Familie verfügen über einen Hochschulabschluss in Wirtschaftswissenschaften. Das bedeutet, dass sie sich langfristig auf die Unternehmensübernahme vorbereiten.“ Der Professor wies außerdem darauf hin, dass die neuen Inhaber, eine ganze Reihe struktureller Veränderungen vornehmen würden. Das betreffe nicht nur neue Zulieferer und neue Verträge, neue Kunden und Internationalisierung, sondern auch Berater und Bankbeziehungen. Immerhin zwölf Prozent der familieninternen Nachfolger wechseln die Hausbank, 15 Prozent der Nachfolger, die aus dem Unternehmen kommen und sogar 22 Prozent der externen. „Der Wechsel von Bank und Beratern gilt ganz besonders für die familienfremden Nachfolger“, so Franz. „Das mag daran liegen, dass in Firmen, die an Externe verkauft werden, nicht mehr so viel investiert ist und diese dann Geld für neue Investitionen brauchen.“

Damit die Nachfolge gelingt

BW-Bank-Chef Schielke freute sich einerseits darüber, dass nach der Studie 80 Prozent der Übergaben in Familienunternehmen gut laufen, betrachtete andererseits aber 20 Prozent Problemfälle noch immer als zu hoch, zumal dahinter Hunderttausende von Arbeitsplätzen stünden. Für die BW-Bank mit zahlreichen mittelständischen Kunden sei das ein Hinweis, verstärktes Augenmerk auf die Unternehmensübergabe zu richten und ihren Kunden dabei zur Seite zu stehen. Zu einer Unternehmensübergabe gehörten neben dem richtigen Nachfolger auch ein Testament, eine Neujustierung der Gesellschafterverträge und die Ausrichtung des Unternehmens auf die Zukunft, so Schielke. „Als Bank für den Mittelstand können wir den Unternehmen bei der strategischen Planung zur Seite stehen. Die Frage ist immer, wie man es dem Kunden beibringt, denn nicht alle Unternehmer möchten sich frühzeitig mit der Übergabe befassen. Dabei sollte man sich dafür mehrere Jahre Zeit nehmen.“ Abgesehen davon, so der Bankchef weiter, könne auch ein junger Unternehmer jederzeit einem Unfall zum Opfer fallen. Und dann sollte er dafür gesorgt haben, dass das Unternehmen weiter bestehen könne.

Fazit: Es gibt Probleme bei der Unternehmensübergabe, aber weniger als erwartet und sie können gelöst werden. Prof. Woywode schlägt für Nachfolger einen Mentor für die Zeit der Übernahme vor: „Im Sinne einer Supervision kann er ihm helfen, zu reflektieren, wie er bei Führungskräften, Mitarbeitern und Kunden ankommt und ihn dabei unterstützen, Lösungen zu finden.“

Die Studie gibt es zum Download unter:

www.zew.de/generationenwechsel2010