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22. März 2011

Kalkulationsrisiko Rohstoffpreise

Kalkulationsrisiko Rohstoffpreise

Die Preisschwankungen bei Rohstoffen sind inzwischen erheblich. Für die Unternehmen werden sie zunehmend zu einem Risiko, das die Erträge bedroht. Andrea Przyklenk sprach mit Eugen Weinberg, Leiter Commodity Research, und Michael Alt, Spezialist Rohstoffpreisabsicherung bei der Commerzbank AG, über die weitere Entwicklung der Märkte und die notwendige Absicherung gegen steigende Preise.

Weshalb schwanken die Rohstoffpreise so stark und wird das künftig so bleiben?

Eugen Weinberg: Die Rohstoffmärkte haben in den vergangenen zehn Jahren zwei entscheidende Umbrüche erlebt. Der eine war die Veränderung der physischen Nachfragestruktur, der steigende Bedarf der Schwellenländer, allen voran China und Indien. Der andere war die Veränderung der Rohstoffe zu einer neuen Anlageklasse. Heute üben die Anleger einen starken Einfluss auf die kurz- und mittelfristigen Preisentwicklungen aus. Wir gehen davon aus, dass die Rohstoffpreise auch in Zukunft sehr volatil und hoch bleiben werden. Das bezieht sich nicht nur auf Metalle und Öl, sondern auch auf andere Rohstoffe wie Nahrungsmittel, Baumwolle und Edelmetalle.

Eugen Weinberg ist davon überzeugt, dass Firmen,
die ihre Rohstoffpreise nicht absichern, im Grunde genommen spekulieren.

Kann man voraussehen, welche Preise am meisten steigen werden?

Eugen Weinberg: Nicht mit Sicherheit. Auf jeden Fall ist die Volatilität sehr hoch und davon sind alle Segmente des Rohstoffsektors betroffen. So hat sich der Preis für Nickel zum Beispiel seit 2006 innerhalb kurzer Zeit verfünffacht, dann wieder auf ein Fünftel reduziert und nun wieder verdreifacht. Auch Wetterereignisse wie die starken Regenfälle und Überschwemmungen in Australien spielen dabei eine Rolle. Deswegen gingen zum Beispiel die Preise für Kokskohle und Zucker steil nach oben.

Michael Alt: Generell kann man sagen, dass die Volatilität bei den Rohstoffpreisen bedeutend höher ist als bei Wechselkursen oder Zinsen. Bei den Rohstoffen lag die Schwankungsbreite bei teilweise über 50 Prozent pro Jahr. Bei Wechselkursen und Zinsen liegen die Volatilitäten deutlich nur zwischen acht und zehn Prozent.

Woran erkennen Unternehmen, welche Rohstoffpreise so stark schwanken, dass sie abgesichert werden müssen?

Eugen Weinberg: Ein gutes Beispiel ist das jüngste Verhalten der Einkäufer von Textilunternehmen. Sie befassen sich in der Regel nicht mit den Kosten für Baumwolle. Aber als sich der Baumwollpreis binnen nur eines Jahres von rund 70 Cents pro Pfund auf über zwei Dollar verdreifacht hat, stieg der Kostendruck massiv an, und sie waren gezwungen zu reagieren. Denn die Textilunternehmen blieben auf den höheren Kosten sitzen, weil sie meistens schon die Preise mit ihren Abnehmern fest vereinbart hatten. Dasselbe gilt für den Hersteller von Maschinen, wenn die Preise für Stahl, Aluminium und Kupfer anziehen. Ein Produzent von Pralinen war verblüfft, als wir ihm ausrechneten, dass die Kosten für die federleichte Aluminiumverpackung seiner Köstlichkeiten einen Anteil von rund zehn Prozent an seinem Jahresumsatz ausmachten. Im Falle steigender Preise führt das zu einem deutlich höheren Wareneinsatz.

Ist das Risikobewusstsein für volatile Rohstoffpreise noch nicht ausreichend entwickelt?

Michael Alt: Viele Unternehmen haben dafür noch kein ausreichendes Bewusstsein entwickelt. Sie haben zwar mit Treasury und Einkauf die Expertise im Haus, aber bisher eine genaue Bestandsaufnahme versäumt. Für die meisten Unternehmen sind die Rohstoffpreise kein Primärrisiko. Ihr Geschäft sind Kleider, Pralinen oder Maschinen. Sie müssen zunächst erkennen, dass auch ihre Kalkulation zu einem wesentlichen Teil von den Rohstoffpreisen abhängig ist, selbst wenn es für ihre Waren keine Börsenkontrakte gibt. Nach einer genauen Bestandsaufnahme, bei der die Produkte sozusagen in ihre Rohstoffe zerlegt werden, kann ein Risikoprofil erstellt und ein Weg zur Risikoabsicherung definiert werden.

Michael Alt empfiehlt, Rohstoffpreise zu einem großen Teil abzusichern,
weil sie meistens einen wesentlichen Anteil auf der Kostenseite darstellen.

Für die Absicherung von Preisschwankungen bei Rohstoffen gibt es verschiedene Möglichkeiten. Sind alle gleichwertig nutzbar bzw. gibt es einen Königsweg?

Michael Alt: Nein, die Absicherung ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Das Baukastensystem der Commerzbank ermöglicht es, bei über 30 Rohstoffen Instrumente exakt auf den Bedarf unserer Kunden abzustimmen. Die Basisinstrumente sind Festpreisvereinbarungen und Optionen. Während der Festpreis prämienneutral zu absoluter Kalkulationssicherheit führt, steckt hinter der Absicherung über Optionen der Versicherungsaspekt: Gegen Entrichtung einer Prämie besteht so der Schutz vor Preissteigerungen durch die Vereinbarung eines Maximalpreises und auch die Partizipation an sinkenden Marktpreisen. Kombinationen der Instrumente sowie maßgeschneiderte Chance-Risiko-Profile ermöglichen es den Unternehmen, gezielt an Marktbewegungen zu partizipieren und Risiken zu minimieren.

Warum sollte man denn überhaupt eine Absicherung über die Terminkontrakte vornehmen und nicht stattdessen Lagerbestände aufbauen?

Eugen Weinberg: In vereinzelten Fällen mag die Lagerhaltung sinnvoll sein, zum Beispiel, wenn man sehr spezifische Qualitätsanforderungen hat oder exotische Waren bezieht. Die Absicherung über die Finanzinstrumente ist zum einen liquiditätsschonend, zum anderen kann man weiterhin die Ware über seinen Lieferanten beziehen. Die Absicherung kann zudem eine günstigere Alternative zur Lagerhaltung bieten. Den Einkäufern bei Textilunternehmen, die zuletzt viel Baumwolle gekauft und eingelagert haben, war offensichtlich nicht bewusst, dass der Terminpreis für eine Lieferung in zwölf Monaten rund 40 Prozent unter den gegenwärtigen Preisen liegt. Somit könnte man die Einkaufspreise für das gesamte nächste Jahr fest einplanen und unter Berücksichtigung der eingesparten Lager- und Finanzierungskosten rund 50 Prozent billiger gestalten.