Aktuelles
6. Oktober 2011

Rohstoff-Knappheit fördert Innovation

Für die 11. Studie der Initiative „UnternehmerPerspektiven“ der Commerzbank AG mit dem Titel „Rohstoffe und Energie: Risiken umkämpfter Ressourcen“ wurden 4.000 Mittelständler nach ihren Einschätzungen und Maßnahmen hinsichtlich Rohstoffknappheit und Energiewende befragt. Die Ergebnisse waren teilweise erstaunlich und ermutigend. Mehr als die Hälfte der Unternehmer glaubt, dass sich Knappheit und Preissteigerungen bei Rohstoffen und Energie als Innovationstreiber erweisen werden.

Bemerkenswert deutlich zeigen die Unternehmen damit, dass sie auch die Chancen der Verknappung erkennen. Nur eine Minderheit von weniger als einem Fünftel fürchtet, dass der technische Fortschritt gebremst werden könnte. Gleichzeitig verlieren die Unternehmen aber auch die Risiken nicht aus dem Blick. Rund die Hälfte von ihnen erwartet unsicherere und schwerer kalkulierbare Geschäfte sowie eine dauerhafte Belastung der Profitabilität. Für die differenzierte Sicht des Mittelstands auf die Dinge spricht, dass die Chancen zusätzlicher Märkte und Absatzmöglichkeiten genauso häufig geäußert werden wie die Einschätzung, dass Zulieferer künftig an Marktmacht gewinnen werden.

Priorität Rohstoffe

Markus Beumer, Mitglied des Vorstands der Commerzbank AG, weist auf einen weiteren Aspekt hin: „Erstaunt hat uns an den Ergebnissen der Studie, dass die Rohstoffthematik von den Unternehmen als so viel drängender beurteilt wird als das Megathema Energie. Steht doch die Rohstoffknappheit eher im Schatten der in der Öffentlichkeit viel diskutierten Energiewende, der Preise für Öl und Gas und der Klimaziele der Europäischen Union. Rohstoffknappheit ist für viele Unternehmen ein existenzielles Thema, das es verdient, mit dieser Studie stärker in den Mittelpunkt gerückt zu werden.“ Tatsächlich wirken sich bei zwei Dritteln der Unternehmen steigende Rohstoffpreise negativ auf die Geschäfte aus. Belastungen der Geschäfte durch steigende Energiepreise werden dagegen nur von etwa einem Drittel der Befragten genannt.

Dass die Rohstoffpreise steigen, ist jedoch lediglich ein Teil des Problems. Fast genauso nachteilig wirkt sich die Volatilität der Rohstoffpreise aus. Hinzu kommt, dass kurzfristige, durch Lieferengpässe bedingte Knappheit schon heute ein Problem für den Mittelstand ist, obwohl die Rohstoffvorräte noch nicht erschöpft sind. Trotz des Problembewusstseins der Mittelständler vermögen 40 Prozent nicht zu sagen, ob ihr Unternehmen bei der Ressourcenversorgung gut oder schlecht aufgestellt ist. Hier artikuliert sich das Gefühl, schwer nachvollziehbaren Vorgängen ausgeliefert zu sein. Dazu zählen zunehmende Spekulation an den Rohstoffmärkten, die 89 Prozent der Unternehmen mit Besorgnis betrachten, steigende globale Nachfrage und soziale Unruhen in Rohstoffländern. „Es macht mir schon Sorge, dass so viele Unternehmen nicht wissen, ob sie für die Zukunft bezüglich Rohstoff- und Energieversorgung gut genug gerüstet sind“, sagt Beumer. „Ich sehe ganz deutlich Beratungsbedarf, den ein Finanzinstitut wie unseres durchaus sehr gut leisten kann.“

Abwehr statt Innovation

Obwohl 52 Prozent der Unternehmer sagen, dass die Ressourcenknappheit sie zwinge, innovativ zu sein, befassen sich nur 35 Prozent mit der Steigerung der Effizienz beim Gebrauch von Rohstoffen, nur 23 Prozent tun dies bei der Energie und nur 31 Prozent recyceln. Die meisten Unternehmen reagieren auf höhere Rohstoff- und Energiepreise mit den klassischen Mitteln der Betriebswirtschaft: günstiger einkaufen bzw. Optimierungen im Beschaffungswesen (71 Prozent) und Kosten weitergeben bzw. senken (64 Prozent). Dr. Manfred Wittenstein, Vorstandsvorsitzender der Wittenstein AG und Mitglied des Beirats der Initiatve „UnternehmerPerspektiven“, ist überzeugt: „Die Möglichkeiten, dem Problem auf Einkaufsseite zu begegnen, sind begrenzt, hier zu optimieren ist sozusagen das Pflichtprogramm. Die Kür, mit der womöglich gerade mittelständische Unternehmen glänzen können, ist die flexible Anpassung an die Marktbedürfnisse und die Fähigkeit, individualisiert neue Technologien zu entwickeln und anzubieten.“

Große Unternehmen mit mehr als 100 Millionen Euro Umsatz sehen einen Innovationssprung in der Zukunft zu 60 Prozent (Durchschnitt 52 Prozent) als möglich an. Sie sind zuversichtlich, dass die Probleme lösbar sind. Dabei messen alle Unternehmen der Politik bei der Bewältigung der Probleme hohe Bedeutung zu. Die Förderung wissenschaftlicher Forschung ist dem Mittelstand besonders wichtig (93 Prozent), gefolgt von finanziellen Anreizen für den Einsatz innovativer Technologien (86 Prozent) und der stärkeren Förderung alternativer Energien (81 Prozent).

Absicherung gleich Null

Ganz so dramatisch ist es nicht, dennoch bedenklich. Zwar holen sich die Unternehmen zunehmend Experten ins Haus oder suchen externen Rat bei Kammern und Verbänden, aber Finanzinstrumente zur Absicherung von Rohstoffrisiken werden kaum genutzt. Nur jedes zehnte Unternehmen sichert Preisrisiken von Rohstoffen ab, magere sechs Prozent ziehen dies in Erwägung. Als Grund für die Ablehnung der Finanzinstrumente führen 51 Prozent der Nicht-Nutzer an, dass die entsprechenden Produkte zu teuer seien, zu komplex (49 Prozent) oder zu riskant (48 Prozent).

„Nicht alle Rohstoffe, lassen sich zu vertretbaren Kosten absichern, nicht alle Produkte, die es zur Risikoabsicherung gibt, kommen für jeden Mittelständler sinnvollerweise in Frage“, sagt Beumer. „Doch genau da, in einer individuellen und fachkundigen Risikoberatung für Rohstoffe und Energie, liegt für uns Banken die Bringschuld. Nur jeder fünfte Unternehmer fragt seine Bank nach Absicherungsinstrumenten gegen Rohstoffrisiken.“ Ein weiteres großes Hemmnis für den effektiven Einsatz von Absicherungsprodukten sieht Beumer darin, dass Rohstoffbeschaffung beim Einkauf angesiedelt ist. „Diejenigen aber, die sich mit Finanzprodukten und Hedging auskennen, sind die Finanzfachleute“, so Beumer. „Die Praxis zeigt, dass Unternehmen, in denen Einkauf und Finanzen an dieser Schnittstelle gut zusammenarbeiten, erfolgreicher in der Absicherung von Rohstoff- und Energiekosten sind.“

www.unternehmerperspektiven.de