Aktuelles
5. September 2012

Forschungsziel Startup-Gründung

Neue Geschäftsfelder erschließen

„scaffolene“ sind bioresorbierbare Vliese für die Chirurgie,
Wundbehandlung oder regenerative Medizin.

Die Freudenberg-Gruppe ist ein 1849 gegründetes Familienunternehmen mit 16 Teilgesellschaften, eine davon ist die Freudenberg New Technologies KG (FNT). Sie hat unter anderem das Ziel, neue Geschäfte zu untersuchen und zu erschließen. Am Ende des Prozesses soll idealerweise die Gründung eines Startups stehen. Dr. Matthias Messer, verantwortlich für den New Business Development Ideenpool, betrachtet den Geschäftsentwicklungsprozess als ein Gewächshaus für Innovationen.

In den Leitsätzen des Unternehmens heißt es: „Fortwährende Innovation in allen Bereichen ist ausschlaggebend für unseren langfristigen finanziellen Erfolg. Wir sind deshalb führend in kontinuierlichen Verbesserungsprozessen, und unsere Unternehmensstruktur belohnt Kreativität und Initiative jedes Einzelnen.“ Konkret ruht das Innovationsmodell des Unternehmens auf drei Säulen, von denen die FNT eine ist. Neben der Erschließung neuer Geschäfte bündelt sie konzernweites technisches Know-how insbesondere in Querschnittstechnologien, betreibt Entwicklung für die Teilkonzerne und in externem Auftrag, befasst sich mit Kooperationen und Forschungsförderung. Die wichtigste Säule und Haupttriebkraft der Innovation sind nach Freudenberg-Verständnis die Teilkonzerne, die kundennah an den Technologie- und Produkt-Roadmaps in ihren Segmenten arbeiten. Die dritte Säule befasst sich mit der gezielten Akquisition von Unternehmen, die das Portfolio der Gruppe sinnvoll ergänzen.

Ideenpool als Quelle der Innovation

„Das New Business Development gibt es seit 2008“, sagt Dr. Messer. „Unsere Aufgabe ist es, Trends zu erkennen und durch permanentes Screening festzustellen, wo Märkte entstehen, die zu Freudenberg passen. In der Diskussion mit der Unternehmensleitung und den Teilkonzernen werden Suchfelder und Ziele festgelegt. Für die Strategieperiode bis 2016 haben wir sieben Suchfelder identifiziert, auf die wir uns konzentrieren. Ziel ist es, bis 2016 in jedem Suchfeld mindestens ein neues Start-Up oder eine Beteiligung zu gründen.“

Dr. Matthias Messer ist verantwortlich für den New Business Development Ideenpool.

Quelle für die Arbeit von New Business Development sind die Ideen von Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten, Kooperationspartnern und Forschern. Alle Ideen durchlaufen einen Bewertungsprozess – erfolgversprechende Ideen werden über die Potenzialanalyse bis zur Testphase und Markteinführung weiterentwickelt. „Dieser Prozess mit fünf Meilensteinen garantiert auch, dass Ideen nicht verloren gehen“, so Dr. Messer. „Wir dokumentieren Entwicklungsansätze und bewahren sie auf, bis die Zeit für die Technologie oder das Produkt reif ist. Außerdem werden Entscheidungen auf diese Weise transparent dokumentiert und damit vergleichbar.“ 750 Ideen sind seit 2008 im Ideenpool gelandet. Die vielversprechendsten wurden im Bereich New Business Development von Projektleitern weiterverfolgt. Daraus sind inzwischen zwei Geschäftsentwicklungs-Projekte in der Startup-Phase und ein weiteres Projekt in der Entscheidungsfindung hervorgegangen. „Unser Ideentrichter ist ein starker Filter“, sagt Dr. Messer. „Dadurch stellen wir sicher, dass die Risiken für die Umsetzung einer Invention zur Innovation minimiert werden.“

Bioresorbierbare Vliese für die Medizin

Innovative Technologie zur Verarbeitung sowohl natürlicher
als auch synthetischer Polymere.

Eines der sieben Suchfelder von New Business Development ist die Medizintechnik. Mit „scaffolene“ ist hier eine Innovation an den Start gegangen, die sich bereits in der Startup-Phase befindet. „An ’scaffolene‘ kann man gut erkennen, wie alles zusammenhängt“, sagt Dr. Messer. Freudenberg entwickelt und fertigt bereits seit 1936 Vliesstoffe, zum Beispiel unter dem Markennamen Vileda, und ist heute einer der größten Hersteller weltweit. Seit Jahrzehnten beliefert das Unternehmen auch die Medizin- und Pharmabranche und macht dort einen signifikanten Umsatz, unter anderem mit Vliesstoffen für Medikalanwendungen. Ab 2005 experimentierte Freudenberg mit der Herstellung biologisch abbaubarer Polymere im Rotationsspinnverfahren, speziell für medizinische Anwendungen. Sie wurden unter dem Namen „scaffolene“ im Markt eingeführt.

„Dr. Denis Reibel, ein Mitarbeiter aus dem Teilkonzern Forschungsdienste, hatte die Idee zur Herstellung dieser Vliesstoffe aus der Zusammenarbeit mit einem Gelatinehersteller entwickelt. Gelatine wird dabei nach dem Zuckerwatteprinzip zu medizinischen Vliesen für die Blutstillung versponnen. Die Vliese können im Körper verbleiben, zum Beispiel nach chirurgischen Eingriffen, und ohne Rückstände abgebaut werden“, erzählt Dr. Messer. „Die Idee baute weitgehend auf schon bestehendem Know-how auf und wurde in der Zusammenarbeit mit Fachkräften aus der Medizin weiterentwickelt. Im Verlauf der Technologie-Entwicklung kamen auch neue Ideen für mögliche Anwendungen dazu. So wird das biologisch abbaubare Vlies inzwischen auch mit Wirkstoffen wie Antibiotika oder Enzymen versetzt, weshalb es zur lokalen Therapie und Medikation, eingesetzt werden kann.“ Mittlerweile werden erste Kundenprojekte mit „scaffolene“ durchgeführt, Mitarbeiter wurden für Marketing und Vertrieb sowie Produktion eingestellt. „Wir halten die Strukturen schlank und setzen bevorzugt eigene Mitarbeiter ein. Wenn nötig, werden Spezialisten eingestellt“, beschreibt Dr. Messer die Vorgehensweise.

Die bioresorbierbaren Vliese sind auch in nassem Zustand
stabil zur sicheren Positionierung und Fixierung.

Wichtig sei es, die Innovationskultur im gesamten Unternehmen zu verankern, ist Dr. Messer überzeugt. Für Freudenberg sei Innovation eng verbunden mit Kundennähe. „Unsere Innovationen sollen zum Erfolg unserer Kunden beitragen. Nur im Austausch lernen wir ihre Bedürfnisse kennen.“ Die Mitarbeiter werden für ihre Ideen belohnt, monetär oder mit Preisen. Kampagnen, Wettbewerbe und Verlosungen bieten zusätzliche Anreize. Ideengeber haben die Möglichkeit, an den von ihnen angestoßenen Projekten mitzuarbeiten. „Zu einer positiven Innovationskultur gehört auch eine positive Fehlerkultur“, sagt Dr. Messer. „Es darf nicht dem Ideengeber angelastet werden, wenn ein Projekt scheitert. Ein Projektabbruch sollte niemals negativ bewertet werden. Im Gegenteil: Es ist durchaus positiv, wenn ein Projekt abgebrochen anstatt um jeden Preis weitergeführt wird.“

www.freudenberg.de

In der September-Ausgabe des Unternehmermagazins „Die News“ finden Sie weitere Artikel zum Thema Innovation, unter anderem ein Interview mit dem Zukunftsmanager Dr. Pero Micic und Praxisbeispiele aus den Firmen Hornschuch und Hain Lifescience. Schicken Sie uns eine E-Mail, wenn Sie die Ausgabe haben möchten oder nehmen Sie unser Probeangebot in Anspruch.