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17. Mai 2014

Umwelttechnik made in Baden-Württemberg

In den Wagenhallen im Stuttgarter Norden verlieh Umweltminister Franz Untersteller am 11. Juli zum dritten Mal den Umwelttechnikpreis Baden-Württemberg in vier Kategorien mit insgesamt 100.000 Euro Preisgeld. Die Preisträger waren bunt gemischt vom Tüftler über Start-ups, Familienunternehmen und Hidden Champions bis hin zu Konzernbeteiligungen.

„Mit dem Umwelttechnikpreis würdigen wir Unternehmen im Land, die mit ihren Innovationen die immer knapper werdenden natürlichen Ressourcen und unsere Umwelt schonen“, sagte der Minister. Der Preis stelle daher einen wichtigen Baustein in der Strategie des Landes zur Ressourceneffizienz dar. Ausgezeichnet werden Produkte, die einen bedeutenden Beitrag zur Ressourceneffizienz und Umweltschonung leisten und kurz vor der Markteinführung stehen oder nicht länger als zwei Jahre am Markt sind.

KMU profitieren

Der Preis wird in vier Kategorien verliehen: „Energieeffizienz“, „Materialeffizienz“, „Emissionsminderung, Aufbereitung und Abtrennung“ und „Mess-, Steuer- und Regeltechnik“. Von den 118 Bewerbungen wurden 41 für den Preis nominiert und insgesamt 14 Produkte ausgezeichnet. Sowohl Minister Untersteller als auch Jury-Mitglied Prof. Dr. Thomas Hirth, Leiter des Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik (IGB) sagten, die Auswahl der Sieger sei angesichts vieler außergewöhnlicher Produkte nicht leicht gefallen. Beide hoben die Wichtigkeit innovativer Umwelttechnik hervor. Weltweit seien Umwelttechnik und Ressourceneffizienz inzwischen zum Thema Nummer eins avanciert, sagte der Minister. Besonders kleinere und mittlere Unternehmen könnten sich hier profilieren und profitieren. „Umwelttechnik und Ressourceneffizienz senken nicht nur Kosten, sondern erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit und erschließen neue Märkte“, so Untersteller weiter. „Es muss uns gelingen wirtschaftliches Wachstum vom Ressourcenverbrauch zu entkoppeln.“ Er wies auf die zahlreichen Aktivitäten der Landesregierung hin, unter anderem auf den am 12. und 13. November in Stuttgart stattfindenden Ressourceneffizienz-Kongress.

Ressourcen schonen, Kosten senken

Über 50 Prozent der Bewerbungen entfielen auf die Kategorie „Energieeffizienz“. Er verstehe das nicht ganz, sagte der Minister denn die Energiekosten machten in den Unternehmen nur zwei bis drei Prozent aus, während auf die Materialkosten 43 Prozent entfielen. Den dritten Platz teilten sich in dieser Kategorie gleich zwei Unternehmen: die Sto AG und die Weru GmbH. Platz zwei ging an die Kuhn GmbH für eine Hybridschnecke zur Wärmerückgewinnung aus Abwasser. Der Minister lobte die „simple, robuste und preiswerte, universell einsetzbare Lösung“.

Platz eins sicherte sich die Dürr Cyplan Ltd., eine Beteiligung der Dürr AG, für die Weiterentwicklung ihrer ORC-Module, die nun auch in kleinen Leistungsbereichen einen Kraft-Wärme-Kopplungsbetrieb erlauben. Heinz Dürr, Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats, nahm die Auszeichnung entgegen und fragte Moderator Ingolf Baur vom SWR, in bestem Schwäbisch, ob er auch etwas sagen dürfe. Er durfte. „Wir freuen uns unglaublich über diesen Preis, vor allem weil ich ein großer Freund der Energieeffizienz bin“, sagte er und erheiterte das Publikum mit einer schwäbisch-knitzen Rechnung zum Thema Energiekosten

Langer Atem gefragt

Baur machte gleich zu Beginn der Auszeichnung für die Kategorie „Materialeffizienz“ deutlich, worum es geht. Für einen Ehering mit zehn Gramm Gold, so der Moderator, müssten fünf Tonnen Material bewegt werden. Das sei doch ein Grund, sich die Eheschließung genau zu überlegen. Die Palamides GmbH, die den 3. Preis erhielt, hat ein neues Buchbindeverfahren entwickelt, das 80 Prozent Energie und 50 Prozent Material gegenüber herkömmlichen Verfahren einspart. Der zweite Preis wurde in dieser Kategorie nicht vergeben, dafür der erste Preis gleich zweimal.

In den beiden Filmen, in denen die Preisträger präsentiert wurden, konnte man anschaulich sehen, welche Hebelwirkung Materialeinsparungen haben können. Die Fiber Engineering GmbH wurde für die Fasereinblastechnologie zur Fertigung von 3D-Faserformteilen ausgezeichnet. Neben dem Verfahren hat das Unternehmen auch das komplette Fertigungssystem entwickelt. „Unser Verfahren dient nicht nur dem Leichtbau, sondern es ermöglicht eine insgesamt umweltschonende Herstellung von Dämm- und Formteilen aller Art“, sagte Geschäftsführer Egon Förster. Und denke keiner, dass ihn Faserformteile nichts angingen – sie finden sich überall, unter anderem in Autos, Verpackungen und Polstern.

Der zweite erste Preis ging an die Protektorwerk Florenz Maisch GmbH & Co. KG für ihre Maxi-Tex-Trockenbauprofile. „Wenn Sie eine hohe Materialkostenquote haben, werden Sie automatisch zum Erfinder“, antwortete der geschäftsführende Gesellschafter Dr. Christof Maisch auf die Frage, wie man auf diese Idee gekommen sei. Er bedankte sich für den Preis mit den Worten: „Mittelständische Unternehmen brauchen manchmal Rückenwind und da tut so ein Preis unglaublich gut.“

Eine lebenswertere Welt

In der Kategorie „Emissionsminderung, Aufbereitung und Abtrennung machte das Rennen um den dritten Preis die Firma Ziehl-Abegg AG mit dem ZA-Wheel, einem Radnaben-Elektroantrieb für Nutzfahrzeuge. Dadurch werden nicht nur Abgase reduziert, sondern auch Lärm. Der zweite Platz ging an Garant Umwelttechnik für einen speziellen Flachschlauchfilter.

Die SolarSpring GmbH konnte sich den ersten Platz mit solarbetriebener Wasseraufbereitung sichern. Dem Unternehmen, einem Spin-off des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme (ISE), ist es gelungen, die Membrandestillation von Salz- und Schmutzwasser zu verbessern, was eine deutliche Leistungssteigerung bei der Aufbereitung von Trinkwasser mit sich bringt. „Mit ihren dezentralen, solarbetriebenen Wasseraufbereitungsanlagen hat SolarSpring eine Lösung für eines der drängendsten Probleme unserer Zeit entwickelt: den Trinkwassermangel“, sagte Minister Untersteller. Immerhin haben nach Einschätzung der World Health Organization (WHO) derzeit mehr als eine Milliarde Menschen weltweit keinen Zugang zu frischem Trinkwasser.

Steuerung macht smarter

Die Allweiler GmbH sicherte sich in der Kategorie „Mess-, Steuer- und Regeltechnik Platz drei mit Allmind, einem Überwachungssystem für Pumpen. Gutermann Technology, ebenfalls auf Platz drei, wurde für eine Technologie ausgezeichnet, die die permanente Überwachung in Wassernetzen ermöglicht. Platz zwei ging an die Robert Bosch Car Multimedia GmbH. Eco.Logic Motion steht für eine vorausschauende Geschwindigkeitsregelung für schwere Nutzfahrzeuge. Brummis können dadurch Benzin einsparen und den Schadstoffausstoß um mehrere Prozent reduzieren.

Den ersten Preis erhielt in dieser Kategorie ein junges Start-up aus Freiburg, die SmartExergy GmbH, 2012 von Dr. Tolgay Ungan und Patrick Steindl als Spin-off des Instituts für Mikrosystemtechnik der Universität Freiburg gegründet. Ausgezeichnet wurde eine drahtlose Sensorik zur Überwachung von Photovoltaik-Modulen. 2012 wurden mit knapp 1,3 Millionen PV-Anlagen in Deutschland etwa 28.000 Gwh Strom erzeugt. Schon ein vierprozentiger Mehrertrag dieser Anlagen würde eine Reduktion von etwa 700.000 Tonnen CO2 pro Jahr bedeuten. Mit der Überwachungstechnologie der SmartExergy wird jedes einzelne Modul mit einem drahtlosen Sender ausgestattet, überwacht und gesteuert. „Wird das Potenzial von Photovoltaik-Anlagen nicht voll ausgeschöpft, so ist das ein doppelter Verlust: wirtschaftlich für den einzelnen Betreiber und für uns alle, weil weniger Strom als möglich aus regenerativen Quellen zur Verfügung steht“, sagte Minister Untersteller.

Prof. Hirth mahnte zum Schluss qualitatives statt quantitatives Wachstum an und sagte: „Um die in der nationalen Nachhaltigkeitsstrategie verankerten Ziele zu erreichen, ist eine absolute Senkung des Ressourceneinsatzes nötig. Dafür müssen wir den gesamten Produktlebenszyklus betrachten. Beim Thema Rohstoff- und Materialeffizienz müssen wir größere Anstrengungen unternehmen und mehr bewegen. Viel Potenzial schlummert noch im Verborgenen.“ Tatsächlich würde die Öffentlichkeit von so mancher Innovation in der Umwelttechnik ohne den Preis wohl nie erfahren. Insofern hatte der Minister Recht, als er auf die Bedeutung des Preises als Gütesiegel und Entscheidungskriterium für umweltfreundliche Produkte hinwies. „Es ist schwierig, die Öffentlichkeit für solche Innovationen zu interessieren“, sagte er. „Es sollte aber gelingen, diese Innovationen allgemein verständlich darzustellen und Begeisterung dafür zu wecken. Technisch und wirtschaftlich ist weit mehr machbar, als wir denken.“

Alle Fotos: Martin Stollberg
www.umwelttechnikpreis.de