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6. September 2012

Deutsche Mittelständler wittern Chancen in Russland

Rainer Seele ist in seinem Element. Mit der Hand wedelt der Vorstandschef von Deutschlands größtem Erdöl- und Gasproduzent Wintershall durch die Luft. „Russland ist der Partner schlechthin, wenn es um die Sicherung unserer Rohstoffe geht.“ Nachdem er seit Jahren in Russland aktiv ist, wirbt Seele als Präsident der Deutsch-Russischen Auslandshandelskammer (AHK) für mehr Engagement vom Mittelstand. Weil Russland so von Rohstoffen abhänge, sei es auch auf deutsche Technologien angewiesen. Gerade für Maschinenbauer und Logistikunternehmen winkten interessante Aufträge.

Viele Mittelständler haben jedoch ein gespaltenes Verhältnis zu dem Land. Die Schreckensmeldungen von Korruption, Bürokratie und Rechtsunsicherheit haben sich tief in das Gedächtnis vieler Unternehmer eingebrannt. Auf der anderen Seite locken trotzdem die gewaltigen Rohstoffreserven. Nun prognostiziert die Studie „Rohstoffgigant Russland“ der AHK, der Deutschen Rohstoffagentur und von Germany Trade and Invest (GTAI) gute Chancen: auch weil in Russland bislang nicht alles reibungslos läuft. Laut GTAI sind derzeit 6.500 deutsche Unternehmen in Russland aktiv, davon 6.300 Mittelständler.

Die Technik für die Erschließung fehlt

GTAI-Geschäftsführer Michael Pfeiffer betont das Potenzial für deutsche Mittelständler: „Russland hat die weltweit größten Rohstoffreserven, aber oft nicht die Technologien für den Abbau.“ Für Öl- und Gasvorkommen etwa in vereisten Regionen fehle entsprechende Technik und Bohranlagen. Maschinen für die gigantischen Wälder seien nicht ausreichend. Und auch beim Ausbau von Straßen und Häfen für den Transport der Bodenschätze könnten deutsche Firmen mitmischen. Der Reichtum an Bodenschätzen ist damit Segen und Fluch für Russland zugleich. Mit steigendem Ölpreis sprudelten die Staatseinnahmen, aber gleichzeitig schaffe es das Land bisher kaum, auch andere Wirtschaftsbereiche zu erschließen, schreiben die Macher der Studie. Im Jahr 2011 führte Russland 241,8 Millionen Tonnen Erdöl, 124,9 Millionen Tonnen Erdölprodukte und 204 Milliarden Kubikmeter Gas aus und nahm dafür 322 Milliarden US-Dollar (rund 256 Milliarden Euro) ein. Zusammen mit Kohle, Metallen und Holz machten Rohstoffe und darauf basierende Produkte rund drei Viertel der Exporte aus (74 Prozent).

Erfindungsreich bei Steuern

Damit das Geld auch in Zukunft für den russischen Staat sprudelt, sollen die Schätze auch tiefer im Boden erschlossen werden – mit Hilfe ausländischer Technologie. Schließlich hänge rund die Hälfte des russischen Staatsbudgets von Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgassektor ab, heißt es in der Studie. „Russland ist ein Markt mit gewaltigem Potenzial“, sagt Seele. Ganz unbegründet sei die Zurückhaltung vieler Mittelständler aber nicht, räumt der Wintershall-Chef ein. Zwar habe sich etwa in der Rechtssicherheit in den vergangenen Jahren einiges verbessert, aber noch immer gebe es Risiken für das Engagement deutscher Betriebe. Immer wieder höre er von Unternehmern, die zwar große Niederlassungen bauen wollten, aber nur schwer einen Anschluss für Wasser und Strom bekämen. Sobald ein Betrieb Gewinne einfahre, käme es immer wieder vor, dass sie „wegbesteuert“ würden. „Da werden teilweise einfach neue Steuern erfunden.“

Neue Unsicherheiten durch Kartellverfahren

Nach Einschätzung des Russland-Experten Alexander Rahr habe sich für den Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) im August einiges in Russland bewegt. „Es sind viele kleine Schritte in die richtige Richtung.“ Bis 2005 hätten noch 13 Oligarchen rund 80 Prozent der russischen Wirtschaft kontrolliert. „Aber es wird auch wieder Rückschritte geben“, prognostiziert der Gas-Lobbyist. Für neue Unsicherheit könnte auch der Streit zwischen der EU und dem vom Kreml mehrheitlich kontrollierten Energiekonzern Gazprom sorgen. Die EU hatte diese Woche ein Kartellverfahren gegen den Konzern eröffnet. Sie wirft dem Energieriesen vor, er schalte die Konkurrenz aus und treibe die Gaspreise hoch. Der Monopolist sichert etwa 20 Prozent aller Deviseneinnahmen des russischen Haushalts. Es droht ein EU-Bußgeld von bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes. Moskau drohte wegen des EU-Kartellverfahrens gegen Gazprom indirekt mit Auswirkungen auf die Zusammenarbeit im Energiebereich. Das Ergebnis des Streits dürften auch deutsche Mittelständler gespannt verfolgen. (Von Stephan Scheuer, dpa)