Aktuelles
25. Juli 2011

KMU zurückhaltend gegenüber Open Innovation

Forschungsprojekt zeigt Weiterbildungsbedarf

Prof. Dr. Sonja Salmen: „Nur wer mitmacht, gewinnt.“

Viele der großen Unternehmen sind bereits seit Jahren im Internet und in sozialen Netzwerken aktiv. Sie nutzen das Web 2.0 nicht nur für Informationszwecke, sondern auch für Open Innovation. Die Großen haben längst erkannt, dass Open Innovation, also die Einbeziehung von anderen Gruppen wie Kunden oder Lieferanten in den Innovationsprozess die Innovationsfähigkeit steigert und Kunden bindet. Kleine und mittlere Unternehmen tun sich sowohl mit sozialen Netzwerken als auch mit Open Innovation noch schwer. Das belegt ein Forschungsprojekt der Hochschule Heilbronn.

Das Projekt „Open Innovation by 3D Collaboration“ wurde durchgeführt vom Studiengang Electronic Business unter Leitung von Prof. Dr. Sonja Salmen in Zusammenarbeit mit der MFG Baden-Württemberg und der PR-Agentur Sympra (GPRA) aus Stuttgart. Ein Teilaspekt des Projekts war die Erhebung eines Branchenbarometers Open Innovation für KMU im April/Mai 2011 im Geschäftsbereich der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg.

Mit einer Befragung von Unternehmen wollte man vor allem Antworten auf drei Fragen erhalten:

  • Ist Open Innovation, das heißt die Öffnung des klassischen Innovationsprozesses für externe Quellen wie Kunden, Lieferanten, Interessenten, öffentliche Bildungseinrichtungen zur Generierung von neuen Produkten und Dienstleistungen sowie Geschäftsmodellen eine für KMU realisierbare Alternative im internationalen Kampf um Wettbewerbsvorteile?
  • Wird Open Innovation bereits in mittelständischen Unternehmen am Innovationsstandort Baden-Württemberg genutzt?
  • Besteht derzeit ein Weiterbildungsbedarf rund um die Thematik Open Innovation insbesondere bei KMU?

Ältere Unternehmen zurückhaltend bei Open Innovation

Bei der Auswertung der Antworten – 60 Prozent kamen von Geschäftsführern und 16 Prozent von Inhabern – ergaben sich einige interessante Aspekte. So wurde zum Beispiel ein Zusammenhang zwischen dem Unternehmensalter und dem Einsatz von Open Innovation deutlich: Unternehmen mit einem Alter bis zu zehn Jahren setzen den Prozess Open Innovation häufiger ein (33 Prozent) oder befinden sich in der Planungsphase des Einsatzes (15 Prozent) als ältere Unternehmen. Von ihnen stehen der Open Innovation 76 Prozent ablehnend gegenüber. Nur 16 Prozent wenden diesen Prozess in ihrem Unternehmen an. Dabei zeigte sich auch, dass Unternehmen, die Open Innovation einsetzen, erfolgreicher sind als andere. 29 Prozent von ihnen befanden sich in den letzten fünf Jahren im Aufschwung, aber nur 19 Prozent derjenigen ohne Open Innovation. Außerdem befanden sie sich nur zu sechs Prozent in einer Phase der Stagnation. Ohne Open Innovation stagnierten 13 Prozent.

Bei den befragten Unternehmen, die Open Innovation praktizieren, betrug der Anteil der tendenziell schwer zu kopierenden Produkte 67 Prozent, bei denen, die auf Open Innovation verzichten, nur 44 Prozent. Prof. Salmen: „Der Einsatz von Open Innovation bewahrt vor einer Stagnation bzw. einem Abschwung, da zum Beispiel Geschäftsmodelle, Dienstleistungen, Produkte und Prozesse so einzigartig sind, dass Sie einen echten komparativen Wettbewerbsvorteil darstellen.“

Hemmschwelle Unkenntnis

Als Partner für Open Innovation rangierten auf Platz 1 Bildungseinrichtungen und Kunden, gefolgt von Forschungsinstituten und Lieferanten. Die Hauptmotivatoren für den Einsatz von Open Innovation ist nach der Befragung die Erschließung neuer Märkte und Marktsegmente, gefolgt von der Ausdehnung der Wissensbasis. Social Media Monitoring (28 Prozent), Ideenwettbewerbe im Social Web (28 Prozent) und Broadcasting (11 Prozent) sind die präferierten Zuggangswege, um sich die Intelligenz der Masse im Mitmach-Web zu eigen zu machen. Welche Bedeutung die Unternehmen dem Social Web beimessen, wird dadurch deutlich, dass bereits 56 Prozent der befragten Firmen eine Veränderung ihrer Open-Innovation-Aktivitäten durch den Einsatz von Social-Media-Applikationen in Angriff genommen haben und 33 Prozent zumindest neue Gestaltungspotenziale erkennen.

Nichtsdestotrotz gibt es nach wie vor hohe Hemmschwellen in den Unternehmen. Immerhin 68 Prozent aller befragten Unternehmen lehnen den Einsatz von Open Innovation ab. Bei der Beleuchtung der Gründe dafür zeigte sich unter anderem, dass nur neun Prozent der Probanden sich mit dem Thema „sehr intensiv“ auseinandergesetzt und nur 18 Prozent „etwas beschäftigt“ hatten. Immerhin 39 Prozent der derzeit noch keine Open Innovation einsetzenden Unternehmen, 56 Prozent der derzeit einen Einsatz planenden und 17 Prozent der bereits erfahrenen Open Innovatoren sehen Bedarf an einer persönlichen Weiterbildung im Themenfeld Open Innovation.

Weiterbildung scheint dringend nötig, denn die Unternehmen, die keine Open Innovation einsetzen, können auch den Aufwand dafür nicht richtig einschätzen. In Bezug auf den Ablehnungspunkt „Zu hohe Kosten bei der Entwicklung von Open Innovation“ antworteten 42,1 Prozent mit „Weiß nicht“. Bemerkenswert ist, dass innerbetriebliche Widerstände bei der Implementierung von Open Innovation das geringste Problem darstellen. In vielen Fällen arbeiten Unternehmen bereits mit externen Partnern wie Lieferanten und Kunden im Rahmen ihres Innovationsprozesses zusammen, ohne sich darüber bewusst zu sein, Open Innovation zu betreiben.

Fazit der Studie: Open Innovation ist für viele KMU am Innovationsstandort Baden-Württemberg noch absolutes Neuland. „Die mit den Wandlungsprozessen einhergehenden notwendigen Umstrukturierungen können von vielen Unternehmen noch nicht eingeschätzt werden“, sagt Prof. Dr. Salmen. „Daher wird häufig nach dem Motto agiert ‚diese Modeerscheinung sitzen wir aus, es wird uns sicherlich nicht wirklich betreffen’.“ Doch so einfach sei es nicht, ist die Wissenschaftlerin überzeugt. „Damit sich offene Innovationen im Mittelstand etablieren kann, gilt es in der ersten Innovationsphase im ersten Schritt interne Unternehmenskommunikation basierend auf Social-Media-Applikationen zu implementieren. Im zweiten Schritt ist eine proaktive Initiierung und Unterstützung der Wandlungsprozesse durch die Unternehmensleitung unabdingbar. Im dritten Schritt bedarf es der Ermutigung und Qualifizierung der Belegschaft zum verantwortungsvollen Mitgestalten sowie eines attraktiven Employer Branding, da es gilt die Impulsgeber des Social Web, die so genannten Digital Natives, anzulocken.“ Das Motto im Zeitalter des Mitmach-Web laute auch für Unternehmen „Nur wer mitmacht, gewinnt“, so Prof. Salmen abschließend.