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19. März 2014

Ingenieurinnen zurück in den Beruf

Laut IHK-Fachkräftemonitor fehlen in Baden-Württemberg aktuell etwa 20.000 Ingenieure. Gleichzeitig haben rund 6.000 ausgebildete Ingenieurinnen ihrem Beruf den Rücken gekehrt. Mit dem Projekt „Wing“ wird ihnen der Wiedereinstieg erleichtert. Obwohl 28 Prozent der Hochschulabsolventinnen in Baden-Württemberg in einem MINT-Studiengang abschließen, übrigens oft mit einem besseren Ergebnis als ihre männlichen Kollegen, sind nur rund vier Prozent von ihnen tatsächlich in ihrem erlernten Beruf tätig. „6.000 Ingenieurinnen stehen dem Arbeitsmarkt in Baden-Württemberg nicht zur Verfügung“, sagte Prof. Dr. Markus Müller vom Ministerium für Finanzen und Wirtschaft Baden-Württemberg bei der Auftaktveranstaltung für das Projekt „Wing“ in Stuttgart.

Kulturveränderung gefragt

Das Projekt „zur Qualifizierung von Frauen für einen erfolgreichen beruflichen Wiedereinstieg in MINT-Berufen in Baden-Württemberg“ wird von zahlreichen Initiativen, Verbänden und Unternehmen unterstützt. Es ist eingebettet in die Landesinitiative „Frauen in MINT-Berufen“, die aus dem Bundespakt „Komm mach MINT“ hervorgegangen ist. Während bei den Aktivitäten der Landesinitiative die Sensibilisierung von Kitas, Eltern, Lehrer und jungen Menschen im Vordergrund steht, geht es bei Wing um die Begleitung von Ingenieurinnen, die zurück in ihren erlernten Beruf möchten. „Es geht uns um eine Gesamtstrategie“, sagt Dr. Birgit Buschmann, Leiterin des Referats „Wirtschaft und Gleichstellung“ im Ministerium für Finanzen und Wirtschaft in Stuttgart. „Wir möchten die Kultur in Institutionen und Unternehmen verändern. Wing ist ein Baustein.“ Man müsse sich fragen, weshalb so viele Ingenieurinnen nicht in ihrem Beruf arbeiten würden, so Dr. Buschmann weiter. Offensichtlich gebe es Diskrepanzen zwischen den Wünschen der Frauen und der Unternehmen.

Eine Studie des Fachgebiets Gender Studies in Ingenieurwissenschaften an der Technischen Universität München bringt etwas Licht ins Dunkel. Die Untersuchung zeigt, dass es zum einen um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht, zum anderen um eine instabile berufliche Integration vor dem Ausstieg. Letzteres hat sicherlich auch damit zu tun, dass sich Ingenieurinnen meistens in einer männlich dominierten Welt bewegen. Unternehmen wird empfohlen, sich stärker um die Unternehmenskultur zu kümmern, den Schwerpunkt von Rekrutierungs- auf Bindungsstrategien zu verlagern und flexible Arbeitszeitmodelle anzubieten.

Ideale Querdenkerinnen

Wing, das federführend von der German Aerospace Academy (ASA) betreut wird, setzt sich aus verschiedenen Modulen zusammen:

– eine individuelle Beratung, in der Ziele und Kompetenzen der Teilnehmerinnen ermittelt werden;
– eine Qualifizierungsmaßnahme, die mit einem Zertifikat abgeschlossen wird;
– begleitendes Coaching
– sechs Monate Praktikum in einem Unternehmen in Wohnortnähe mit dem Ziel einer Festanstellung, möglichst mit Erstellung einer Transfer-Arbeit durch die Praktikantin.

„Die Herausforderung dabei ist es, die Erwartungen der Frauen und der Unternehmen in Einklang zu bringen“, sagt Prof. Dr.-Ing. habil. Monika Auweter-Kurzt, Direktorin der ASA und selbst Luft- und Raumfahrtingenieurin. Die Chancen dafür stehen jedoch gut, denn „der Fachkräftemangel trifft vor allem KMU“, so Prof. Auweter-Kurtz weiter. „Die Unternehmen haben die Frauen als Ressource erkannt und bemühen sich um familienfreundliche Angebote.“ Das zeigen die Vermittlungsergebnisse der ersten Wing-Gruppe. „Wir hatten 27 Bewerberinnen für die Praxisphase. 24 konnten wir ein Praktikum vermitteln, 15 davon in eine Teilzeitarbeit“, zieht die Professorin Bilanz. ASA-Projektmanagerin Beate Wittkopp: „Die Unternehmen, die wir gewinnen können, haben ein handfestes Interesse daran, die Frauen einzustellen.“

Von den Unternehmen wird eine Vermittlungsgebühr von 750 Euro plus Mehrwertsteuer erhoben. Erwartet werden Interesse an einer Übernahme, eventuell weitere Qualifizierungsmaßnahmen, Interesse an der Kostenübernahme für die Transfer-Arbeit und ein qualifiziertes Praktikumszeugnis. „Die Frauen haben oft nicht nur eine Familie gemanagt, sondern jahrelang in anderen Berufen gearbeitet“, sagt Wittkopp. „Sie haben vielfältige Erfahrungen und sind ideale Querdenkerinnen.“

Mit freiem Kopf

Peter Fassbaender, Geschäftsführer der „FS Software & Konstruktionen GmbH“ aus Böblingen, hat mit Cordula Dreher eine der ersten Wing-Absolventinnen eingestellt. Sie hat den Wiedereinstieg nach acht Jahren Pause gewagt. „Wenn keine Rezession ist, findet ein kleines Unternehmen wie unseres keine Mitarbeiter“, sagt Fassbaender. „Deshalb haben wir uns Gedanken über neue Lösungen gemacht. Wir haben Frau Dreher in Teilzeit eingestellt, haben sie in einen CAD-Kurs geschickt und ihr einen älteren Mitarbeiter zur Seite gestellt bis sie so weit war, dass wir sie beim Kunden einsetzen konnten.“ Die Teilzeitarbeit betrachtet der Unternehmenschef positiv: „Eine Halbtagskraft geht nach vier Stunden nicht nach Hause und vergisst alles. Kreativität läuft immer. Wenn man sich abspricht, kann sie in Spitzenzeiten mehr und in lauen Zeiten weniger arbeiten. Für mich ist das Wichtigste, dass die Mitarbeiter für das Unternehmen brennen.“

Fassbaender hält es für sehr wichtig, Arbeitsplatz und -zeiten sowie Unstimmigkeiten und Fragen offen zu klären. Ein Wunsch, in dem er sich mit Cordula Dreher einig ist. „Wenn sie kommt, soll sie den Kopf für ihre Arbeit frei haben“, sagt Fassbaender. „Gibt es Probleme zuhause, finden wir eine Lösung. Schließlich habe ich auch Kinder.“ Holger Wolf, Projektkoordinator bei FS, sagt: „Frau Dreher hat begonnen zu laufen. Einen 100-Meter-Sprint schafft sie noch nicht, aber wir sollten nicht vergessen, dass auch Männer, die acht Jahre aus dem Beruf draußen waren, ein Problem haben würden.“

Tipp: Die Bewerbungsfrist für die nächste Wing-Runde läuft noch bis 30. August unter http://www.german-asa.de. Unternehmen werden über Projektpartner wie IHKs, Wirtschaftsförderer und Branchenverbände und das ASA-Netzwerk per Newsletter und Mailings informiert. Im Mai und Juli finden für interessierte Unternehmen runde Tische statt. -ap