Aktuelles
23. Juni 2012

Metec führt Blinde in die Windows-Welt

VR-Innovationspreis vergeben

VR-Innovationspreis für ein „Wunderwerk an Feinwerktechnik und Softwareentwicklung“.

Uwe Grotz hat eine Vision: „Blinde sollen den PC genauso gut bedienen können wie Sehende.“ Mit „Hyperbraille“ ist dem Diplom-Ingenieur und Vorstand der Stuttgarter Metec Ingenieur-AG ein technologischer Durchbruch gelungen, der auf der Welt seinesgleichen sucht. Dafür wird das Stuttgarter Unternehmen mit dem VR-Innovationspreis Mittelstand 2012 ausgezeichnet, der mit 25.000 Euro dotiert ist. „Für mich ist das ein Wunderwerk an Feinwerktechnik und Softwareentwicklung“, schwärmt Gerhard Roßwog, Präsident der baden-württembergischen Volks- und Raiffeisenbanken, die den Preis gestiftet haben. Ministerpräsident Winfried Kretschmann wird die Trophäe am 12. Juli im Rahmen des VR-Mittelstandstages in Stuttgart überreichen.

Gerhard, Roßwog, Präsident der baden-württembergischen
Volksbanken und Raiffeisenbanken.

Die Volks- und Raiffeisenbanken in Baden-Württemberg hatten den „VR-InnovationsPreis Mittelstand“ für 2012 zum zwölften Mal ausgeschrieben. Der Preis stand erstmals unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Ausgezeichnet werden technische Innovationen, neue Ideen für das Marketing oder die Personalentwicklung sowie vorbildliche Lösungen in der Unternehmenskooperation. Maßgeblich für die Prämierung ist neben der kreativen Leistung der bereits realisierte unternehmerische Erfolg beziehungsweise das künftige Marktpotenzial. Teilnehmen können mittelständische Unternehmen mit Sitz in Baden-Württemberg, die maximal 100 Millionen Euro Umsatz machen und höchstens 500 Mitarbeiter beschäftigen.

Die Innovation„Hyperbraille“

Hyperbraille öffnet für Blinde und Sehbehinderte neue Berufsfelder.

Wenn Blinde am Bildschirm arbeiten, müssen sie heute eine kleine Lupe benutzen: Gerade 40 Zeichen können die bisherigen Systeme in die Braille-Blindenschrift übersetzen und damit fühlbar, lesbar machen – ein kleiner Ausschnitt von wenigen Buchstaben aus der längst untergegangenen DOS-Welt. Keine Chance, die Windows-Welt mit ihren überlappenden Fenstern, mit Tabellen und Grafiken oder das Internet in den Griff zu bekommen, das heißt, keine Chance, an einem Bildschirm qualifiziert zu arbeiten.

„Hyperbraille“ heißt die Erfindung der Stuttgarter Metec Ingenieur-AG, die sich seit 1975 dafür engagiert, das Leben von Blinden zu erleichtern. Hyperbraille ist eine Art I-Pad für Blinde. Größer noch und deutlich dicker, denn in dem Flächendisplay sind sage und schreibe 7.200 dünne Stiftchen verborgen, die wie von Geisterhand 7.200 fühlbare Punkte auf der Oberfläche erschaffen. Die Stifte werden hochgefahren – ganze 0,8 Millimeter – und wieder heruntergefahren und bilden so die Welt eines Windows-Bildschirms ab.

Kurven, Landkarten, Formeln für Blinde lesbar

Das Innenleben von Hyperbraille: 7.200 dünne Stiftchen erschaffen wie von
Geisterhand 7.200 fühlbare Punkte auf der Arbeitsfläche.

Jetzt entstehen ganze Textabschnitte aus der bekannten Braille-Blindenschrift, in der jeder Buchstabe aus acht Punkten gebildet wird. Vor allem aber werden mit der Erfindung der Metec auch Kurven oder Landkarten, Tabellen, mathematische und chemische Formeln oder die Formatierung von Überschriften für Blinde fühlbar dargestellt. Und nicht zuletzt können Blinde und Sehbehinderte jetzt zwischen verschiedenen Fenstern wechseln und besser im Internet arbeiten. Die Arbeit am Bildschirm bekommt eine neue Dimension – durch 1.440 Sensoren, die auf dem Flächendisplay verteilt sind und auf Druck wie auf einen Doppelklick, ein Scrollen oder ein Zoomen reagieren.

Dahinter steht eine hochkomplexe Software, die die Inhalte eines Office-Programms oder eines Internet-Explorers von der Bildschirmauflösung auf eine Auflösung von 60 mal 120 (= 7.200) Punkten auf Hyperbraille reduziert. Die Herausforderung lag auf beiden Seiten, so Volker Hantschel, der bei der Metec für die Software verantwortlich ist: Bei der Frage, wie ein Windows-Bildschirminhalt in die Welt eines Blinden übersetzt werden kann, und wie die notwendigen Informationen den Microsoft-Programmen entlockt werden können.

Erste Geräte im Einsatz

Seit 2002 wurde an der Idee gearbeitet, berichtet Metec-Vorstand Uwe Grotz. Das IMS-Chips, Institut für Mikroelektronik Stuttgart, das Institut für Informatik der Uni Potsdam, das Institut für angewandte Informatik der TU Dresden und die F.H. Papenmeier GmbH & Co. KG, Schwerte, sind Projektpartner; das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie hat die Entwicklung mit 4,1 Millionen Euro gefördert. Die ersten sechs Geräte sind bei den Projektpartnern im Einsatz. Die Metec will jetzt Pilotarbeitsplätze in großen Firmen oder an Unis installieren. Ein Arbeitsplatz mit Hyperbraille kostet derzeit 49.000 Euro. „Wir hoffen, dass sich die Arbeitsagentur hier engagiert.“

Der Umsatz der nicht-börsennotierten Metec AG mit 23 Mitarbeitern lag zuletzt bei etwa 2,1 Mio. Montiert wird in der Hasenbergstraße im Stuttgarter Westen. Weltweit gibt es vier Hersteller auf diesem Markt. Die Stuttgarter bieten mit Hyperbraille nun die einzige Lösung, mit der grafische Strukturen ertastet werden können und die mit Touch-Screen-Funktionen ausgestattet ist.

„Wir freuen uns, dass unsere Kunden mit neuen Ideen erfolgreich sind und wir sie als langjähriger Geschäftspartner bei ihren Bemühungen unterstützen können“, so Hans R. Zeisl, stellvertretender Vorstandssprecher der Volksbank Stuttgart eG und zuständig für das Firmenkundengeschäft. Die Volksbank Stuttgart eG begleitet die Entwicklung von Hyperbraille seit dem Jahr 2006. Zeisl hofft aber auch, dass durch die pauschale Erhöhung der Eigenkapitalanforderungen für Kreditinstitute im Rahmen von Basel III die Begleitung von innovativen Vorhaben nicht unnötig erschwert wird.

www.metec-ag.de