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29. Dezember 2011

Familienunternehmen blickt zurück

Zum 150. Geburtstag von Dr. August Oetker

Der Geburtstag des Firmengründers Dr. August Oetker jährt sich zum

150. Mal. Das Familienunternehmen wirft aus diesem Anlass einen

langen Blick zurück, meidet aber offiziell den Blick nach vorn –

zumindest wenn es um die Führungsfrage geht.

Alfred Oetker kennt sich aus mit Machtkämpfen in

Familienunternehmen. Der Titel seiner Doktorarbeit lautete:

„Stakeholder-Konflikte in Familienkonzernen“. Alfred gilt als

möglicher Nachfolger seines 16 Jahre älteren Halbbruders Richard, der

derzeit an der Spitze des Bielefelder Konzerns steht und am 4. Januar

61 Jahre alt wird. Spätestens in vier Jahren muss Richard das Amt

abgeben. In der Firmenzentrale heißt es dazu wie immer in solchen

Fragen nur: „Kein Kommentar.“

Von der Apotheke zum Multi

Am 6. Januar 1862 wurde der Bäckersohn August Oetker in

Obernkirchen nahe dem ostwestfälischen Minden geboren. Der ehrgeizige

Apotheker versuchte es zuerst in Berlin, bevor er am 1. Januar 1891

die Aschoff’sche Apotheke übernahm.

Das Backpulver „Backin“ gibt es bereits seit 1893.

Oetker entwickelte medizinische Weine oder Fußcreme; der

wirtschaftliche Erfolg blieb aber unter den Erwartungen. Dann

experimentierte der Bäckersohn in einer vier Quadratmeter kleinen

Kammer („meine Geheimbutze“) mit Backpulver. Das hatte zwar schon

Justus Liebig erfunden, man konnte es aber nicht längere Zeit lagern

und einen Beigeschmack hatte es auch.

Oetker experimentierte so lange, bis er im Jahr 1893 portioniertes

Backpulver in Tütchen auf den Markt bringen konnte. Der Clou daran: Er

garantierte, dass es genau die richtige Menge Triebmittel für ein

Pfund Mehl war. Für die Qualität sollte der Name Dr. Oetker bürgen.

Eine der heute bekanntesten Marken Deutschlands war entstanden. 1899

wurden schon zwei Millionen Tütchen „Backin“ hergestellt.

Die Firmenzentrale in Bielefeld.

Im Mai 1900 zog das Unternehmen in die Bielefelder Lutterstraße,

wo noch heute die Zentrale in mächtigen alten Backsteinbauten sitzt.

Neue Produkte wie Vanillin-Zucker, Speisestärke und das Puddingpulver

bereicherten das Sortiment. In den Fabriken ließ August Oetker

Losungen anbringen wie „Ein heller Kopf, der Ordnung hält, erspart

viel Arbeit, Zeit und Geld“. 1916 fiel Augusts Sohn und designierter

Nachfolger Rudolf im Ersten Weltkrieg, 1918 starb der Firmengründer

mit nur 56 Jahren.

Unternehmens- vor Familieninteressen

Der Vorstand präsentiert das Ergebnis 2010.

Seitdem gab es nur vier Chefs bei Oetker, derzeit ist es Richard.

Der Familienkonzern ist längst viel mehr als Pudding und Backpulver.

2010 stammte fast jeder zweite Euro des Konzernumsatzes von 9,5

Milliarden Euro aus dem Reedereigeschäft (Hamburg Süd). Zweitgrößte

Sparte sind die Nahrungsmittel, die ein Viertel des Konzernumsatzes

stellten. Drittgrößte Aktivität ist die Radeberger Gruppe, führender

Bierhersteller Deutschlands. Dazu kommen Sekt, Wein und Spirituosen

der Tochter Henkell, das Bankhaus Lampe und einige Luxushotels.

Wenn es um die Zukunft der Oetker-Spitze geht, wird das

Unternehmen genauso einsilbig wie bei Fragen nach Gewinnen und

Verlusten. Aus den drei Ehen von Rudolf-August Oetker (1916 bis 2007)

gingen acht Kinder hervor. Die fünf Ältesten sollen, als im Jahr 2009

an der Konzernspitze der Rückzug von August Oetker anstand – dem

gleichnamigen Urenkel des Firmengründers – den nur wenig jüngeren

Richard durchgesetzt haben. Das war gegen den Willen der drei

Jüngsten, die für Alfred waren.

Alfred ist der älteste Sohn von Rudolf-August und dessen dritter

Frau, Marianne. Wie sein Vater hat er Bankkaufmann gelernt. Später

studierte er Betriebswirtschaft in Passau, promovierte in Leipzig,

arbeitete im Marketing des Henkel-Konzerns und seit einigen Jahren

als Geschäftsführer für Oetker in Belgien und den Niederlanden.

Wie auch immer die Nachfolge geregelt wird, im Vordergrund stehe

immer der Grundsatz: „Die Interessen der Unternehmens haben Vorrang

vor denen der Familie“, heißt es bei den Oetkers. Und ansonsten:

„Kein Kommentar.“

Matthias Benirschke, dpa