Aktuelles
16. April 2013

Scheitert die Energiewende?

8. Stuttgarter Klimagespräch:

Um diese Frage ging es beim 8. Stuttgarter Klimagespräch der IHK Region Stuttgart am 10. April. Gleich vorneweg: Die Antwort aller vier Referenten lautete „Nein“. Einig waren sich auch alle Referenten, dass die Ziele in Deutschland bezüglich der Reduzierung des Primärenergieverbrauchs und der CO2-Emissionen sowie der Steigerung der Energieeffizienz und des Anteils erneuerbarer Energien ambitioniert seien, vor allem in Baden-Württemberg. Beim Unternehmer-Publikum war deutlich die Sorge um bezahlbare Energiekosten und Versorgungssicherheit zu spüren.

Georg Fichtner, Präsident der IHK Region Stuttgart, und IHK-Geschäftsführer Dr. Hans-Jürgen Reichardt skizzierten die Fragezeichen hinter der Energiewende. „24 Monate nach der Einleitung der Energiewende fragen wir uns, ob sie scheitert“, sagte Fichtner. Man vermisse einen Fahrplan bis zur Abschaltung des letzten Kernkraftwerks, wisse nicht, ob Versorgungssicherheit gegeben und die Energiekosten im Zaum gehalten würden.

Der Marathon steht noch bevor

Der angekündigte Bundesumweltminister Peter Altmaier kam zwar ebenso wenig wie Stephan Kohler, Vorsitzender der Geschäftsführung der Deutschen Energie-Agentur, aber die Ersatzleute waren keineswegs zweite Wahl. Der Waiblinger CDU-Bundestagsabgeordnete und wirtschaftspolitischer Sprecher der CDU/CSU, Dr. Joachim Pfeiffer, verglich die Energiewende mit einem Marathonlauf: „Wir haben erst einige Kilometer hinter uns.“ Der Abgeordnete machte deutlich, dass sich Deutschland in einem internationalen Kontext bewege, sicherlich zu den Musterschülern gehöre, aber durchaus nicht in allen Disziplinen. Zwar habe man das Kyoto-Protokoll übererfüllt, stoße 25 Prozent weniger Emissionen aus als 1990 und spiele eine Vorreiterrolle bei der Energieeffizienz, doch bei der energetischen Sanierung und der Stromspeicherung gebe es große Defizite.

Nach seinem Vortrag stellte er sich den Fragen aus dem Publikum. Ein Gießereiunternehmer machte deutlich, worum es für die Unternehmen geht: „Wir stehen im Wettbewerb mit China. Dort sind die Energiekosten um zehn bis 12 Prozent günstiger als hier.“ Pfeiffer sagte, man könne nicht alle Lasten den Unternehmen aufbürden. Die EEG-Umlage von 5,3 Cent würde nur um einen Cent sinken, wenn man alle Ausnahmeregelungen für die Industrie abschaffen würde. „Es gibt einen politischen Konsens darüber, die energieintensiven Unternehmen von der Abschaffung der EEG-Privilegien auszunehmen“, sagte er.

Energiewende verknüpft Mensch und Technik

Der zweite Ersatzmann, Dr. Albrecht Reuter, Vorstand der Fichtner IT Consulting AG, beantwortete die Frage nach einem Scheitern der Energiewende gleich zu Anfang seines Vortrags mit einem klaren Nein. Für ihn sind die Wunderwerke, die die Energiewende möglich machen, die Smart Grids. Sie verknüpfen Mensch und Technik, Erzeuger, Netze, Speicher und Prosumenten – diejenigen, die Energie sowohl produzieren als auch konsumieren. „Die Entwicklung der Smart Grids sei nicht reversibel. „Sie sind die Enabler der Energiewende und technisch nicht zu ersetzen. Ohne sie gibt es kein 50/80/90“, sagte Reuter in Anspielung auf die Klimaziele der baden-württembergischen Landesregierung. Die Energiewende werde einher gehen mit dem demografischen Wandel, der Demokratisierung der Infrastrukturen, der Digitalisierung, der Industrie 4.0, der Alterung der Energie-Infrastruktur, der Reduzierung des Heizbedarfs und Netzengpässen. „Die Energiewende ist eine politische Vision“, so Reuter. „Es gibt keinen Plan und keine Marktentwicklung dafür.“ Der Weg vom Closed Grid zum Open Grid, der alle integriere und verbinde durch Informations- und Kommunikationstechnologie sei die Zukunft. „IKT ist Systemintegrator der Energiewende“, sagte Reuter. „Es ist ein systemisches Modell, das auf alle Bereiche angewandt werden kann.“

Kommunikationsstränge statt Kupferkabel

Ganz ähnlich äußerte sich Dr. Udo Niehage, Beauftragter des Vorstands der Siemens AG für die Energiewende. Die Energiewende werde nicht scheitern, meinte auch er. Smart Grids seien unabdingbar. „Früher hatten wir einfache Strukturen, heute sind sie komplex. Die Akteure müssen nicht nur verbunden sein, sondern zusammenwirken.“ Die Rahmenbedingungen müssten das zulassen. Dann könne Deutschland zum Vorbild für andere Länder werden. Das sei eine große Chance für die Industrie. Niehage sprach sich für ein neues Design des Strommarkts aus. „Bei der Liberalisierung des Strommarkts gab es 1.000 Stromerzeuger in Deutschland. Heute gibt es 1,5 Millionen. Sie müssen nicht mehr nur mit Kupferkabeln, sondern mit Kommunikationssträngen vernetzt sein“, sagte er. Als Herausforderungen für die Zukunft nannte er, den Energiekostenanstieg zu begrenzen, die Versorgung sicherzustellen, Belastungen sinnvoll zu verteilen, die Klimaschutzziele umzusetzen und Innovationen zu fördern. Alle nötigen Technologien für die Energiewende seien vorhanden, die Marktbedingungen fehlten. Der Experte schlug vor statt des Einspeisevorrangs für die Erneuerbaren eine Einspeiseverantwortung zu schaffen. Sie sollten ihren Strom künftig selbst vermarkten. Das bringe mehr Markt und Wettbewerb. „Die Förderung muss man künftig differenziert betrachten“, sagte er weiter. „Der technologische Reifegrad und die Marktfähigkeit sollten entscheidend sein.“

Pflöcke einschlagen

Burkhard Thost, Vizepräsident des Baden-Württembergischen Industrie- und Handelskammertages, befasste sich mit der Frage des Monitoring und Risikomanagements der Energiewende. „Die Energiewende fand unter völliger Ausblendung der Kosten- und Zeitfrage statt“, sagte er. „Aus diesem Grund wurde in Baden-Württemberg eine Monitorringgruppe eingerichtet.“ Mit zahlreichen Folien vermittelte er den Zuhörern einen Eindruck von dem, was auf dem Energiesektor noch ansteht. „Es ist nicht alles nur in der Glaskugel, was auf uns zukommt“, sagte er. „Man weiß einiges und kann sich darauf einstellen.“

In der nachfolgenden Diskussion brachten einige der Teilnehmer ihre Bedenken zum Ausdruck, konnten jedoch die Überzeugung der Experten, die Energiewende werde gelingen, nicht ins Wanken bringen. Allerdings: „Die Zeit tickt“, sagte Niehage. „Nach der Bundestagswahl müssen Pflöcke eingeschlagen werden.“ Thost fand ein Schlusswort, das dem baden-württembergischen Innovationsgeist entsprach: „Niemand weiß, wie es mit der Energiewende tatsächlich weitergeht, aber stellen Sie sich vor, welche tollen Erfindungen die Unternehmen bis in 30 Jahren gemacht haben werden.“

-ap