Aktuelles
5. Februar 2013

Zukunftsmanager Dr. Pero Mi?i? im Interview

Zukunftsmanager Dr. Pero Mi?i? im Interview:

Dr. Pero Mi?i? spricht am 18. Juli auf der Familienunternehmer-Konferenz des Unternehmermagazins „Die News“. Er hat mit der „FutureManagementGroup AG“ 1991 das erste deutschsprachige Unternehmen für Zukunftsmanagement und Foresight gegründet. Mit seinem Team berät er erfolgreiche Traditionsunternehmen, Konzerne und sogar das BKA. Mi?i? ist mehrfacher Buchautor und ein international gefragter Redner.

Seit mehr als 20 Jahren unterstützen Dr. Mi?i? und sein Team Führungskräfte dabei, die kommenden Bedrohungen und Chancen für Unternehmen frühzeitig zu erkennen und zu nutzen. Dabei geht es darum, die Verlautbarungen der vielen Zukunftsforscher und Fachexperten zu einem System von mehreren hundert Trends und Technologien zusammenzufassen und Führungsteams bei der systematischen Analyse zu unterstützen. Im Interview mit familienunternehmer-news.de spricht Dr. Mi?i? über Zukunftsmanagement, Zukunftsmärkte und Trends.

Redaktion: Zukunftsforschung scheint eher etwas für den Jahrmarkt als für Unternehmen. Können Sie Entwicklungen der Märkte vorhersagen?

Dr. Pero Mi?i?: Niemand kann die Zukunft voraussagen und doch hängt die Existenz jedes Unternehmens davon ab, dass man eine ausreichende Vorstellung von der Zukunft hat. Jede Entscheidung und jede Maßnahme beruht auf Annahmen über die Zukunft. Man kann gar nicht anders, weil wichtige Entscheidungen uns für die Zukunft festlegen. Ob man eine Software einführt oder nicht, einen Mitarbeiter einstellt oder entlässt, ein Produkt entwickelt oder vom Markt nimmt, immer sind Zukunftsannahmen im Spiel. Meist ist man sich dessen nicht bewusst, selten sind die Annahmen aufgeschrieben. Oftmals offenbaren sich die wirklichen Zukunftsannahmen erst durch das praktische Handeln.

Wir alle können wunderbar ohne Prognosen auskommen, aber niemand von uns kommt ohne Zukunftsannahmen aus. Unternehmen gründen ihre gesamte wirtschaftliche Existenz auf Annahmen über die Zukunft, beispielsweise auf die Annahme, dass es dauerhaft einen Bedarf nach ihren Produkten geben wird, dass weiterhin ihr heutiges Vertriebskonzept von den Kunden angenommen werden wird oder dass es den essenziellen Rohstoff, auf den sie angewiesen sind, noch zu einem aus ihren Erlösen refinanzierbaren Preis zu kaufen gibt.

Wir nennen uns Zukunftsmanager, nicht Zukunftsforscher. Die Zukunftsforscher liefern nur das Rohmaterial, das, je nach Perspektive, für ein Führungsteam orientierend oder inspirierend sein kann. Wir fassen die Erkenntnisse zusammen und unterstützen Führungskräfte bei der systematischen Analyse. Man sollte niemals nur einem Zukunftsforscher zuhören.

Redaktion: Wie definieren Sie einen Zukunftsmarkt?

Dr. Pero Mi?i?: Als Zukunftsmarkt bezeichnen wir einen Markt für Produkte, Leistungen und Lösungen, der in Zukunft noch stark wachsen wird. In einer erweiterten Definition können wir auch solche Märkte als Zukunftsmärkte bezeichnen, die schlicht noch gesunde Preise und Erträge ermöglichen, auch wenn sie nicht unbedingt mehr stark wachsen. Zukunftsmarkt verstehen wir also nicht geografisch.

Redaktion: Die Wichtigkeit von Zukunftsmärkten ist unbestritten. Wie finden Unternehmen heraus, welche Zukunftsmärkte künftig eine entscheidende Rolle für sie spielen?

Dr. Pero Mi?i?: Technologien, Produkte, Methoden und Lösungen sind vergänglich. Die für den Kauf ursächlichen Wünsche und Probleme der Menschen aber bleiben. Menschen zahlen immer nur für Wirkungen, nicht für Produkte, nicht für Leistungen und auch nicht für Lösungen, die ja doch nur Bündel von Produkten und Leistungen sind. Die Wirkungen, für die Kunden ausdrücklich oder latent zahlungsbereit sind, müssen daher die Fixpunkte der Suche nach Chancen in Zukunftsmärkten sein.

Der Automobilhersteller zahlt für das Dichten des Zylinderkopfes, nicht für die Dichtung. Der Auto-Käufer aber zahlt für individuelle Mobilität und für Prestige, letzteres immer weniger. Kann er individuelle Mobilität mit einem einfachen und effizienten Car-Sharing-System oder einer Taxi-Flatrate bekommen, fallen nicht nur Neuwagenverkäufe und damit Zylinderkopfdichtungen weg. Wenn ihm das Auto nicht mehr gehört, ist er auch nicht mehr bereit, irrational viel für Prestige zu zahlen. Wird der Antrieb dann noch elektrisch, steht es ganz schlecht um die Zylinderkopfdichtung. Die gewünschte Wirkung „individuelle Mobilität“ bleibt, aber die Lösungen für diese Wirkung kommen und gehen.

Kein Unternehmen kommt ohne den Blick in die Zukunft aus.

Ansätze für Zukunftsmarkt-Chancen entstehen im Spannungsfeld zwischen den Problemen und Wünschen einerseits und den technischen und methodischen Möglichkeiten andererseits. Welche Probleme und Wünsche werden Kunden haben, welche wiederum deren Kunden und welche die Endkunden? Wie lassen sich die Probleme lösen und auch latente Wünsche erfüllen, wenn Unternehmen dazu die neu entstehenden und die sich verbreitenden Technologien und Methoden analysieren? Zukunftsmarkt-Chancen lassen sich mit Hilfe von vier Schlüsselfragen beschreiben: 1. Wem wird die Lösung geliefert? 2. Welche Wirkung wird erzielt? 3. Welche Lösung wird geliefert? 4. Inwiefern ist diese Lösung besonders?

Redaktion: Von welchen Trends/Technologien werden Ihrer Ansicht nach in den nächsten zehn Jahren die größten Veränderungen für die Unternehmen in Deutschland ausgehen?

Dr. Pero Mi?i?: Will man auf diese Frage seriös reagieren, müsste man schweigen. Die großen Trends, die die meisten Unternehmen in Deutschland betreffen, sind hinlänglich bekannt. Sie sind damit auch einigermaßen im Blick und jedem Wettbewerber ebenfalls bekannt.

Geht es aber darum, Chancen in Zukunftsmärkten zu erkennen, muss man viel tiefer und viel spezifischer analysieren. Dann werden Zukunftsfaktoren wichtig, also Trends und Technologien und Ereignisse, die ganz und gar keine Megatrends sind. Die Frage „was ist relevant?“ ist gefährlich, weil sie nur diejenigen Zukunftsfaktoren auf die Agenda bringt, die man schon kennt.

Die Frage muss lauten „was könnte wie relevant werden?“ und „was können wir wie relevant machen?“. Die Chancen und Bedrohungen liegen weniger in den Trends, sondern in neuen Verbindungen zwischen bisher nicht oder wenig beachteten Trends und dem eigenen Unternehmen.

Auf diese Weise wird dann dem Maschinenbauer bewusst, dass Internet-Video in Verbindung mit intelligenten Beratungssystemen und erweiterter Realität große Chancen für den Maschinenbauer in sich bergen. Dem Logistiker oder dem Facility Manager wird dann klar, dass NFC (near field communication) nahezu alle Prozesse revolutionieren könnte, ob in Sicherheit, Zugangskontrolle, Tracking, Schadensmanagement oder Wartung.

Buchtipp zum Thema

Dr. Mi?i? hat seine Erfahrung in einem Buch zusammengefasst. Schritt für Schritt führt er durch die verschiedenen Fragestellungen des Zukunftsmanagements, erläutert den Zukunftsradar, wie man ihn handhabt, begleitet durch die Szenarienarbeit, bei der verschiedene Annahmen über die Zukunft getroffen werden, um schließlich bei der Strategieentwicklung zu unterstützen. Herzstück des Buchs ist das von ihm aus der Praxis heraus entwickelte „Eltviller Modell“. Laut Dr. Mi?i? verbindet es die Anforderungen des wissenschaftlichen Zukunftsmanagements mit den Notwendigkeiten des unternehmerischen Alltags. Das Buch ist übersichtlich und gibt eine überraschend konkrete Handlungsanleitung. Hilfreich ist die Zusammenfassung am Ende des Buchs, in der auf wenigen Seiten alle wichtigen Punkte noch einmal dargestellt werden.

Die fünf Zukunftsbrillen, Gabal-Verlag, ISBN 978-3897496699, € 29,90

www.futuremanagementgroup.com