Aktuelles
19. September 2011

Familienunternehmer als Blogger

Mit Wahrheit, Vertrauen und Humor

Auf dem Kommunikationskongress in Berlin zeigten die Chefs von zwei Familienunternehmen, wie man mit einem Einsatz als Blogger nicht nur Friends und Follower gewinnen kann, sondern auch Kunden und Umsatz. Sowohl Kirstin Walther von der Kelterei Walther GmbH & Co. KG aus Arnsdorf in der Nähe von Dresden als auch Ludger Freese, Chef der Fleischerei Freese in Visbek im Oldenburger Münsterland, waren keine versierten Internet- und Social-Media-Spezialisten, als sie mit Website, Bloggen und anderen Social-Media-Aktivitäten begannen. Beide punkten jedoch bei ihrer Fan-Gemeinde mit Vertrauen, der Wahrheit und einer gehörigen Portion Humor.

Kirstin Walther führt die 1927 gegründete Saftkelterei in vierter Generation seit 2004. Damals machte der Betrieb etwa eine Million Euro Umsatz, heute sind es drei Millionen pro Jahr. Entscheidend dazu beigetragen hat die Einführung der so genannten Saftbox, in der die Säfte länger haltbar sind. Außerdem werden die Saftboxen beim Versand nicht so leicht beschädigt. Und natürlich haben auch die Blogger-Aktivitäten der Chefin dazu beigetragen, dass die Säfte bekannter wurden und inzwischen über zehn Prozent des Umsatzes über das Internet erzielt werden.

Banal ist nicht schlimm

Im Januar 2006 hat Kirstin Walther angefangen mit dem Bloggen. „Ich habe viel ausprobiert, vor allem auf einer persönlichen Ebene, habe über Urlaub, Freund, Ärger und auch schöne Erlebnisse geschrieben“, sagt sie. „Ich muss in meinem Blog nicht verkaufen, sondern ich will so sein, wie ich bin. Es ist nicht schlimm, wenn man über banale Dinge schreibt.“ Bei Facebook hat die Saft-Lady inzwischen 1.700 Friends. Die meisten Klicks gibt es auf die banalen Dinge. Wichtig sei es, echt zu sein und bei der Wahrheit zu bleiben, auch und gerade dann, wenn sie unangenehm sei.

Lachend erzählt Kirstin Walther von einem Kunden, der eine Saftbox zerlegte und außen an dem Beutel, in dem der Saft ist, einen Zettel fand, auf dem stand: „Ich bin der 475. Beutel – ist der Rotz bald mal alle?“ Der Kunde beschwerte sich bei der Lebensmittelkette, bei der er den Saft gekauft hatte, die wiederum bei der Kelterei. Die Chefin forschte nach und erfuhr, dass sich die Mitarbeiter in der Produktion manchmal solche Nachrichten schrieben. In diesem Fall hatten sie wohl vergessen, den Zettel wieder abzumachen. Kirstin Walther fand das nicht so tragisch, weil es die Qualität des Saftes schließlich nicht berührte. Also postete sie den Vorfall in ihrem Blog. Ergebnis: Die meisten Leute fanden es eher witzig als schlimm und es bescherte ihr sogar einen Artikel im Managermagazin unter der Überschrift „Wenn der Chef bloggt“.

Offenheit und Spaß bringen Verständnis

„Um so offener man ist, desto unangreifbarer wird man“, fasst die „Safttante“ ihre Erfahrungen zusammen. „Jeder weiß, dass Menschen nicht perfekt sind. Reklamationen sind bei uns ein tolles Kundenbindungstool. Irgend jemand hat einmal gesagt, dass man nicht mit sozialen Medien Geld verdient, sondern mit Menschen, die einem vertrauen. Genau so erlebe ich das auch.“ Auf Twitter zum Beispiel befassten sich 80 Prozent ihrer Beiträge überhaupt nicht mit Saft. Trotzdem würden viele Leute die Produkte der Kelterei weiterempfehlen, weil sie ihr als Person vertrauten. „Ich habe auch die Erfahrung gemacht, dass die Leute Positives öffentlich diskutieren, aber Negatives oft an mich persönlich richten.“

Im Austausch hält Kirstin Walter auch mit eher unangenehmen Nachrichten nicht hinter dem Berg. 2010 zum Beispiel fiel die Apfelernte recht schlecht aus. Also verkündete sie in ihrem Blog, der Apfelsaft schmecke nicht wie gewohnt und werde auch teurer. „Prompt bekamen wir Anrufe von Leuten, die noch Äpfel hatten und sie uns zur Verfügung stellen wollten.“ Inzwischen ist die Kelterei sogar im klassischen Printbereich aktiv mit einer Kundenzeitung, die dreimal im Jahr mit der Sächsischen Zeitung verteilt wird. Auch darin geht es nur in 30 Prozent der Inhalte um Saft.

Besonderen Spaß machen Kirstin Walther und ihren Anhängern die kleinen Videofilmchen, die sie gerne dreht und ins Netz stellt. Dafür lässt sie sich einiges einfallen wie einen Dieb, der auf dem Hof erwischt und verfolgt wird. Als er gestellt wird, zieht er sich die Maske vom Gesicht, unter der sich natürlich die Chefin selbst verbirgt, die grinsend sagt: „Ich hab das Eis.“ Eine Idee, die der Bloggerin aus Leidenschaft kam, als viele Leute aus der Umgebung immer wieder beklagten, dass es eine bestimmte Eissorte in der Gegend nicht gebe. Egal, ob Saft-Freak oder nicht: www.walthers.de macht Spaß.

Wie kommuniziert ein Fleischer?

Das war die Frage, die sich Ludger Freese, Inhaber einer Fleischerei und einer Gaststätte mit 20 Mitarbeitern in dem 9.000-Einwohner-Ort Visbeck, angesichts von rückläufigen Kundenzahlen und diverser Skandale stellte. „Über den Preis allein wollte ich nicht kommunizieren“, sagt er. Im Jahr 2000 bastelte er sich die erste Internetseite. Mittlerweile hat der 53-jährige nicht nur die Internetseite www.fleischerei-freese.de, sondern auch Blogs, zum Beispiel www.world-wide-wurst.de, ist bei Twitter und Facebook aktiv und bekannt wie ein bunter Hund.

Auf seinem Blog „Essen kommen!“ hat er seit März 2007 über 1.200 Artikel eingestellt, dazu gab es 6.900 Kommentare und 850.000 Besucher mit 1,7 Millionen Seitenaufrufen. Bei Facebook hat der rührige Fleischer 822 Freunde, bei Twitter über 2.000 Follower. Auch die Umsätze sind nach oben gegangen. Eines von Freeses Youtube-Filmchen wurde fast 24.000 Mal angeklickt, aber es ging beileibe nicht um die Wurst. Irgendjemand hatte gefragt, wie man eine Bierflasche mit einem Wegwerffeuerzeug öffnen könne. Freese führte es vor und zwar in Variation: mit einer Suppenkelle, mit einem Fleischermesser und anderen Werkzeugen – und das nur 30 Minuten nachdem die Frage im Netz aufgetaucht war.

Der Austausch mit Kunden und anderen führt laut Ludger Freese auch zu neuen Produkten, neuen Geschäftsfeldern, zu Presseberichten, Vorträgen, Besuchen und Empfehlungen. Über den Blog findet er sogar Tester für neue Produkte oder auch neue Mitarbeiter. Wie Kristin Walther ist auch Freese überzeugt, dass es im Netz nicht darum geht, Werbesprüche von sich zu geben, sondern um Offenheit, Ehrlichkeit, Humor und Respekt. „Menschen mögen Menschen“, fast Fresse seine Philosophie zusammen. „Fleischer sind eine aussterbende Spezies. Deshalb muss man anders sein und auffallen.“