Aktuelles
16. Februar 2011

Führungskräfte länger in Familienunternehmen

Sie verdienen viele Millionen, kassieren Abfindungen, Antrittsgelder und Boni bei jeder

Gelegenheit, das Image von Managern ist in der Bevölkerung stetig gesunken. Tatsächlich

scheint in weiten Teilen der Wirtschaft ein ständiges Kommen und Gehen zu herrschen,

und es ist schwer nachvollziehbar, ob es sinnvoll ist, wenn beispielsweise ein Bank-

Manager nahtlos in die Autoindustrie wechselt. Ist Know-how, Ausbildung und Erfahrung

beliebig? Und: Vertragen Unternehmen einen ständigen Strategiewechsel – gerade in

Krisenzeiten

„Vor diesem Szenario hat die Stiftung Familienunternehmen die vorliegende

Studie beauftragt, die erstmals auf breitester Datenbasis die Verweildauer der Führungsriege

in Familienunternehmen und Konzernen in anonymem Streubesitz erhebt“, so

Prof. Dr. Dr. h.c. Brun-Hagen Hennerkes, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen.

Die Studie zur „Verweildauer des Managements von Familienunternehmen und Unternehmen

in Streubesitz“ wurde vom Institut für Mittelstandsforschung

(ifm), Mannheim, durchgeführt und zeigt: Geschäftsführer und

Vorstände von Familienunternehmen bleiben signifikant länger im Amt als die entsprechende

Führungsriege bei Unternehmen in Streubesitz.

Breite Datenbasis bestätigt Vermutungen

„Was bislang nur gefühlt und an einzelnen Beispielen festgemacht wurde, ist hier auf

breiter Datenbasis nachgewiesen worden“, so Detlef Keese, Projektleiter der Studie beim

ifm Mannheim. Tatsächlich wurden die Daten von 137 Unternehmen, 70 Familienunternehmen

und 67 Nicht-Familienunternehmen, ausgewertet. Insgesamt wurden knapp

13.000 Personen in die Analyse miteinbezogen. Darüber hinaus wurde die Analyse der

Verweildauer auch erstmals in Unternehmens- und Personendaten aufgefächert: So

wurde nicht nur Funktion und Geschlechtszugehörigkeit abgefragt, sondern auch sortiert

nach Beschäftigtenzahl und Größe, Tätigkeitsschwerpunkt, Standort und Rechtsform des

Unternehmens.

Nur 6, 2 Jahre bleiben Topleute wie Geschäftsführer und Vorstände im Durchschnitt bei Unternehmen im Streubesitz im Amt, bei Familienunternehmen sind es 8,3 Jahre.

Die Klasse mit 15 und mehr Jahren Verweildauer ist mehr als

doppelt so häufig für das Top-Management in den Familienunternehmen besetzt wie in

den Nicht-Familienunternehmen. Auch wenn man den Blick auf die Betriebsgröße lenkt, bleibt

die Grundaussage bestehen. Vor allem in Unternehmen unter 1.000 Beschäftigte ist die

Verweildauer von Geschäftsführung und Vorstand in Familienunternehmen mit 8,3 Jahren

deutlich länger als in Nicht-Familienunternehmen (3,7 Jahren). Aber auch in der Größenklasse

zwischen 50.000 und 100.000 Beschäftigte zeigt sich eine deutliche Diskrepanz:

So ergibt sich ein personaler Durchschnittswert von 8,7 Jahren für den entsprechenden

Personenkreis in Familienunternehmen. Bei den Vorständen in den Unternehmen im

Streubesitz kann ein Durchschnitt von 6,9 Jahren errechnet werden.

Gleiches gilt bei der Fokussierung auf Umsatzgrößenklassen oder Tätigkeitsbereiche der

Unternehmen. Egal ob „Finanzen und Versicherungen“ oder „Verarbeitung und Handel“,

in jedem Bereich ist die Fluktuationsquote bei Familienunternehmen deutlich geringer als

bei Nicht-Familienunternehmen, einzig bei Unternehmen, die vorwiegend im Technologie-

Bereich tätig sind , verhält es sich anders. Hier liegen die beiden Unternehmenstypen mit einer durchschnittlichen Verweildauer von 6,8 Jahren gleichauf.

Veränderungen brauchen Zeit, um sich auszuzahlen

„Gerade die Führungsriege in einem Unternehmen hat eine enorme Vorbildfunktion.

Wenn hier ein ständiges Kommen und Gehen herrscht, ist regelmäßig eine Verunsicherung

aller Angestellten zu verspüren. Zusätzlich ist dabei auch die Frage zu stellen, ob

Veränderungen, die Spitzenmanager treffen, nicht auch Zeit brauchen, um sich auszuzahlen.

Nachhaltige Unternehmenspolitik ist nicht mit einer hohen Fluktuation immer neuer

Spitzenleute durchzusetzen“, so Stiftungsvorstand Prof. Hennerkes.

Ein schneller Wechsel wird auch vom Kapitalmarkt nicht gefordert, wie ein Blick auf die

Unternehmen zeigt, die in der Rechtsform der AG geführt werden: Mit 8,2 Jahren Verweildauer

im Mittel der Aktiengesellschaften liegen Familienunternehmen deutlich höher

als Unternehmen im Streubesitz mit 6,3 Jahren. „Die beiden Indizes DAXplus Family

und GEX, die eigentümergeführte Unternehmen an der Börse abbilden, sind bei weitem

erfolgreicher. Auch hier scheinen sich Langfristigkeit und Nachhaltigkeit im wahrsten Sinne

des Wortes auszuzahlen“, ergänzt Hennerkes.

Verweildauer und Performance

Die Verweildauer von Prokuristen in Deutschland liegt in Familienunternehmen im Mittel

über alle Unternehmen bei 7,5 Jahren. Vor allem in Familienunternehmen in den unteren

Beschäftigtengrößenklassen sind Prokuristen signifikant länger im Amt als ihre Kollegen

in Nicht-Familienunternehmen. So dauert das Beschäftigtenverhältnis eines Prokuristen

in einem Familienunternehmen, das zwischen 1.000 und 9.999 Mitarbeiter hat, durchschnittlich

8,9 Jahre, während es in kleineren Familienunternehmen im Schnitt deutlich

kürzer ist, nämlich 5,4 Jahre.

Dass es einen Zusammenhang zwischen Beschäftigungsdauer und Performance des

Unternehmens gibt, zeigt sich, wenn man die Unternehmen mit wirtschaftlichem Aufwärtstrend

betrachtet. Hier nämlich sind Prokuristen mit 7,8 Jahren gemittelt im Amt, in

Nicht-Familienunternehmen 5,9 Jahre. In Unternehmen ohne wirtschaftlichen Aufwärtstrend

gleicht sich die Verweildauer an.„Die Zahlen zeigen, dass Führungsriegen oftmals nur kurze Gastspiele geben, was den Unternehmen letztlich schadet. Wertvolles Know-how geht verloren und das Vertrauen der Mitarbeiter. Diese wie auch die Geschäftspartner und Kunden setzen auf Kontinuität

der Geschäftsführung. Zudem sind komplexe Geschäftsprozesse nur mit großer Nachhaltigkeit

statt mit stetigem Richtungswechsel zu bewältigen“, kommentiert Hennerkes.

www.familienunternehmen.de