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20. April 2011

Aufbau und Förderung von Netzwerken

Aufbau und Förderung von Netzwerken

Der Aufbau von Kompetenzzentren bzw. technischen Netzwerken ist keine schnelle oder einfache Aufgabe. Sie nachhaltig erfolgreich für alle Mitglieder zu machen, erfordert Sachverstand und soziale Kompetenz. Dr. Martin Zagermann, Leiter Standortentwicklung II Forschung und Entwicklung bei der Wirtschaftsförderung der Region Stuttgart (WRS), weiß wovon er spricht, denn er ist für die Kompetenzzentren der Region zuständig. Die Redaktion sprach mit ihm über die Initiierung von Netzwerken, ihre Weiterentwicklung und die Fallstricke dabei.

Der Wirtschaftsförderer ist davon überzeugt, dass Netzwerke gerade in einer Technologieregion wie dem Ballungsraum Stuttgart unverzichtbar sind, vor allem für kleine und mittlere Unternehmen: „Die Kunden der Unternehmen verlangen immer mehr Flexibilität. Der Zulieferer muss sich mit immer mehr Themen befassen, die über seine Kernkompetenz hinausgehen. Gerade kleine und mittlere Unternehmen müssen dann externes Wissen hinzukaufen. In Netzwerken kommen sie mit anderen Unternehmen und Forschungsinstituten in Kontakt, die ihnen dabei helfen können oder mit denen sich eine fruchtbare Zusammenarbeit ergibt, die für beide Teile von Vorteil ist.“ Außerdem seien solche Netzwerke wichtig für die Standardisierung in Bereichen, in denen es noch keine gibt.

Dr. Martin Zagermann

Wenn das Staubkorn relevant wird

Ein Beispiel hat Dr. Zagermann auch gleich parat. „Im Moment befassen wir uns mit der Gründung eines Kompetenzzentrums für die industrielle Reinigung von Bauteilen und Oberflächen“, erklärt er. „Früher hat der Zulieferer die Teile hergestellt, verpackt und seinem Kunden geschickt. Der konnte sich dann mit der Reinigung befassen. Heute verlangt der Kunde bereits gereinigte Teile. Auf einmal wird die Frage relevant, was eigentlich sauber bzw. rein ist.“ Ein solcher externer Grund ist für den Netzwerk-Spezialisten der ideale Grund für die Gründung eines Netzwerks, denn hier können Hersteller, Zulieferer, Kunden und Forscher ihre Interessen und Kenntnisse zum Nutzen aller einbringen.

Bei der Gründung von zwölf Netzwerken hat die WRS seit 1995 geholfen. Eine Erkenntnis daraus ist, dass sich Netzwerke möglichst nicht an Fragen des Tagesgeschäfts orientieren sollten. „Ein Kompetenzzentrum zum Thema Brennstoffzelle zum Beispiel, weckte großes Interesse, weil hier noch viel Grundlagenforschung nötig ist, die ein Unternehmen allein meistens nicht leisten kann. Beim Kompetenzzentrum Verpackungsmaschinen ist Standardisierung ein Thema. Im Sondermaschinenbau möchte der Kunde meistens eine individualisierte Maschine. Entwickelt man standardisierte Schnittstellen und Module, verkürzt das die Inbetriebnahme und reduziert damit den Kostendruck.

Ein Paradebeispiel dafür, welchen Nutzen ein Kompetenzzentrum haben kann, ist die Bernd Kußmaul GmbH aus Weinstadt, Mitglied im Kompetenzzentrum „VDC Virtual Dimension Center Fellbach“. Das Unternehmen erfuhr im Netzwerk, wie sich durch den Einsatz von virtueller Realität und Simulation der Kosten- und Zeitaufwand im Entwicklungsprozess teilweise halbieren lässt. Letztlich folgte daraus ein Auftrag zur Konstruktion der Mittelkonsole des Bugatti Veyron.

Kontakte aus dem Zufall reißen

Bis es aber tatsächlich zu einem funktionierenden Netzwerk komme, seien einige Hindernisse zu überwinden. Die Kompetenzzentren werden in der Regel als Vereine gegründet, für die die Mitglieder Beiträge zahlen. „Doch damit jemand einen Beitrag zahlt, muss für ihn ein Nutzen gegeben sein. Es ist Aufgabe des Netzwerkmanagers, den Nutzen für die Unternehmen darzustellen“, sagt Dr. Zagermann. „Wir helfen dabei, eine geeignete Persönlichkeit zu finden, die über Sach- und soziale Kompetenz verfügt.“ Letzteres sei sehr wichtig, denn viele Unternehmer seien nur schwer davon zu überzeugen, dass ihnen die Zusammenarbeit einen Nutzen bringe. Viele befürchten zunächst, dass ihnen gute Ideen „geklaut“ werden. „Doch ein Netzwerk funktioniert nur, wenn sich seine Mitglieder aktiv einbringen“, so der Wirtschaftsförderer weiter. „ Es ist Aufgabe des Netzwerkmanagers, Themen und Interessenten zu identifizieren. Außerdem muss er zwischen Wissenschaft und Unternehmen vermitteln. Sie sprechen oft nicht dieselbe Sprache. Deshalb sollte der Netzwerkmanager gut zuhören und ‚spitze Ohren’ haben. Er muss das Eis brechen und die Unternehmer davon überzeugen, dass sie im Netzwerk etwas zu gewinnen haben.“ Auch Vorurteile und Ängste gilt es zu überwinden. Kleinere Unternehmen sind oft misstrauisch gegenüber großen Konzernen, die ebenfalls in den Kompetenzzentren vertreten sind. Doch gerade hier sieht Dr. Zagermann Chancen: „Es ergeben sich oft fruchtbare Kooperationen für beide Seiten.“

Ein bis drei Jahre dauert es nach Erfahrung der Wirtschaftsförderer bis in einem Kompetenzzentrum eine Win-Win-Situation entsteht. „Die Akteure müssen sich kennenlernen, miteinander ins Gespräch kommen. Der Netzwerkmanager muss Brücken bauen, Kontakte gezielt herstellen und sie aus dem Zufall reißen.“

Hilfe zur Selbsthilfe

Letztlich betrachten die Wirtschaftsförderer ein Netzwerk als Hilfe zur Selbsthilfe. „Die Mitglieder müssen begreifen, dass das Netzwerk nur so gut und nachhaltig ist, wie sie sich einbringen. Der Netzwerkmanager begleitet das Ganze als Moderator“, sagt Dr. Zagermann. „Wir von der WRS begleiten die Kompetenzzentren ebenfalls, aber wir können sie nicht alleine am Laufen halten.“ Große finanzielle Zuwendungen sind von der Wirtschaftsförderung nicht zu erwarten. „Wir können lediglich einzelne Projekte fördern, die zum Beispiel nur einen Teil der Mitglieder betreffen. Auch die Kosten für eine Studie können wir übernehmen, um das Gesamtnetzwerk zu entlasten.“ Bei der Bezahlung des Netzwerkmanagers oder den Räumlichkeiten für eine Geschäftsstelle sind oft die Kommunen behilflich. Sie begreifen die Unterstützung der Netzwerke als Standortmarketing.

Wer erst einmal vorsichtig Netzwerkluft schnuppern möchte, kann das in den Veranstaltungen der „internen Netzwerke“ der WRS tun. Dabei geht es um Querschnittsthemen, die viele Unternehmen betreffen, oder um Schnittstellen zwischen zwei Branchen wie Automobilindustrie und IT.

Woran Netzwerke scheitern

Darüber muss Dr. Zagermann nicht lange nachdenken: „Sie scheitern, wenn das Eis nicht gebrochen wird. Wenn die Unternehmer mit verschränkten Armen da sitzen und abwarten. Wenn sie nicht erkennen, dass der Mehrwert nicht unbedingt monetärer Natur ist. Ein Netzwerk bringt zahlreiche Kontakte, die man nutzen kann, weniger Aufwand, weil man Partner findet. Vor allem aber bringt es alle Akteure technologisch weiter und lässt sie besser werden. Im Netzwerk erkennt man zusätzliche Leistungen, die man seinen Kunden bieten kann und kann so die Wertschöpfung verbessern. Doch das alles klappt nur, wenn Substanz da ist, wenn die Unternehmen aktiv dabei sind und nicht nur in einer Beobachterrolle.“

www.kompetenzzentren.region-stuttgart.de

Im Titelthema der aktuellen News dreht sich alles um Netzwerke und Cluster.