Aktuelles
13. Juli 2011

Der Wandel des Führungsstils

Vaude-Chefin Antje von Dewitz im Interview

Kommt es zu einem Generationswechsel im Familienunternehmen, geht dieser häufig mit der Veränderung des Führungsstils einher. Gerade wenn Gründer ihr Lebenswerk an die Kinder weitergeben, ist Fingerspitzengefühl beim Übergang gefragt. Die Familienunternehmer-News sprachen darüber mit Antje von Dewitz, Geschäftsführerin des Outdoorausrüsters Vaude mit Sitz in Tettnang.

Sie sind seit 1998 im Unternehmen und haben im Jahr 2009 die Geschäftsleitung von Ihrem Vater übernommen. Inwieweit unterscheidet sich Ihr Führungsstil von dem Ihres Vaters?

Antje von Dewitz: Unsere Führungsstile unterscheiden sich voneinander. Das liegt einerseits daran, dass ich in einer anderen Zeit groß geworden bin, andererseits waren unsere Ausgangssituationen sehr unterschiedlich. Mein Vater hat das Unternehmen gegründet und alle Bereiche bei Vaude quasi selbst aufgebaut. Viele wesentliche Entscheidungen liefen daher bei ihm zusammen. Ich habe unter ganz andere Bedingungen angefangen. Die Strukturen des Unternehmens waren bei der Übernahme der Geschäftsleitung bereits sehr komplex und die Mitarbeiterzahl am Standort auf 450 angewachsen. Zudem brachte ich natürlich nicht das 30-jährige Expertenwissen meines Vaters mit. Dazu kommt, dass ich mir als vierfache Mutter von Anfang an als Ziel gesetzt hatte, genügend Zeit auch für meine Familie zu haben. Ich musste also meinen eigenen Weg finden, für mich das Unternehmen handhabbar und übernahmefähig zu machen. Und das war nur mit einem anderen Führungsstil möglich. Dieser zeichnet sich vor allem durch mehr Eigenverantwortung von Führungskräften und Mitarbeitern sowie einer klaren Prozessorientierung aus.

Antje von Dewitz

Wie haben Sie es geschafft, Ihre Vorstellungen von Führung und die Ihres Vaters unter einen Hut zu bringen?

Mein Vater hat mir sehr viel Freiraum gelassen hat, um Dinge auszuprobieren und meinen eigenen Weg zu finden. Das war wirklich toll. Das eine oder andere Mal hat er meine Entscheidungen auch kritisch gesehen und die Vorgehensweise dann auch mit mir diskutiert. Aber er hat auch gesehen, dass Vieles funktionierte, was ich angepackt habe. Und das hat er entsprechend gewürdigt.

Welche Rolle spielt bei Ihrer Führung die Tradition, welche die Moderne?

Wir sind ein Familienunternehmen und entsprechend richtet sich unser Handeln danach. Das war bisher so und wird sich auch nicht ändern. Die Menschen stehen bei uns im Fokus. Die Sichtweise innerhalb des Unternehmens könnte sich hingegen verändert haben. Früher war es eher so, dass man auf die Leistungen meines Vaters als Gründer und als erfolgreicher Unternehmer stolz war. Jetzt drückt sich der Stolz eventuell mehr im eigenen Beitrag zum Unternehmenserfolg aus, nach dem Motto: „Wir sind das Unternehmen“.

Ein Wechsel in der Geschäftsleitung wird von den Mitarbeitern aufmerksam beobachtet. Wie haben Ihre Mitarbeiter auf Veränderungen in Bezug auf den Führungsstil reagiert bzw. wie wurden sie „mitgenommen“?

Uns war allen klar, dass der Generationswechsel bei Mitarbeitern durchaus auch mit Ängsten verbunden ist. Daher war wichtig, alle Mitarbeiter auch zu erreichen und auf diesem Wandel mitzunehmen. Dazu gab und gibt es Veranstaltungen für alle Mitarbeiter, in denen ich meine Vorstellungen von Führungsstil oder Unternehmenskultur vorstelle. Um die Mitarbeiter jedoch wirklich nachhaltig erreichen zu können, richtet sich der Hauptfokus auf die Führungskräfte als Vermittler des neuen Führungsstils. Bei dieser Aufgabe, die wir über Schulungen und Klausuren angehen, begleitet uns bis heute ein Coach. Parallel dazu haben wir einen jährlichen „Change-Tage“, an dem wir gemeinsam bewerten, wo wir in diesem Wandel stehen und woran wir in unserer Unternehmenskultur, Organisation oder Führungsstil noch arbeiten müssen.

Meine detaillierten Vorstellungen von Führung habe ich kurz vor der Übergabe niedergeschrieben und im Führungskreis zur Diskussion gestellt. Natürlich wurde anfangs immer wieder zwischen den Führungsstilen verglichen. Klar war jedoch von Anfang an, dass Veränderungen in Bezug auf den Führungskultur sein mussten, um das Unternehmen fit für die Zukunft und weiteres Wachstum zu machen. Im engeren Kreis diskutieren wir nach wie vor viel und sehr offen die konkrete Anwendung des Führungsstils in der konkreten Praxis. Da hat sich bei uns ein demokratischer Prozess etabliert, der dafür sorgt, dass der neue Führungsstil lebt und gelebt wird. (hf)

Das Unternehmen

Das 1974 gegründete Outdoor-Ausrüster Vaude produziert Produkte für Berg- und Bikesport. Derzeit beschäftigt das Familienunternehmen mit Hauptsitz im baden-württembergischen Tettnang weltweit 1.500 Mitarbeiter, davon 530 in Süddeutschland (zusammen mit der Schwestermarke Edelrid). Antje von Dewitz übernahm nach ihrem Studium der Wirtschaft- und Kulturraumstudien von 1998 bis 2000 das Produktmanagement für die Lifestyle-Linie „Packs n’Bags“ bei Vaude. Seit 2005 ist sie Marketingleiterin und hat in dieser Funktion 2009 das operative Geschäft übernommen. Zwischen 2002 und2005 promovierte und arbeitete die heute 38-Jährige am Stiftungslehrstuhl Entrepreneurship an der Universität Hohenheim.

www.vaude.com

In der Juli/August-Ausgabe der News (erscheint am 14. Juli) dreht sich alles um das Thema „Führung im 21.Jahrhundert“.