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4. April 2013

Deutschland gehen die Gründer aus

Der deutschen Wirtschaft gehen die Gründer

aus. Konjunktursorgen und Euro-Schuldenkrise machen das Klima für

Unternehmensgründungen auch zum Start ins Frühjahr frostig. Weil

zudem die Chancen auf dem Arbeitsmarkt noch immer gut sind, verlassen

immer weniger Menschen ausgetretene Pfade und wagen den Schritt in

die Selbstständigkeit. Experten bereitet die Entwicklung zunehmend

Sorgen: „Wenn wir in Zukunft einen starken Mittelstand haben wollen,

dann brauchen wir Existenzgründungen, die nicht nur aus der Not

geboren sind, sondern auch aus Pioniergeist“, sagt Marc Evers vom

Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK).

Nur noch 346.400 gewerbliche Existenzgründungen zählte das

Institut für Mittelstandsforschung in Bonn im vergangenen Jahr, das

waren fast 14 Prozent weniger als 2011 und zugleich der tiefste Stand

seit der Wiedervereinigung. Dabei beschleunigte sich der Abwärtstrend

noch in der zweiten Jahreshälfte. Auch unter dem Strich führte das zu

einem kräftigen Minus: 2012 wurden rund 24.100 Firmen mehr aufgelöst,

als neu an den Start gingen. Seit Mitte der 70er-Jahre war das erst

der zweite Negativsaldo, heißt es bei dem Institut.

Problematischer noch als die nackten Zahlen sehen die Experten

aber die mangelnden Perspektiven vieler Existenzgründungen. Vor allem

viele Solo-Gründer aus dem Dienstleistungssektor kommen ohne klare

Geschäftsidee und Zielgruppe zu den Beratungsstellen der Industrie-

und Handelskammern, sagt Experte Evers. Das Scheitern ist dann häufig

vorprogrammiert. Zwar gelte: „Auch ein Nagelstudio ist innovativ,

wenn es am Ort noch kein Nagelstudio gibt. Aber das dritte

Nagelstudio in der Straße ist dann eben nur noch begrenzt innovativ.“

Vielversprechende Ideen aus Zukunftsbranchen wie Biotechnologie,

Medizintechnik oder IT seien dagegen rar gesät: „Gerade einmal sechs

Prozent aller Existenzgründungen sind dem Hightech-Bereich

zuzuordnen. Das ist sehr wenig.“

Ein Grund für die Flaute dürfte auch sein, dass Arbeitslose seit

Anfang 2012 keinen Rechtsanspruch mehr auf einen Gründerzuschuss von

der Bundesagentur für Arbeit haben. Zu spüren bekam das

beispielsweise auch Existenzgründer-Coach Harald Dill aus München,

der in der Vergangenheit viele Arbeitsuchende auf dem Weg in die

Selbstständigkeit beraten hat. „Das ist bei Null gerade“, sagt Dill,

der sich nach einer Tätigkeit in einer Unternehmensberatung selbst

vor zwölf Jahren mit der eigenen Firma an den Markt gewagt hatte. Nun

ist er froh, dass er sich mit Coaching für Führungskräfte ein zweites

Standbein geschaffen und kürzlich einen größeren Auftrag an Land

gezogen hat.

Generell braucht Mut, wer mit einem eigenen Unternehmen an den

Start geht – auch den Mut zum Scheitern, und damit ist es im

sicherheitsverliebten Deutschland nicht unbedingt weit her. Laut

Global Entrepreneurship Monitor belegt die deutsche Wirtschaft in

punkto Gründungsneigung im Vergleich der Industrienationen einen der

hinteren Ränge. Im Zusammenspiel mit dem Altern der Bevölkerung

könnte das der deutschen Wettbewerbsfähigkeit mittelfristig

empfindlichen Schaden zufügen, mahnt DIHK-Experte Evers. Deshalb

müsse der Unternehmergeist auch jungen Leuten stärker nahegebracht

werden. „Wir müssen wirklich in ganz Deutschland flächendeckend

ökonomische Bildung in den Schulen bekommen.“ Nur dann könne

Deutschland zu einem echten Gründerland werden. (von Christine Schultze, dpa)