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28. Februar 2013

Nach wie vor Restrukturierungsbedarf

Mittelstand wiegt sich zu sehr in Sicherheit

Andreas Schüren

Trotz einer verbesserten Auftragslage der deutschen Unternehmen sehen Experten nach wie vor Restrukturierungsbedarf für einige Branchen und für mittelständische Unternehmen. Die Redaktion sprach mit Andreas Schüren, geschäftsführender Partner der „Ebner Stolz Mönning Bachem Unternehmensberatung“. Der Restrukturierungsfachmann sieht sowohl Engpässe in der Fremdfinanzierung als auch strukturelle Wettbewerbsnachteile deutscher Mittelständler in einer ganzen Reihe von Branchen.

Zu den Branchen, in denen Unternehmen Probleme bekommen können, zählt Schüren zum Beispiel die hauptsächlich mittelständischen Zulieferer, die die auf Südeuropa orientierten Autohersteller wie PSA , Fiat, Opel und Ford beliefern. Die Verkaufszahlen von PSA zum Beispiel gingen 2012 um 17,5 Prozent zurück. Den Handlungsbedarf macht auch eine Einschätzung von Prof. Dr. Ferdinand Dudenhöffer deutlich: Danach könnten bei einer längeren Krise bis zu 25 Prozent der Zulieferunternehmen ausscheiden.

Viele Unternehmen gefährdet

Weitere gefährdete Branchen sind nach Ansicht von Schüren die Bauzulieferindustrie und die Ernährungsindustrie. „Die Verbräuche in der Ernährungsindustrie stagnieren. Eine Vielzahl von Unternehmen kommt damit nicht klar“, sagt er. „Die Mehl-, Wurst- oder die Fruchtsaftindustrie sind besonders betroffen. Die großen Discounter verlangen nach Innovationen, die in einer Konsolidierungssituation nicht die notwendigen Margen zulassen.“ Die Photovoltaikindustrie gerate durch neue Gesetzte und die asiatischen Hersteller weiter unter Druck, deren Qualität inzwischen durchaus mit der von deutschen Produkten mithalten könne.

Obwohl viele deutsche Mittelständler gut durch die vergangene Krise gekommen sind und auch ihre Eigenkapitalsituation verbessert haben, gibt es nach Ansicht von Schüren immer noch eine Vielzahl von Unternehmen, die schlecht finanziert ist. „Viele Unternehmen haben sich, um in der Krise die Bankensituation zu stabilisieren, für eine strukturierte Finanzierung entschieden, die in 2013/14 ausläuft. Die Anschlussfinanzierung wird häufig schwierig“, sagt der Experte. „Werden Covenants gerissen, geraten die Unternehmen unter Druck. Das trifft zwar nicht in der Breite, aber einige Unternehmen wird es schwer treffen.“

Strategisches Denken fehlt

Zahlreiche mittelständische Unternehmen würden sehenden Auges in die Krise geraten, so Schüren. „Viele Unternehmen im Mittelstand verweigern sich strategischem Denken und Handeln, das sie den großen Konzernen zuschreiben. Es gibt oft nicht einmal ein systematisches Innovationsmanagement“, sagt der Berater. „Manchmal fehlt auch die Befähigung, eine Strategie zu entwickeln. Der Wettbewerb wird häufig aus Überheblichkeit nicht ernst genommen.“ Als Beispiel führt der Berater den E-Commerce und den Einzelhandel an. „Einige große Ketten haben sich darauf verlassen, dass die Käufer weiterhin die Läden in den guten Innenstadtlagen besuchen. Jetzt haben sie endlich bemerkt, dass ein Teil der Kundschaft lieber im Internet bestellt, und versuchen, hektisch Online-Shops zu schaffen.“

Ein weiteres Beispiel sei die Folienindustrie, die Halbzeug an die Verpackungsindustrie zur Weiterverarbeitung liefere. „Hier setzt momentan eine Rückwärtsentwicklung ein. Die Verpackungsindustrie holt teilweise die Wertschöpfung in die eigenen Unternehmen. Die mittelständischen Kunststoffverarbeiter haben zu lange auf ihre Verfahrenskompetenz gesetzt. Doch gegen die Kapitalkraft der großen Konzerne kommt der Mittelstand oft nicht an.“

Nichts schön reden

Schüren empfiehlt dem Mittelstand, vorausschauender zu denken und vor allem, sich nicht auf vermeintlichen Lorbeeren auszuruhen. „Die so genannten Hidden Champions zeigen, dass es möglich ist, in der ersten Liga mitzuspielen“, sagt er. „Viele Unternehmen sollten jedoch endlich damit beginnen, ihre eigene und die Situation des Wettbewerbs und der Branche zu analysieren, ihre Geschäftsmodelle zu überdenken und in Szenarien zu denken. Ein Berater kann hier Sparringspartner sein, den Blick von außen und eigene Sachkenntnis einbringen. Das Management neigt dazu, sich das eigene Unternehmen schön zu reden.“

Wer heute mit Photovoltaik-Modulen handle, müsse sich überlegen, ob er nicht angesichts der Veränderungen im Markt sein Geschäftsmodell ändern müsse, eine Serviceleistung anbieten oder eine Allianz eingehen könne. „Die Unternehmen sollten darüber nachdenken, ob sie wirklich überzeugende Leistungen anbieten und ob sie dem Wettbewerb tatsächlich etwas voraushaben“, empfiehlt Schüren. „Und sie sollten sich mit der Zukunft befassen. Was passiert, wenn ein großer Kunde wegbricht oder der Umsatz um 20 Prozent zurückgeht? Können wir das aushalten? Was bedeutet das für unsere Bilanz, für unsere Liquidität, für das Eigenkapital, für das Rating? Mit wem muss ich kommunizieren? Die Unternehmen sollten Szenarien in die Zukunft spielen, damit sie frühzeitig Anpassungen vornehmen können.“

Die Umsetzung zählt

Ein weiterer Punkt, an dem Unternehmen scheitern, ist nach der Erfahrung von Schüren die Umsetzung von Strategie- und Restrukturierungskonzepten. „Wir haben erkannt, dass Berater wunderbare Konzepte entwickeln können, die aber im Unternehmen nicht umgesetzt werden, weil die Kraft oder auch die Befähigung von Führung und Mitarbeitern fehlt“, sagt er. „Die Erfahrung mit Change-Projekten reicht nicht aus oder es treten andere unerwartete Schwierigkeiten auf.“

Das Beratungsunternehmen hat die Konsequenz gezogen. Sein Kompetenzteam Restrukturierung wird ausgebaut und hat sich mit dem Münchner Restrukturierungs- und Sanierungsspezialisten Management Team AG zusammengeschlossen. „Wir haben damit sehr erfahrene und umsetzungsstarke Kollegen gewonnen, die allesamt Linienfunktionen in Unternehmen innehatten“, sagt Schüren. „Sie bringen weitere Branchenexpertise, Umsetzungs- und Managementerfahrung mit. Die Verbindung von finanz- und leistungswirtschaftlicher Kompetenz wird in Sanierungsfällen immer entscheidender. Das 20-köpfige Team aus München mit seinen branchen- und berufserfahrenen Managern wird eine echte Bereicherung für uns und vor allem für unsere Kunden sein.“

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