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5. September 2011

Mehr Recycling und Rohstoff-Effizienz nötig

Mehr Recycling und Rohstoff-Effizienz nötig

Wertvoller Elektronikschrott – Kontakte von Leiterplatten.

Angesichts knapper werdender Rohstoffe und höchst volatiler Preise steigt die Bedeutung der Wiederverwertung von Rohstoffen. Die News-Redaktion sprach mit Dr. Axel Schweitzer, Vorstandsmitglied der Alba Group in Berlin, über die Möglichkeiten, die Recycling heute und in Zukunft bietet.

Rohstoffe werden immer knapper und teurer. Die Recycling-Branche boomt. Kann Recycling wirklich aus der Rohstoff-Klemme helfen?

Dr. Axel Schweitzer: Wenn wir die aktuellen Entwicklungen in Asien, insbesondere in China, zugrunde legen, werden innerhalb der nächsten 20 Jahre rund 90 Prozent der gängigen Rohstoffe dort verbraucht. Für den Rest der Welt, inklusive der USA und Afrika, bleiben dann – rein rechnerisch – noch etwa zehn Prozent übrig. Wir werden in Deutschland gar nicht umhin kommen, uns noch deutlich stärker mit den Themen Ressourceneffizienz und Rohstoffrückgewinnung zu beschäftigen. Schon heute sehen wir, dass der Zugriff auf Rohstoffe nicht mehr allein eine Frage des Preises ist. Parallel erleben wir bei der Preisentwicklung teilweise extreme Ausschläge nach unten und oben. Daraus leiten sich zwei Trends ab: Zum einen gewinnt das Recycling von Rohstoffen aus dem Abfall immer stärker an Bedeutung, zum anderen die Frage, wie wir mit weniger Ressourceneinsatz höheres wirtschaftliches Wachstum erzielen können.

Dr. Axel Schweitzer führt gemeinsam mit seinem Bruder, Dr. Eric Schweitzer, die Alba Group.

Kann das Recycling tatsächlich so viel leisten? Ist die Ausbeute nicht sehr gering?

In einer Tonne alter Handys stecken rund 250 Gramm Gold. Das klingt wenig, ist aber ein Vielfaches mehr, als sich aus einer Tonne Erz in einer Goldmine gewinnen ließe. Dennoch kann Recycling allein unsere Rohstoffprobleme nicht lösen, wenn nicht gleichzeitig die Effizienz steigt. Dafür muss man neue Wege gehen, gerade im Bereich Abfallvermeidung. Bei unserer Tochter Interseroh Pool bieten wir zum Beispiel dem Handel eine Mehrweg-Kunststoffkiste für den Obst- und Gemüsebereich an, die von uns im Kreislauf minutengenau gesteuert wird – vom Bauern in die Filiale über eine Waschanlage und wieder zurück. Damit braucht es die Papier- und Holzverpackungen nicht mehr, die früher täglich ausgetauscht werden mussten.

Wie sind die Preise für recycelte Rohstoffe im Vergleich zu den Rohstoffpreisen und wie werden sie sich voraussichtlich entwickeln?

Die Preise für Rohstoffe und für recycelte Rohstoffe orientieren sich aneinander. Teilweise liegen die Preise für Primärstoffe über denen für Sekundärrohstoffe, bei Metallen gibt es – wenn das recycelte Material einen hohen Reinheitsgrad hat – kaum einen Unterschied und inzwischen erleben wir auch schon, dass Recyclingrohstoffe unter dem Öko-Aspekt wertvoller als Neuware sein können.

Haben recycelte Rohstoffe Vorteile gegenüber den Primärrohstoffen?

Ja. Die Herstellung vieler Stoffe aus Recyclingmaterial spart im Vergleich zur Erzeugung aus Primärrohstoffen Energie und damit schädliche Emissionen. Wenn sich ein Unternehmen beispielsweise entscheidet, recyceltes Aluminium einzusetzen, reduziert sich dadurch der CO2-Fußabdruck um gut zehn Tonnen CO2 je eingesetzte Tonne Aluminium. In einer wissenschaftlichen Studie hat das Fraunhofer-Institut ermittelt, dass allein durch die Tätigkeit der Alba Group jedes Jahr rund ein Prozent der gesamten deutschen CO2-Emissionen eingespart wird.

Welchen Stellenwert hat das Recycling von Rohstoffen heute für die Industrie?

Etwa 14 Prozent der in Deutschland verbrauchten Rohstoffe sind heute schon Sekundärrohstoffe, Tendenz zunehmend. 2015 könnten des nach Prognosen des Instituts der deutschen Wirtschaft bereits rund 20 Milliarden Euro sein. Und in den vergangenen 15 Jahren konnte die Branche pro Jahr durchschnittlich um rund 14 Prozent zulegen.Durch dieses rasante Wachstum ist sie zu einem der wichtigsten Rohstofflieferanten für die heimische Wirtschaft avanciert.

Wo können deutsche Unternehmen im Hinblick auf Rohstoff-Recycling noch mehr tun?

Auf jeden Fall bei der Effizienz. Es werden immer noch große Mengen verschwendet. Außerdem wird zu viel verbrannt. Damit werden die Rohstoffe dem Kreislauf entzogen. Unternehmen sollten Rohstoffe schon in der Produktion sortieren und trennen. Wir haben zum Beispiel in einigen Unternehmen Mitarbeiter vor Ort, die die Firmen dabei unterstützen, die Rohstoff-Trennung in den Produktionsprozess zu integrieren. Das macht auch das Recycling effizienter. Je reiner die Stoffe getrennt werden, desto besser lassen sie sich aufbereiten. Wir unterstützen deshalb die Unternehmen mit unserem Know-how und bieten ihnen günstige Konditionen an.

Das Recycling von Bildschirmen ist immer noch aufwändige Handarbeit.

Bleiben in Deutschland recycelte Rohstoffe in Deutschland?

Teilweise. Auch beim Wettbewerb um Sekundärrohstoffe machen sich die Kontinente Konkurrenz. Die bei Alba recycelten Rohstoffe bleiben zu einem großen Teil in Deutschland, wobei es durchaus Materialien gibt wie Kupfer oder Aluminium, die auch in den Export gehen, vor allem nach Asien. Dabei muss man allerdings in Betracht ziehen, dass die deutsche Industrie europa- und weltweit produzieren lässt. Die Rohstoffe werden dort gebraucht, wo die Waren und Güter hergestellt werden.

Das Unternehmen

Alba wurde 1968 von dem Bauingenieur Franz Josef Schweitzer in Berlin gegründet. Aus den bescheidenen Anfängen mit sechs Mitarbeitern und drei alten Lkw ist heute einer der führenden europäischen Umweltdienstleister und Rohstoffanbieter mit einem Jahresumsatz von 2,73 Milliarden Euro und rund 9.000 Mitarbeitern geworden. Zur Alba Group gehören etwa 200 Tochter- und Beteiligungsunternehmen in Deutschland und 12 europäischen Ländern sowie in Asien und den USA. Heute führen die Söhne des Gründers, Dr. Axel und Dr. Eric Schweitzer, die Gruppe.

Das Familienunternehmen ist kontinuierlich gewachsen und hat regelmäßig in neue Technologien und Dienstleistungen investiert. 1993 wurden 80 Millionen Euro in den Standort-Ausbau investiert. 1998 wurde zum 30-jährigen Geburtstag des Unternehmens 15 Meter tief unter dem Potsdamer Platz auf 4.500 Quadratmetern ein unterirdisches Ver- und Entsorgungszentrum gebaut. 2003 wurden beispielsweise 40 Millionen Euro für eine neue Aufbereitungsanlage für Hausmüll bereitgestellt, mit der bis zu 98 Prozent des Abfalls wiederverwertet werden können. Zwei Jahre später flossen 15 Millionen Euro in eine Produktionsanlage für Kunststoffe und andere Wertstofffraktionen, die jährlich 130.000 Tonnen Material verarbeitet. Mitte 2008 übernahm das Familienunternehmen die Mehrheit an der börsennotierten Interseroh SE, die die Rücknahme von Verpackungen und Produkten organisiert sowie die Vermarktung von Sekundärrohstoffen. Alba konzentriert sich auf Entsorgungsdienstleistungen im kommunalen und gewerblichen Bereich, auf die Entwicklung und den Betrieb von Recycling- und Produktionsanlagen sowie die Konzeption und Durchführung von Facility Services.

In der September-Ausgabe der News dreht sich alles um das Thema Rohstoffe und Rohstoffpreise.