Aktuelles
8. Juni 2012

Recruiting im Social Web

Unternehmen im Aufbruch

Die zunehmende Knappheit von Fachkräften stellt an die Unternehmen neue Anforderungen bei der Rekrutierung junger Talente. Am Institut für Electronic Business der Hochschule Heilbronn wurde unter Leitung von Prof. Dr. Sonja Salmen in Zusammenarbeit mit der Forum – Institut für Management GmbH ein empirisches Forschungsprojekt „Nutzung von Social Media für das Talent Relationship Management in der Unternehmenspraxis“ durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass die Verantwortlichen in den Unternehmen die Bedeutung von Social Media für die Gewinnung und Bindung karriereambitionierter Talente der Milleniumsgeneration durchaus erkannt haben, die Praxis aber noch hinter der Theorie herhinkt.

„Dadurch bleiben enorme Chancen ungenutzt“, sagt Prof. Salmen. „38 Prozent der HR-Profis blieben im Jahr 2011 bei ihrer digitalen Talentsuche erfolglos. Sie haben das professionelle Talent Relationship Management nicht realisiert.“ Meistens fehle es an einem „Mitmach-Arbeitsumfeld“, so die Professorin weiter, in dem ein webbasierter Lebensstil im Rahmen der Belegschaft gelebt werde. Erfreulich sei jedoch, dass in den meisten mittelständischen Unternehmen eine Vertrauenskultur vorherrsche, so dass eine zeitlich unbegrenzte geschäftliche Partizipation im Mitmach-Web von den „Botschaftern“ erwartet oder zumindest toleriert werde. Allerdings fehle es häufig noch am organisatorischen Rahmen, um professionell und nachhaltig digitale Beziehungen im Social Web aktiv zu gestalten.

Monitoring fehlt

Die Zeiten, in denen Unternehmen noch bedenkenlos im Social Web experimentieren konnten, gehören längst der der Vergangenheit an. Wer heute Fehler macht, wird gerne vorgeführt und damit der Lächerlichkeit preisgegeben, mit möglicherweise fatalen, nachhaltigen Folgen für das Employer Branding. „Zur strategischen Positionierung des Talent Relationship Management 2.0 empfiehlt sich daher die Implementierung von Social Media Monitoring sowie Social Media Guidelines im Einvernehmen mit der Belegschaft und, falls vorhanden, dem Betriebsrat vorzunehmen“, so Prof. Salmen. Die Ergebnisse der Studie zeigen jedoch, dass in 55 Prozent der befragten Unternehmen noch kein Monitoring im Social Web betrieben wird. Erfolge und Misserfolge von Aktivitäten im Personalmarketing, im Employer Branding, in der Personalentwicklung und im E-Recruiting auf Facebook, Twitter, Xing und Co. werden deshalb nicht systematisch erfasst. Die entsprechenden Aktivitäten können dadurch auch nicht optimiert werden.

Kaum Mitarbeiterschulung

Ähnlich sieht es bei den Social Media Guidelines aus. Zwar hat über die Hälfte der Personaler und Personalverantwortlichen die enorme Bedeutung von Guidelines erkannt, aber mit der operativen Umsetzung hapert es. Zwei Drittel der Befragten haben bisher keine entsprechenden Guidelines verfasst. Auch bei aufklärenden Mitarbeiterschulungen herrscht Flaute. Und das, obwohl viele Mitarbeiter der Veteranen- und Baby-Boomer-Generation den offenen Dialog im Social Web als befremdlich oder gar bedrohlich für die eigene Karriere empfinden. Für sie wäre eine einfühlsame Vorbereitung auf den Wechsel dringen nötig. Gerade für Unternehmen, die über keine starke Unternehmensmarke verfügen, sei es sehr wichtig, ihre Alleinstellungsmerkmale als Arbeitgeber eindeutig, eingängig und vor allem glaubwürdig im Social Web zu kommunizieren, so die Professorin.

E-Recruiting-Maßnahmen werden mobil

In der Gunst der befragten Recruiter rangieren auf Platz 1 Online-Jobbörsen oder die Arbeitsagentur, gefolgt von Hochschul- sowie HR-Messen und Online-Bewerbungen vor den klassischen Stellenanzeigen in Printmedien. Private Netzwerke wie Facebook werden erst von wenigen Personalern zum Auf- und Ausbau von interessanten Dialogen mit relevanten Zielgruppen genutzt. In Business-Netzwerken wie Xing und Linkedin wird schon eher im Sinn des Talent Relationship Management agiert. Twitter wird als Push-Kanal für Unternehmensneuigkeiten von fast 90 Prozent aller Befragten genutzt.

Prof. Salmen geht davon aus, dass in den nächsten Jahren das Mobile Recruiting eine weitere zentrale Stellgröße im Wettstreit um die Besten werden wird, da die Generation Y gerne ortsunabhängig agiere und die Schnelligkeit des Recruitingprozesses an Bedeutung gewinnen werde. Es sei davon auszugehen, dass sich E-Recruiting von einem standardisierten, abwicklungsorientierten Geschäft hin zu einem Beratungs- und Betreuungsgeschäft entwickeln werde. „Um diesen Spagat zu schaffen, bedarf es Know-how, Zeit und vor allem Manpower-Ressourcen, die in vielen kleineren und mittelständischen Unternehmen nur begrenzt zur Verfügung stehen“, so das Fazit der Professorin.

Tipp: Prof. Dr. Salmen und Bernd Rath sind Herausgeber des im Juli erscheinenden Buchs „Recruiting im Social Web. Talentmanagement 2.0 – So begeistern Sie Netzwerker für Ihr Mitmach-Unternehmen!“, ISBN 978-3-86980-170-4, € 39,80. Salmen, Rath und die Experten für alternative Strategien zur Mitarbeitergewinnung Peer Bieber und Henner Knabenreich zeigen in diesem Buch, was die Generation Y motiviert und wie Unternehmen sie gewinnen können. Der Rechtsexperte Klaus Bülke erläutert die wesentlichen juristischen Rahmenbedingungen, die es zu beachten gilt, um die Risiken im Social Web zu minimieren. Fallbeispiele zeigen, wie Talentmanagement im Social Web schon heute erfolgreich praktiziert wird.