Aktuelles
14. November 2012

Boom in der Warteschleife

Kein Grund zur Sorglosigkeit

Unsicherheit bezüglich des Zerfalls der Währungsunion
ist derzeit in Deutschland das größte Hemmnis für Investitionen der Unternehmen.

Die Unternehmen sind vorsichtig. Noch ist die Krise von 2008/2009 nicht verdaut. Am meisten drückt die Unternehmen jedoch derzeit die große Unsicherheit bezüglich der Staatsschulden- und Eurokrise. Sie halten sich mit Investitionen und fremdfinanzierter Expansion zurück. Die Geldpolitik der EZB wird mit großem Misstrauen betrachtet. Die Redaktion der Familienunternehmer-News sprach mit Dr. Ulrike Rondorf, Volkswirtin der Commerzbank AG, über die Entwicklung der Konjunktur und die Aussichten für deutsche Unternehmen.

Werden mit dem Anwerfen der Notenpresse in Europa amerikanische oder italienische Verhältnisse geschaffen?

Dr. Ulrike Rondorf: Italienische Verhältnisse. Die amerikanische und die europäische Geldpolitik kann man nicht in einen Topf werfen. Die amerikanische Wirtschaft hat nicht mit Finanzierungsschwierigkeiten zu kämpfen und verfügt über eine hohe Wettbewerbsfähigkeit. Italienische Verhältnisse unterscheiden sich davon fundamental. In Italien wurde während der Lira-Zeit vorwiegend durch die Abwertung der Währung die Wettbewerbsfähigkeit wieder hergestellt. Das geht jetzt nicht mehr und Italien verliert aufgrund fehlenden Produktivitätswachstums stetig an Weltmarktanteilen. In Italien, aber auch in Frankreich, gibt es noch viel zu wenig strukturelle Veränderungen, um die Wettbewerbsfähigkeit künftig deutlich zu verbessern. Wir erwarten daher, dass sich die Währungsunion langfristig von der sich abzeichnenden Haftungsunion in eine „Italienische Währungsunion“ wandelt.

Dr. Ulrike Rondorf ist Volkswirtin bei der Commerzbank AG.

Die EZB wird entscheidend dazu beitragen, die Währungsunion zu stabilisieren. Ein durch die expansive Geldpolitik abwertender Euro wird Druck von den Peripherieländern nehmen. Zudem befeuert die Geldpolitik die Verbraucherpreis- und Lohnsteigerungen in den Kernländern, wodurch diese gegenüber den Peripherieländern an Wettbewerbsfähigkeit verlieren.

Deutschland ist mit seinen zahlreichen Familienunternehmen durchaus wettbewerbsfähig. Welche Auswirkungen wird ein abwertender Euro auf die Wirtschaft in Deutschland haben?

Zunächst einmal stellt das Eingreifen der EZB eine positive Entwicklung für Deutschland dar, denn die Unsicherheit bezüglich des Zerfalls der Währungsunion ist derzeit in Deutschland das größte Hemmnis für Investitionen der Unternehmen. Deutschland und andere Kernländer der Eurozone sind tatsächlich weit besser aufgestellt als die Peripherieländer. Allerdings sollten wir nicht vergessen, dass auch die deutsche Wettbewerbsfähigkeit aufgrund der Krise 2004 aus der Not heraus verbessert wurde. Die von Gerhard Schröder initiierte Agenda 2010 hat dabei eine entscheidende Rolle gespielt.

Wir gehen davon aus, dass die deutschen Unternehmen, sobald das Katastrophenszenario eines Zerfalls der Währungsunion vom Tisch ist – und dazu tragen der Rettungsschirm ESM und die Staatsanleihekäufe der EZB bei –, wieder zuversichtlicher nach vorne blicken und mehr investieren. Infolgedessen wird die Kreditnachfrage steigen. Die für Deutschland viel zu niedrigen Zinsen werden das Wachstum anfachen. Ich gehe deshalb davon aus, dass wir Ende 2013 wieder ähnliche Wachstumsraten wie 2010/2011 erreichen werden. Dabei werden die deutschen Unternehmen auch von der wieder steigenden Nachfrage im Euroraum und der Euroabwertung profitieren.

Birgt ein solcher Boom nicht auch die Gefahr der Überhitzung oder einer Blase? Ist in Deutschland eine ähnliche Entwicklung denkbar wie in Spanien oder Irland?

Natürlich besteht das Risiko einer Überhitzung, zumal die EZB hier aus Rücksicht auf die angeschlagenen Peripherieländer wohl nicht eingreifen wird, indem sie zum Beispiel die Zinsen erhöht. Erst einmal müssen die Peripherieländer wieder auf die Beine kommen. Allerdings sind die Verhältnisse in Deutschland auch nicht dieselben wie in Spanien und Irland. Am Besten lässt sich das vielleicht mit den kulturellen Unterschieden erklären. Wir sind konservativer und vorsichtiger. So kann man zum Beispiel davon ausgehen, dass die private Verschuldung nicht in einem ähnlichen Ausmaß wie in Spanien und Irland ansteigt, nur weil es boomt.

Allerdings kann man sich dem positiven Sog, den ein Boom ausübt, wohl kaum entziehen. Am Ende ist vielleicht nicht alles gut, aber es fühlt sich gut an. Sobald die Furcht vor dem Auseinanderbrechen der Währungsunion gebannt ist, wird allgemeine Jubelstimmung aufkommen.

Die größte Gefahr, die wir derzeit sehen, ist, dass die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen ausgehöhlt wird. In einer Boomphase möchte jeder etwas vom Kuchen abbekommen. Dies senkt die Wettbewerbsfähigkeit.

Was können Politik und Unternehmen in Deutschland tun, um die Risiken einer Überhitzung zu vermeiden?

Ich halte es für bedenklich, dass es bereits jetzt Stimmen aus der Politik gibt, die eine Abkehr von der Agenda 2010 fordern. Mit der Agenda-Politik wurden die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass die Arbeitslosigkeit in Deutschland kräftig gesunken ist. Inzwischen werden auch von der Politik wieder Mindestlöhne gefordert sowie Beschränkungen der Zeitarbeit und Erhöhungen beim Arbeitslosengeld II. Die Gewerkschaften werden – ermuntert von der Politik – versuchen, kräftige Lohnerhöhungen durchzusetzen. Für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen sind solche Entwicklungen kontraproduktiv.

Politik, Unternehmen und Gewerkschaften sollten auch in einer Boomphase auf dem Teppich bleiben und ihr Augenmerk auf die Wettbewerbsfähigkeit richten. Nur durch die hohe Wettbewerbsfähigkeit konnte sich die deutsche Wirtschaft so schnell von der Krise erholen. Das ist zugegebenermaßen schwierig, denn die negativen Folgen zu hoher Lohnabschlüsse und falscher Regulierungen werden sich nicht sofort zeigen. Das verhindert die lockere Geldpolitik, die die Konjunktur künstlich anfachen wird.

Wie lange wird es dauern bis der Boom in eine ungesunde Überhitzung übergeht?

Es kann Jahre dauern, bis eine solche Blase platzt. Die Immobilienblase in Spanien platzte erst nach zehn Jahren, nachdem im Zuge des Euro-Beitritts die Bauzinsen massiv gesenkt worden waren.

Kein Unternehmen wird sich den Boom entgehen lassen, also Augen zu und durch?

Die Faktoren, die Unternehmen selbst beeinflussen können, sollten sie im Auge behalten. Eine flexible Personalpolitik, ständige Verbesserung der Prozesse und Erhöhung der Produktivität sollten selbstverständlich sein. Daneben hat die letzte Krise gezeigt, wie wichtig ein gutes Eigenkapital-Polster und eine ausreichende Liquidität sind. Die Unternehmen sollten das Risiko, das steigende Zinsen bedeuten, hinsichtlich ihrer Finanzierung stets im Auge behalten, auch wenn die Zinsen jahrelang niedrig sind. Unternehmen, die breit aufgestellt sind, werden auf jeden Fall vom Boom profitieren. Die niederen Zinsen begünstigen Wachstumsperspektiven. Die Euroabwertung schafft gute Voraussetzungen für Wachstum im Export. Deutsche Unternehmen sollten die Chancen, die sich ihnen bieten, ergreifen. Die Konjunktur wird sich in dem Maß stabilisieren, in dem das Auseinanderbrechen des Euroraums unwahrscheinlicher wird. Die Aussichten für die nächsten Jahre sind sehr gut, der „schlummernde Boom“ muss nur geweckt werden. (ap)

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