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26. April 2011

Silberschmiede Robbe & Berking: Handarbeit am teuren Rohstoff

Oliver Berking führt ein Geschäft mit Tradition. In der fünften Generation steuert er die Flensburger Silbermanufaktur Robbe & Berking. Seine Vorfahren haben Krieg und Inflation bewältigt. Nun steht der 48-Jährige vor seiner besonderen Herausforderung: Weil Silber als Wertanlage derzeit hoch im Kurs steht, hat sich der Preis für seinen wichtigsten Rohstoff seit September vergangenen Jahres verdoppelt. Derzeit kostet eine Feinunze mit 31,1 Gramm an den Rohstoffbörsen rund 46 Dollar – so teuer war das Gold des kleinen Mannes zuletzt vor 31 Jahren. Und Experten erwarten weiter steigende Preise.

Berking rechnet nicht in Feinunzen. Er rechnet in Tonnen. 10 bis 20 Tonnen Silber braucht er im Jahr. Seine 120 Mitarbeiter machen daraus in Handarbeit glänzendes Besteck und so genanntes Tafelsilber: Schwere Kannen, Vasen und Leuchter aus Sterling Silber. „An den meisten Plätzen wird noch gearbeitet wie zu Zeiten meines Großvaters: Mit der Hand“, erzählt der Alleineigentümer der Silberschmiede, die 1874 von Nicolaus Robbe und seinem Schwiegersohn Robert Berking gegründet wurde.>/p>

Weltmarkführer in kleinem Segment

Staub und Lärm erfüllen die Flensburger Werkshalle, in der das gesamte Sortiment entsteht. Arbeiter fräsen, schleifen, prägen, andere ziehen weiße Handschuhe über, polieren und kontrollieren. Konzentriert und fast liebevoll fügt eine Arbeiterin einen Messergriff zusammen, füllt ihn mit Zement, setzt die Klinge ein, richtet minutiös die Schneide aus. Etwa 50 mal wird jede Kindergabel, jede Schokoladenkanne und jede Zuckerdose in die Hand genommen, bevor sie die Endkontrolle passieren kann und einzeln verpackt ins Lager wandert. Wer sich für diese Dinge interessiert, dem muss das Geld locker sitzen. Zum Beispiel für einen dreibeinigen Eierbecher aus massivem Silber, innen vergoldet mitsamt einem kleinen goldenem Salzstreuer in Eiform für 980 Euro das Stück.

Das Familienunternehmen setzt seit Generationen auf Sterling-Silber.

Robbe & Berking macht noch Besteck aus Sterling-Silber. Dabei besteht jedes Teil zu 92,5 Prozent aus Silber. Daneben fertigt die Silberschmiede auch das gängige, versilberte Besteck an, bei dem ein Metallkern nur eine feine Hülle aus Silber bekommt. „Der Markt für Bestecke aus Sterling Silber ist klein. Aber wir sind noch immer Weltmarktführer“, sagte Berking. Seine Arbeiter, mit kräftigen rauen Händen und vielen Jahren Berufserfahrung, teilen seine Begeisterung und Achtung für das glänzende Metall. Am Ende der Schicht lesen sie nicht nur die großen Silberspäne auf und sammeln sie auf Waagen. Mit feinen Fegern kehren sie glitzernden Schmirgelstaub zusammen. Das Edelmetall darin wird beim Silberlieferanten sorgsam von normalem Staub getrennt, dem Konto der Flensburger Silberschmiede gutgeschrieben und wiederverwendet.

Silberplatten so groß wie Türen

„Seit fast 26 Jahren denke ich jeden Tag an den Silberpreis. Ich träume schon davon“, sagte Berking, zugleich Eigentümer und Geschäftsführer der Flensburger Manufaktur. In seiner Schatzkammer lagern schwere glänzende Silberplatten, groß wie Zimmertüren. Sie sind der Grundstoff der Produktion. Täglich checkt Berking den Preis bei seinen beiden Lieferanten, scheint er günstig, dann schlägt der 48-Jährige zu. Ein nervenzehrendes Geschäft, denn niemand weiß, ob am nächsten Tag ein großes Plus oder ein Minus vor dem Preis steht. Die Preislisten für seine 4.500 edlen Produkte vom Hummerstift bis zum Gemüselöffel hat Berking bisher einmal im Jahr aktualisiert. Damit soll jetzt Schluss sein. Künftig soll sich der Preis im Laden nach dem aktuellen Börsenkurs des Silbers richten. „Natürlich nicht täglich eine neue Liste. Aber wir müssen den Preis künftig häufiger nach oben oder unten anpassen.“ Das ist ein schwieriger Balanceakt. Wer ein 30-teiliges Menübesteck in Sterling Silber kauft, investiert derzeit 3.672 Euro. Plötzliche Preisschübe könnten die Kunden verunsichern. Denn wer hofft, am nächsten Tag weniger bezahlen zu müssen, wartet ab.

Aber auch ein Familienunternehmen, das in seiner Geschichte nie rote Zahlen schrieb und stolz ist, ohne Bankkredite auszukommen, kann Preissprünge beim wichtigsten Rohstoff nur eine begrenzte Zeit lang abfedern. Bisher stammt die Hälfte der Erlöse des Flensburger Familienbetriebs aus dem Export von Besteck und Tafelsilber, Russland ist ein wichtiger Markt. Doch die andere Hälfte des Umsatzes wird in Deutschland erwirtschaftet, mit Privathaushalten und dem so genannten Objektgeschäft, bei dem ein großes Schiff oder ganzes Hotel ausgestattet wird. Über dem Gewinn liegt dabei silbernes Schweigen.

Online-Shop mit Gold- und Silberbarren

Wertanlagen in Gold und Silber gibt es ab
Sommer auf dem Portal des Unternehmens.

Nun steht noch eine zweite Neuerung an: Vom Sommer an will Berking über das Internet Silber- und Goldbarren sowie Münzen als Wertanlage verkaufen. „Alle machen sich Sorgen über die Zukunft des Papiergeldes. Deshalb haben mich viele Kunden nach Silber als Wertanlage gefragt“, erklärte er. Ein Testlauf in den elf eigenen Läden verlief gut: „Das Geschäft hat ein größeres Volumen als ich erwartet hatte“, resümiert Berking. Als langjähriger Großabnehmer hofft er, die Barren zum tagesaktuellen Kurs im Online-Shop an so manchem Tag preiswerter als die Konkurrenz anbieten zu können. Bisher treibt die steigende Nachfrage nach Silber als Wertanlage die Rohstoffpreise für die Manufaktur in die Höhe. Künftig könnte sie von den Anlegern profitieren – so die Rechnung. (Von Annette Jürgensmeier, dpa)