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26. Mai 2014

Für eine neue Lernkultur

Unternehmen brauchen fähige und qualifizierte Mitarbeiter, um im Wettbewerb zu bestehen. Doch viele Kinder fallen schon in der Schule durch das Raster unseres Bildungssystems und gehen den Unternehmen und der Gesellschaft verloren. Das, ist Peter M. Endres, Vorstandsvorsitzender des Versicherers Ergo Direkt, überzeugt, liege an unserer Lernkultur. In den Schulen werde Wissen vermittelt, doch was unsere Gesellschaft brauche, sei Potenzialentfaltung. „Jedes Kind muss seinen Fähigkeiten entsprechend gefördert werden“, bleibe in unserem Bildungssystem leider Makulatur.

„Unsere Kinder werden ‚genormt’. Diejenigen, die die Dinge, die sie hören und lesen, für vier Wochen behalten können, gelten als ‚gut’“, sagt Endres. Er nennt das „Wissensbulimie“. „Die Unternehmen brauchen keine Mitarbeiter, die nur auswendig lernen, sondern Mitarbeiter, die kreativ und teamfähig sind und in der Lage, über den Tellerrand hinauszuschauen und mehrere Lösungen zu entwickeln.“ Endres belässt es nicht beim Klagen. Gemeinsam mit dem Mutterkonzern Ergo in Düsseldorf und dem Berliner „Genisis Institute for Social Innovation and Impact Strategies“ hat der Versicherer die Internet-Plattform „Bildungsstifter“ initiiert.

Die erste Idee dazu kam dem vierfachen Vater vor drei Jahren während eines Familienurlaubs. „Ich dachte über neue Produkte nach. Ich fragte mich, was sich Eltern für ihre Kinder wünschen“, erzählt er. „Ich halte Gesundheit und eine gute Ausbildung für die wichtigsten Themen, um Chancengerechtigkeit für Kinder sicherzustellen. Unser Gesundheitssystem ist gut. Bildung kann von der Versicherungsbranche jedoch höchstens mit Produkten abgedeckt werden, die etwa dafür sorgen, dass Geld für die Ausbildung vorhanden ist.“ Durch die Bekanntschaft mit Genisis-Gründer Peter Spiegel, Stephan Breidenbach, Professor an der Viadrina-Universität in Frankfurt/Oder, dem Neurobiologen Prof. Gerald Hüther und Margret Rasfeld, Rektorin der Evangelischen Schule Berlin Zentrum, entstand dann die Idee für die Bildungsstifter.

Lernen mit Lust

Mittlerweile hat Endres einen Verein gegründet und im Herbst geht die verbesserte und endgültige Version der Plattform ins Netz, in die auch die Resonanz aus den Reihen der Ergo-Mitarbeiter eingeflossen ist. „Es gibt unzählige innovative Projekte im Bildungsbereich, die sich darum bemühen, die Potenziale von Kindern zu fördern“, sagt Endres. „Oft wissen sie jedoch nichts voneinander oder erhalten zu wenig Unterstützung. Das möchten wir mit Bildungsstifter ändern. Über unsere Plattform, die Ergo finanziell und personell unterstützt, können sie sich austauschen, vernetzen und nach Hilfe suchen in Form von Spenden, Botschaftern, die die Projekte weitertragen, oder auch Helfern vor Ort. Dabei geht es nicht nur um die Schule, sondern auch um das Umfeld, in dem Kinder leben, also eigentlich um Lebensbegleitung. Viele Kinder werden weder jemals gelobt, noch in ihrer Entfaltung unterstützt.“

Was Lob, Anerkennung und Vertrauen bewirken, sehe man auch im Unternehmen. „Motivation kommt von innen“, sagt der Vorstandschef. „Wenn wir unseren Mitarbeitern etwas zutrauen und ihnen ein Umfeld schaffen, in dem sie sich entwickeln und etwas bewegen können, haben wir denselben Effekt wie bei Kindern, deren Potenziale gefördert werden: Sie entwickeln sich weiter, sind mit Lust und Begeisterung bei der Sache. Lebenslanges Lernen ist nur möglich, wenn man Lust darauf hat.“

Beispiele für die Richtigkeit dieser These hat Endres zuhauf, auch aus dem eigenen Unternehmen. Wenn er Mitarbeiter einstelle, seien für ihn nicht allein die Zeugnisse entscheidend, sondern „wer da zur Tür hereinkommt“. So biete man seit etwa zehn Jahren für Hauptschüler eine Ausbildung zur Servicefachkraft für Dialogmarketing an. „Das sind diejenigen, die unsere Kunden beraten und in Schadensfällen unterstützen“, sagt Endres. „Viele von ihnen haben tolle Abschlüsse und zählen zu unseren besten Mitarbeitern. Einer von ihnen stieg als 15-Jähriger bei uns ein – ursprünglich ein ziemlich hoffnungsloser Fall, der die Hauptschule nur mit Ach und Krach schaffte. Er erwies sich als unglaubliches Talent. Schon während der Ausbildung begeisterte er unsere Kunden.“

Ein ähnliches Beispiel hat Endres aus einer Berliner Schule parat. Leon ließ sich nur dazu überreden, Sprachbotschafter für jüngere Schüler zu werden, weil er während dieser Zeit nicht zur Schule gehen musste. Doch die Kinder hatten ihre eigenen Vorstellungen. Schließlich trainierte er Basketball mit ihnen, schämte sich entsetzlich, weil er ihnen in Mathematik nicht helfen konnte und begann schließlich selbst zu lernen. Leon entwickelte sich zum Musterschüler. Heute sagt der 18-Jährige: „Ich werde Lehrer, das ist meine Berufung.“

Können statt wissen

Eine neue Lernkultur zu etablieren, ist keine einfache Sache. „Wir müssen drei Gruppen dafür begeistern: Lehrer, Eltern und natürlich Schüler“, benennt Endres die Aufgabe. „Gerade Eltern, deren Kinder mit unserer Lernkultur gut zurechtkommen, wehren sich dagegen. Doch wenn wir uns nicht um die Schwachen kümmern, gehen sie uns verloren. Das können wir uns nicht leisten.“ Wissensvermittlung, wie sie heute in den meisten Schulen praktiziert wird – häufig noch durch Frontalunterricht –, sieht Endres kritisch. „Natürlich spielt Wissen eine Rolle, aber wir müssen den Schwenk vom Wissen zum Können schaffen. Können ist das, was uns auszeichnet. Mit auswendig gelerntem Wissen begeistern wir keine Kunden. Das können wir heute dank Internet überall abrufen“, sagt er. „Durch unser Können unterscheiden wir uns. Das kann man nicht kopieren. In Deutschland fürchten sich viele vor den aufstrebenden Nationen in Asien. Natürlich können sie unsere Produkte kopieren, doch am Ende muss man durch Können überzeugen. Versicherungsprodukte werden bis auf den Kommafehler aus dem Internet abgeschrieben und doch haben die Kopisten keinen Erfolg. Es fehlen Können, Motivation und Leidenschaft.“

Wissen und Allgemeinbildung sind für Endres ein zurückgehendes Gut. Er habe die neue Google-Brille getestet: „Das ist ein persönlicher Assistent, der alles besorgt, was man wissen will“, schwärmt er. „Doch das Können, die Kultur, den Umgang miteinander, die Herzensbildung und die soziale Kompetenz kann auch diese Brille nicht ersetzen.“

www.bildungsstifter.de