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9. Mai 2012

Prym: Mit vereinten Kräften

Der Druckknopf hält wieder

Der Hauptsitz der William Prym GmbH in Stolberg.

In den vergangenen Jahren stand Deutschlands wohl ältestes industrielles Familienunternehmen, die 1530 gegründete William Prym GmbH & Co. KG, so nahe am Abgrund wie selten zuvor. Grund dafür waren Preisabsprachen mit dem Wettbewerb in den 1990er-Jahren, aus denen hohe Geldbußen resultierten. Die Familie Prym, Geschäftsführung und Mitarbeiter führten das Familienunternehmen in einem gemeinsamen Kraftakt zurück auf die Erfolgsspur.

Das bekannteste Prym-Produkt dürfte der Druckknopf sein. Er hält Kleidung, Taschen, Geldbörsen, Mappen und Schuhe zusammen. 15 Millionen der kleinen Tausendsassas produzieren die Maschinen in Stolberg bei Aachen täglich. Zwar hatte den Druckknopf der Stuttgarter Heribert Bauer bereits 1885 erfunden, aber er funktionierte nicht so richtig. Hans Prym stattete den Druckknopf 1903 mit der Doppel-S-Feder aus und begründete damit seinen Siegeszug um die Welt. 2007 wurde das kleine Ding sogar zu einer der Marken des Jahrhunderts gewählt.

Der Anfang vom Ende?

2001 schien der Anfang vom Ende der fast 500 Jahre alten Firma zu nahen. Die EU-Kommission nahm Kartellermittlungen auf. Ein Familienmitglied in der Geschäftsführung hatte anscheinend jahrelang mit der Konkurrenz Preise abgesprochen. Die EU-Kommission sah es als erwiesen an, dass Prym und andere Unternehmen in den Jahren vor 2003 verschiedene Kartelle in den Bereichen Hartkurzwaren – Verschlüsse und Nadeln gebildet hatten. Am 26. Oktober 2004 wurde dem Unternehmen deswegen für Verstöße im Bereich Nadeln eine Geldbuße in Höhe von 30 Millionen Euro auferlegt, die später auf 27 Millionen Euro reduziert wurde. Am 19. September 2007 folgte der Bescheid für den Bereich Verschlüsse in Höhe von 40,5 Millionen Euro. Damit betrug die Gesamthöhe der Bußgelder 67,5 Millionen Euro. Geschäftsführer Andreas Engelhardt sagte damals: „Gemessen an der Wirtschaftskraft eines mittelständischen Unternehmens wie Prym ist die Dimension des verhängten Bußgeldes einmalig in der Geschichte der Europäischen Union und steht in keiner Relation zu den bisherigen in vergleichbaren Fällen getroffenen Entscheidungen.“

Andrea Prym-Bruck ist Mitglied des Gesellschafterausschusses der Prym GmbH & Co. KG.

„Wir haben uns für den Kampf entschieden“

Die Familie Prym ergriff alle Maßnahmen, um das Unternehmen zu retten. „Ohne Familie gibt es kein Unternehmen“, fasst Andrea Prym-Bruck, eines von fünf Mitgliedern im Gesellschafterausschuss und 19. Generation der Unternehmerfamilie die Aufgabe zusammen. „Die Familie reagierte geeint und diszipliniert und stellte sich mit ihrem gesamten Vermögen hinter das Unternehmen, verzichtete auf Bezüge und Ausschüttungen.“ Dr. Andreas Pläßke wurde als Restrukturierungsgeschäftsführer eingesetzt, der Familie und Geschäftsführung zeitlich begrenzt darin unterstützt, das von den Banken geforderte Restrukturierungsprogramm umzusetzen. „Wir standen an der Kante“, so Andrea Prym-Bruck weiter, „und hatten zu entscheiden, ob wir kämpfen oder springen würden. Wir haben uns für den Kampf entschieden.“ Schließlich gelang es sogar, einen Investor zu finden.

Das bekannteste Produkt des Familienunternehmens: Druckknöpfe.

Mit Compliance-Regeln sandte das Unternehmen ein eindeutiges Signal an die EU-Kommission. Klare, schriftlich niedergelegte Visionen und Werte sowie ein umfangreiches Compliance-Regelwerk, das jedem Mitarbeiter zur Verfügung steht und im Internet eingesehen werden kann, soll dafür sorgen, dass es zu keiner Wiederholung der Verfehlungen kommen wird. Es umfasst die Bereiche Kartellrecht, Kronzeugenregelung, Umgang mit Wettbewerbern, Kunden und Lieferanten sowie Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung und Verhalten in Verbänden und sonstigen Unternehmensvereinigungen. Über ein integriertes Ampelsystem können die Mitarbeiter auf einen Blick sehen, welche Verhaltensweisen zweideutig sind oder sie und das Unternehmen gar mit dem Gesetz in Konflikt bringen.

Außerdem entschied sich die Familie, den Beirat des Unternehmens künftig streng auf familienfremde Fachkompetenz auszurichten, um die anstehenden Themen der Zukunft optimal anzugehen und zu begleiten. Dafür wurden Profile erstellt, auf deren Grundlage die Beiratsmitglieder ausgewählt wurden. Der Gesellschafterausschuss ist Mittler zwischen der Gesellschafterversammlung und dem Beirat, in dem nun keine Familienmitglieder mehr vertreten sind.

Wunder dauern länger

Doch trotz aller Bemühungen drückte die Bußgeld-Schuld in Höhe von etwa 20 Prozent eines Jahresumsatzes schwer. Mit Beharrlichkeit und Argumenten gelang es Geschäftsführer Engelhardt, die EU-Kommission zu einer erneuten Prüfung zu bewegen. Am 31. März 2011 senkte die EU-Kommission die im Verschlüsse-Verfahren verhängte Geldbuße von 40,5 Millionen Euro auf 15,5 Millionen Euro. Die Kommission war zu dem Ergebnis gelangt, dass die hohe Geldbuße den Fortbestand des Unternehmens gefährdete. Engelhardt zeigte sich erleichtert: „Die Kommission zeigt mit dieser Entscheidung Augenmaß und sichert die Zukunft des ältesten, industriellen deutschen Familienunternehmens und die der 3.800 Mitarbeiter“, sagte er.

Andrea Prym-Bruck sagte auf der 6. Familienunternehmer-Konferenz von „DIE NEWS“ 2011 in Stuttgart: „Wir sind grandios gescheitert, trieben wie Schiffbrüchige auf dem Meer und klammerten uns an ein paar Planken. Aber es ist uns gelungen, daraus ein Floß für die ganze Familie zu bauen. Das, was wir vermasselt haben, räumen wir wieder auf.“

www.prym.com

Spannende Gäste erwarten Sie auch am 19. Juli 2012 auf der 7. Familienunternehmer-Konferenz in Stuttgart. Weitere Infos gibt es hier.