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11. Dezember 2012

Windkraft-Pionier Willi Balz im Gespräch

Windkraft-Pionier Willi Balz im Gespräch

Willi Balz gilt als Windkraft-Pionier.

Für Willi Balz, den Gründer und Vorstandsvorsitzenden der Windreich AG, ist Windkraft nicht nur ein Geschäft, sondern eine Leidenschaft. Auch wenn ihm der Wind mitunter ins Gesicht bläst, verfolgt er seine Ziele beharrlich und mit Begeisterung. Im Gespräch mit der Redaktion geht es um seine Offshore-Projekte, die Energiewende, um Arbeitsplätze und die großen Energiekonzerne.Während sich die großen Energieriesen E.On und RWE aus dem Offshore-Geschäft in der Nordsee zurückziehen, hat das Unternehmen aus Wolfschlugen bei Stuttgart planmäßig mit dem Bau seines großen Windparks Global Tech I begonnen. 80 Windkraftanlagen des Typs „Areva Multibrid M5000“ mit je fünf Megawatt Leistung werden bis Oktober 2013 rund 110 Kilometer nordwestlich von Cuxhaven aus der Nordsee ragen und umweltfreundlichen Strom für rund eine Million Menschen produzieren.

„Das entspricht der Hälfte der Leistung eines Atomkraftwerks“, sagt Balz. Für dieses Projekt wurde der Windreich AG von dem renommierten Fachmagazin „Project Finance International“ die Auszeichnung „Wind Project of the Year 2012“ verliehen, eine Anerkennung für Balz‘ beachtliches Geschick bei der Finanzierung seiner anspruchsvollen Projekte.

Erfahrung, Präzision und Innovation

Über der Nordsee weht der Wind immer.

Fragt man den Windreich-Chef, weshalb ihm gelingt, woran die Energieriesen scheitern, wird es lebhaft. „Wir befassen uns mit der Windenergie nicht erst seit Fukushima, sondern schon seit 1999. Allein an Global Tech I wird seit elf Jahren geplant“, sagt er. „Wir bringen die Erfahrung von über 1.000 Onshore-Anlagen mit. Meine Onshore-Firma habe ich 2006 für einen dreistelligen Millionenbetrag verkauft, um das Kapital in die Offshore-Parks zu investieren.“ Sein Unternehmen habe sich rechtzeitig um die Netzanbindung bemüht und habe garantierte Netzanschlusszusagen. Für den Stromtransport gebe es eine Kabeltrasse bis ins Ruhrgebiet. Noch brauche man keine Trasse bis nach Baden-Württemberg oder Bayern. „Die größten Verbraucher und die schmutzigsten Kraftwerke liegen im Ruhrgebiet“, so Balz. „Um diese 20 Kraftwerke zu ersetzen, braucht man 20 Offshore-Parks. Das dauert bis 2020. Leitungen in den Süden Deutschlands sind also jetzt noch gar kein Thema, zumal es dort ausreichend andere Möglichkeiten wie Wasserkraft gibt.“

So findig wie Balz bei der Finanzierung seiner Projekte ist, so großen Wert legt er auf Solidität bei der Erstellung und Wartung seiner Windparks. Für den Bau von Global Tech I kommt erstmals das Errichterschiff „Innovation“ der Hoch-Tief-Tochter „HGO InfraSea Solutions“ zum Einsatz. Es verfügt über eine Ladekapazität von 8.000 Tonnen und kann gleichzeitig drei Tripod-Fundamente und neun rund 60 Meter lange Pfähle in das Baufeld auf der Nordsee transportieren. Über vier hydraulische Beine errichtet sich das 147 Meter lange Kranhubschiff zu einer festen Arbeitsplattform. Auch in den Rotoren selbst steckt innovative Technik wie Anlagen zur Überwachung aller Bauteile und Versorgungskreisläufe oder die Befeuerung der Windanlagen für den Flugverkehr nach Bedarf über Radarsysteme.

Arbeitsplätze statt CO2

Balz ist mit Leidenschaft dabei und gern vor Ort.

Die Exportquote der deutschen Windbranche lag 2010 bereits bei 66 Prozent. Fast 100.000 Menschen arbeiteten in der Branche. Die European Wind Energy Agency (EWEA) erwartet für 2015 europaweit mehr als 81.000 Arbeitsplätze allein im Offshore-Bereich, 2010 waren es nicht einmal 35.000.Mit jedem seiner Offshore-Projekte schaffe er inklusive der Arbeitsplätze bei den Zulieferern 30.000 Jobs in Deutschland, sagt Balz. Und man solle ihm nicht mit dem angeblich hohen Ausstoß von CO2 durch die Produktion und den Aufbau der Windkraftanlagen kommen: „Eine Offshore-Anlage hat die CO2-Emmissionsmenge, die bis zur kompletten Errichtung plus Fertigung ausgestoßen wurde, nach nur vier Monaten wieder eingespielt. Photovoltaik braucht hierzu 20 Jahre. Global Tech I spart pro Jahr über 1,5 Millionen Tonnen CO2 ein oder vermeidet etwa 5.000 Kilogramm Atommüll.“ Der Beitrag der Windenergie zum Klimaschutz ist tatsächlich beachtlich: 2008 wurden nach Berechnungen des Global Wind Energy Council (GWEC) durch Windkraftnutzung 159 Millionen Tonnen CO2 vermieden. Bis 2020 sollen es bis zu 1,5 Milliarden Tonnen sein.

In Rage gerät der Wind-Pionier, wenn „den Bürgern suggeriert wird, der Strom werde wegen der Energiewende teurer“. „Würde man beim Atomstrom alle Kosten für die Endlagerung mit einberechnen, würde ein Kilowatt Atomstrom mehr als einen Euro kosten“, sagt Balz. „Und der Netzausbau ist nicht nur eine Frage der Energiewende. Er wurde schon seit langem sträflich vernachlässigt. Bereits seit fünf Jahren steckt die Netzagentur Tennet jährlich eine Milliarde Euro in den Netzausbau. Da hat noch niemand von Energiewende geredet.“

Gegenwind

Hinter Falschinformation und Panikmache vermutet Balz die großen Energiekonzerne: „Die haben kein Interesse an erneuerbaren Energien, solange sie mit ihren Kohle- und Atomkraftwerken noch Geld verdienen können, ohne zu investieren.“ Was ihn daran ärgert ist, dass das so geschürte Misstrauen, deutsche Privatinvestoren und Unternehmen daran hindert, in seine Offshore-Projekte zu investieren. „Wenn sich die großen Konzerne aus dem Geschäft in der Nordsee zurückziehen und sagen ‚Das geht nicht‘, traut kaum jemand einem Mittelständer wie uns zu, dass wir erreichen, was die Großen nicht schaffen“, fürchtet Balz. „Tatsächlich ziehen sich die Konzerne auch nur in Deutschland aus dem Offshore-Geschäft zurück, weil sie hier noch genügend alte Kraftwerke haben, um ohne Risiko Geld zu verdienen. Im Ausland sind sie im Offshore-Geschäft tätig.“ Tatsächlich ist zum Beispiel E.On vor der britischen Küste am Projekt „London Array“ beteiligt. Es soll der weltgrößte Offshore-Park werden. Die Begründung für das Engagement im Ausland lautet, es gebe dort günstigere Rahmenbedingungen.

Für Balz sind die höheren technischen Herausforderungen vor der deutschen Küste kein Hindernis und die politischen Rahmenbedingungen hält er für gut. Auch die Netzagentur Tennet arbeite im Wesentlichen zufriedenstellend. „Wenn man natürlich erst im letzten Projektjahr den Anschluss beantragt, darf man sich nicht wundern, wenn es nicht rechtzeitig klappt“, sagt er im Hinblick auf den Konkurrenten RWE.

Für das nächste Projekt der Windreich AG – MEG I, ebenso groß wie Global Tech I – ist die Finanzierung schon fast in trockenen Tüchern. „Auf der Nordsee weht der Wind immer“, sagt Balz. „Nichts kann uns davon abhalten, uns weiterhin für eine CO2-freie Zukunft zu engagieren und die Energiewende umzusetzen.“ (Andrea Przyklenk)

www.windreich.ag