Aktuelles
16. Juni 2011

Familienunternehmen: Frisches Geld von der Börse

Unternehmensanleihen sind im Kommen

An der Börse in Stuttgart sind inzwischen
einige mittelständische Familienunternehmen aktiv.

Ein Unternehmen muss nicht unbedingt eine Aktiengesellschaft sein, um die Börse als Finanzierungsquelle für sich zu nutzen. Auch andere Firmen können mittels einer Anleihe in diesem Bereich aktiv werden. Im Mittelstandsegment „Bondm“ der Börse Stuttgart sind schon einige Mittelständler gelistet, darunter ganz neu das Familienunternehmen Reiff aus Reutlingen.

„Mit der Anleihe möchten wir frisches Kapital in Höhe von 30 Millionen Euro für unser Unternehmen gewinnen“, sagt Eberhard Reiff, der zusammen mit seinem Bruder Hubert und Dr. Immanuel Kohn die Geschicke des Reutlinger Handelsunternehmens leitet. Mitte Mai konnten Privatanleger und institutionelle Investoren die Coupons in Stückelungen von 1.000 Euro ordern. Dank der Emission ist die Finanzierung der Firma nun auf eine breitere Basis gestellt, sind weiteres Wachstum und strategische Akquisitionen möglich. Erst vor wenigen Monaten hatte Reiff den Motorradreifen-Großhändler „Reifen Krupp“ übernommen – ein Teil des Geldes ist für diesen Kauf bestimmt. Zudem sind umfangreiche Investitionen im Bereich Technische Produkte geplant.

Die Reiff-Geschäftsleitung: Hubert und Eberhard Reiff sowie Dr. Immanuel Kohn (v.l.)

Eberhard Reiff sieht gerade in der Anleihe ein ideales Finanzierungsinstrument für Mittelständler: „Angesichts von Basel III wird es meiner Ansicht nach gerade für größere mittelständische Unternehmen künftig schwieriger werden, günstig an Kredite zu gelangen.“ Da gelte es, rechtzeitig die Fühler nach Alternativen auszustrecken. Ein weiteren Vorteil sieht er darin, dass mit einer Anleihe die finanzielle Unabhängigkeit des Familienunternehmens gewahrt bleibt. Sein Bruder ergänzt: „Unsere Unternehmen gibt es bereits seit über 100 Jahren, wir sind in der Region stark verwurzelt und verfügen über ein breites Portfolio. Da spricht also einiges für eine Anleihe, gerade wenn so etwas in Stuttgart möglich ist.“

Mehr Transparenz erforderlich

Firmen, die eine Anleihe in Betracht ziehen, müssen sich darüber im Klaren sein, dass sie gegenüber den Anlegern neuen Pflichten nachkommen müssen. Die Platzierung an der Börse verlangt von den Unternehmen mehr Transparenz: Die Öffentlichkeit erhält einen detaillierten Einblick in die Erträge. Doch gerade viele Familienunternehmen halten sich in diesem Bereich eher bedeckt. „Wir hatten damit keine Probleme“, so Eberhard Reiff gegenüber den News im Vorfeld einer Pressekonferenz zur Anleihe. „Alle unsere Zahlen stehen doch sowieso im Elektronischen Bundesanzeiger und können dort jederzeit abgerufen werden. Außerdem pflegen wir intern schon seit vielen Jahren eine offene Zahlenkultur. Der Schritt nach außen ist also für uns nur ein kleiner.“ So klein aber wohl doch nicht, wie die Pressekonferenz zeigte, bei der sich die Geschäftsleitung recht schwer tat, genauere Angaben zur weiteren Entwicklung zu machen.

Rund ein Viertel Jahr lag bei Reiff zwischen der endgültigen Entscheidung, eine Anleihe zu platzieren, und dem Start Mitte Mai. Das Unternehmen musste unter anderem einen Wertpapierprospekt erstellen, der von der Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) geprüft wird. „Wir konnten den Prospekt mit Hilfe unserer Marketingabteilung aus eigener Kraft auf die Beine stellen“, erzählt Hubert Reiff. „Das hatte den Vorteil, dass ein Externer das ‚Gen unseres Unternehmens’ nicht erst einatmen musste, sondern wir gleich starten konnten.“ Pünktlich zur Vorstellung Anfang Mai wurde die 180 Seiten starke Broschüre präsentiert. Darin finden Anleger alle Daten und Zahlen über das Unternehmen, werden aber auch über mögliche Risiken der Anlage informiert.

Für wen sich Anleihen eignen

Ralph Danielski, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung bei der Börse Stuttgart,
sieht für Unternehmen, die eine Anleihe platzieren, zahlreiche Vorteile.

Nicht für jede Firma kommt eine Anleihe an der Mittelstandsbörse in Stuttgart in Frage. „Unternehmen mit einem Kapitalbedarf zwischen 25 Millionen und 150 Millionen Euro können über das Handelssegment Bondm durch die Eigenemission von Anleihen Fremdkapital aufnehmen. Im Fokus stehen dabei Unternehmen aus dem industriellen und industrienahen Mittelstand“, sagt Ralph Danielski, stellvertretender Vorsitzender der Geschäftsleitung bei der Börse Stuttgart. Bevor es zu einer Emission kommt, prüfe aber ein externer Kapitalmarktexperte, ein so genannter Bondm-Coach, die Kapitalmarktreife der Emittenten. Neben den Transparenz-Regelungen schreibt die Börse laut Danielski außerdem eine Ratingpflicht für mittelständische Unternehmen vor. „Diese kann unter bestimmten Voraussetzungen entfallen, beispielsweise bei Unternehmen, deren Aktien bereits an einem regulierten Markt zugelassen sind“, so der Experte. Nachteile durch eine Anleihe sieht Danielski für die Unternehmen nicht, im Gegenteil: „Mit einer Eigenemission von Anleihen können die Unternehmen die Kapitalmarktkosten für Fremdkapital unter Kontrolle halten, indem sie sich für die Laufzeit des ausgegebenen Bonds das aktuelle Zinsniveau sichern und somit Planungssicherheit gewinnen.“ Unternehmen, die erstmals eine Anleihe am Kapitalmarkt platzieren würden, könnten zudem wichtige Erfahrungen sammeln.

Und mit welchen Kosten müssen die Unternehmen rechnen? „Die Kosten einer Anleiheemission hängen von vielen Faktoren ab und können daher nicht pauschal beziffert werden. Ein wesentlicher Parameter ist dabei die Höhe des Emissionsvolumens“, unterstreicht Danielski. „Darüber hinaus fließen – je nach Emittent – diverse Dienstleistungen in die Gesamtkosten mit ein. Dazu gehören der Bondm-Coach, eine Ratingagentur sowie die Bereitstellung der Bondm-Zeichnungsbox.“ Viele Unternehmen würden auch auf die Unterstützung durch eine Kommunikationsagentur setzen. Für das Listing in Bondm und den Freiverkehr der Börse Stuttgart entstünden einmalig Gebühren in Höhe von 1.000 Euro.

Die Reiff-Gruppe ist eine Handelsgruppe in den Bereichen Reifen, Autoservice, Technischer Handel und Elastomerverarbeitung. Im ersten Quartal beschäftigte das Familienunternehmen an über 80 Standorten 1.560 Mitarbeiter. Die Anleihe mit einer Stückelung von 1.000 Euro ist mit einer Laufzeit von fünf Jahren und einem Zinskupon von 7,25 Prozent versehen. Im Fokus stehen vor allem private Anleger und kleinere institutionelle Investoren. Und die griffen kräftig zu: Am Platzierungstag war die Anleihe bereits nach nur drei Stunden 3,5-fach überzeichnet, so dass das Angebot vorzeitig beendet werden musste.

www.reiff.de

www.boerse-stuttgart.de

In der Juni-Ausgabe der News (erscheint am 17. Juni) dreht sich alles um das Thema „Schlau finanzieren“.