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14. Oktober 2011

Digital Natives: Vernetzung, Vertrauen, Verantwortung

Was Unternehmen für Digital Natives attraktiv macht

Junge Leute, die mit dem Internet aufgewachsen sind, die so genannten Digital Natives, haben grundlegend andere Erwartungen an die Unternehmen, in denen sie arbeiten möchten, als frühere Generationen. Sie haben andere Vorstellungen davon, was ihren Lebenserfolg ausmacht und legen entsprechend andere Maßstäbe an die Unternehmen und die Führungsmannschaft. Zusammengefasst könnte man sagen, dass die Digital Natives herausfordernde Jobs mit viel Freiraum und Verantwortung erwarten.

Die Digital Natives, auch Generation Y genannt, sind die digitalen Medien von Kindesbeinen an vertraut. Studien belegen, dass sie wesentlich mehr Zeit im Netz verbringen als mit anderen Medien. Die charakteristischen Eigenschaften des Internets wie Transparenz, Internationalität und Schnelligkeit haben sie in gewisser Weise verinnerlicht. Das prägt ihre Erwartungen an die Unternehmen. Ganz oben auf der Liste steht eine andere Art der Kommunikation. Ihr Umgang mit Online-Tools macht Instant Messaging wichtiger als andere Medien. Sie leben in Facebook, Twitter, Skype und Blogs. Deshalb erwarten sie von den Unternehmen Offenheit im Umgang mit diesen Medien und freie Nutzung der Online-Netzwerke.

Autorin Jill Schmelcher ist Gesellschafterin und Beiratsvorsitzende
der Nürnberger Unternehmensberatung Weissman & Cie.

In: Life-Balance, out: nine to five

Flexibilität bezüglich Arbeitszeit und Arbeitsort ist den Digital Natives wichtiger als Nine-to-Five-Jobs. Sie wünschen sich Möglichkeiten, von zu Hause zu arbeiten oder ortsunabhängig. Für das ortsunabhängige Arbeiten brauchen sie leistungsstarke, mobile Techniken. Beruf und Privatleben sind nicht mehr klar getrennt. Junge Menschen nutzen beruflich ihre sozialen Netzwerke und sind bereit, sich auch außerhalb der Arbeitszeiten mit beruflichen Fragen zu beschäftigen.

Aus der Vernetzung, deren Vorteile sie aus Internet und sozialen Netzwerken kennen, ergibt sich der Wunsch dieser Generation nach Teamarbeit. Sich über Plattformen mit Kollegen auszutauschen, ist für sie ebenso wichtig und selbstverständlich wie Online-Meetings und Videokonferenzen. Flache Hierarchien und ein Informationsfluss ohne Barrieren, ein innovatives und transparentes Wissensmanagement, Offenheit für neue Ansätze und die Möglichkeit, eigenverantwortlich etwas auszuprobieren, sind weitere Erwartungen, auf die sie nicht verzichten möchte. Letztlich gipfeln die Wünsche in einer Kultur des Vertrauens und Miteinanders, in der nichts zurückgehalten wird, sozusagen die totale Transparenz.

Abwechslung muss sein

Unternehmen können diesen Erwartungen begegnen, indem sie Arbeitsplätze attraktiv gestalten durch herausfordernde Aufgaben mit viel Freiraum und Verantwortung und der Möglichkeit, unterschiedliche Aufgaben ausführen zu können. Abwechslung macht einen Arbeitsplatz interessant, immer wiederkehrende Aufgaben machen ihn für die Digital Natives langweilig. Unternehmen sollten statt in starren Karrierewegen zu denken, Work-Life-Balance-Modelle mit flexiblen Arbeitszeiten anbieten sowie die Möglichkeit, sich längere Auszeiten zu nehmen. Besonders in den IT-Abteilungen können flexible Ansätze genutzt werden, um der Vermischung von Privat- und Berufsleben zu begegnen. Der Umgang mit Online-Medien sollte trotz allem klaren Regeln folgen, die jedoch ausreichend Spielraum lassen müssen. Unabdingbar ist es, ein Bewusstsein für Datenschutz, Privatsphäre und Informationsbewertung bei den Digital Natives zu wecken. Der Schutz des Unternehmens darf nicht der Transparenz geopfert werden.

Digital Natives versus Digital Immigrants?

Nicht nur die Führungskräfte, sondern auch der eine oder andere altgediente Mitarbeiter wird dem Rhythmus der Digital Natives nicht ohne weiteres folgen wollen oder können. Toleranz von beiden Seiten für die unterschiedlichen Arbeitsweisen und Bedürfnisse im Umgang mit der virtuellen Welt erfordert ein bewusstes Auseinandersetzen miteinander und die Bereitschaft, voneinander zu lernen. So ist es weder arrogant noch überheblich, wenn Aussagen von jüngeren Kollegen nicht einfach hingenommen, sondern hinterfragt und diskutiert werden. Die Erfahrungen der Älteren sollten nicht belächelt, sondern ernst genommen werden. Im Gegenzug sollten sich die älteren Mitarbeiter mit neuen Medien auseinandersetzen, sich weiterbilden anstatt nur Ablehnung zu zeigen und sich nicht auf „das haben wir schon immer so gemacht“ oder ähnliche Motivationskiller zurückziehen.

Digital Natives teilen ihr Wissen gerne. Das ist ein Vorteil, den sich die Digital Immigrants zunutze machen sollten. Wer sich an die Vorteile der „gläsernen Welt“ der Digital Natives gewöhnt, statt befremdet zu reagieren und sich abzuschotten, eröffnet sich persönlich und als Arbeitnehmer neue Möglichkeiten. Das „neue“ Miteinander erfordert sicher einen hohen Reifegrad aller Beteiligten und Unterstützung durch die Führung, ist aber die Anstrengung wert und wirkt sich positiv auf das Unternehmen aus.

Gemeinschaft statt Herrschaft

Digital Natives stellen die bisherige Führungskultur in Frage. Hierarchie ist ihnen fremd. Netzwerke prägen ihr Leben. Sie wählen bewusst die Gemeinschaft, kommunizieren offen und wollen unbeschränkten Zugang zu Informationen. Für Führungskräfte bedeutet das, sich von ihrem „Herrschaftswissen“ zur Absicherung ihres Führungsanspruchs zu verabschieden.

Vernetzte Teams treten an die Stelle von hierarchischen Organisationsstrukturen. Führungskräfte müssen Zugang zu Informationen gewähren, die sie früher unter Verschluss hielten, und viel mehr in verschiedenen Medien kommunizieren. Mehr Information bedeutet mehr Verantwortung für den Einzelnen.

Führungskräfte werden sich daran gewöhnen müssen, nach Ergebnissen zu fragen und nicht danach, woran der Mitarbeiter arbeitet. Eigenständiges und eigenverantwortliches Arbeiten der Mitarbeiter wird eine wachsende Rolle spielen. Das entspricht ihrem Wunsch nach Mitgestaltung, Mitwirkung und Mit-Verantwortung. Führungskräfte werden ihren Mitarbeitern künftig näher sein müssen, um ihre Steuerungsaufgaben in diesem Sinn erfüllen zu können. Sie führen über Vertrauen und Vorbild.

Geld ist in diesem Szenario ein Hygienefaktor. Was zählt, ist die Lebensbalance (Work-Life-Balance) leben zu können und Wahlfreiheit in den Aufgaben zu haben. IBM hat versucht, sich diesen neuen Herausforderungen zu stellen und ein „internes Auktionshaus“ für die täglichen Arbeiten eingeführt. Nicht die Führungskraft delegiert die Aufgaben, sondern der Mitarbeiter wählt sich seine Aufgaben im Auktionshaus selbst aus. Jedes Unternehmen wird für sich gangbare Wege finden müssen, um den neuen Anforderungen von Mitarbeitern gerecht zu werden. Einen Königsweg gibt es nicht. Sicher ist: Ohne Veränderungen geht es nicht. (von Jill Schmelcher)

www.weissman.de

In der Oktober-Ausgabe der News dreht sich alles um den Mitarbeiter 2.0.