Aktuelles
27. Juni 2014

Familienunternehmen scheuen Kommunikation

Umsatz und Ergebnis preisgeben? Lieber nicht. Über die Neuordnung der Geschäftsführung sprechen? Ach nein, muss nicht sein. Finanzierungspläne offenlegen? Um Gottes Willen! Viele Familienunternehmen geben sich im Umgang mit der Öffentlichkeit sehr zurückhaltend – insbesondere gegenüber den Medien. Anfragen werden manchmal sehr spät oder nur teilweise beantwortet.

Aber was müssen die Firmen gegenüber Journalisten eigentlich preisgeben? „Theoretisch gar nichts“, sagt Markus Rhomberg, Professor für Politische Kommunikation an der Zeppelin Universität in Friedrichshafen. „Ich muss als Familienunternehmer nicht mit den Medien sprechen.“ Ganz verstecken können sich die Firmen allerdings nicht: Auch für sie gilt in der Regel eine gesetzliche Publizitätspflicht. So müssen auch Familienunternehmen abhängig von Größe und Rechtsform ihren Jahresabschluss veröffentlichen. Die Zurückhaltung der Firmen sei daher oft gar nicht aufrecht zu erhalten, sagt Rhomberg: „Das Argument gebe ich oft an meine Studenten: Journalisten verstehen ihr Geschäft, die haben einen Zugang zum Bundesanzeiger oder zu Kreditschutzverbänden und können dort nachlesen.“

Misstrauen gegenüber Medien

Gründe für die Intransparenz gebe es gleich mehrere. Für viele gelte beispielsweise: „Ich möchte nicht, dass meine Mitbewerber, meine Lieferanten, meine Mitarbeiter wissen, wie gut oder schlecht das Unternehmen da steht.“ Ein weiterer Grund sei die Zugehörigkeit der Unternehmen zu ihrem Firmensitz. „Gerade in ländlichen Regionen oder kleinen Städten werden Familienunternehmen oft als große Player wahrgenommen“, sagt Rhomberg. „Da will man nicht mit Reichtum oder Gewinnzahlen protzen.“ Gegenüber Medien wiederum herrsche schlicht großes Misstrauen.
Zu den verschwiegenen Familienunternehmern gehörte beispielsweise Anton Schlecker mit seiner inzwischen Pleite gegangenen Drogeriemarktkette. Wenig Präsenz in der Öffentlichkeit zeigt auch Erwin Müller, der einstige Konkurrent Schleckers. Zwar ist die Müller-Pressestelle inzwischen sehr bemüht um Kommunikation. Müller selbst, der rund 30.000 Menschen beschäftigt, äußert sich nach wie vor nur sehr selten. Auch der Wohnwagenhersteller Hymer, der kürzlich einen radikalen Rückzug von der Börse vollzogen hat, hält sich mitunter bedeckt. Auf einer Hauptversammlung Ende April wurden Journalisten gar nicht erst zugelassen. Zu den Gründen – und zur generellen Medienstrategie des Unternehmens – äußerte sich die Firma auch nach mehrfacher Nachfrage nicht.

Wandel in Kommunikation

Immerhin: Man bemerke langsam einen Wandel in den Firmen, sagt Rhomberg. „Ich glaube, dass die jüngere Generation in einer ganz anderen Mediengesellschaft aufgewachsen ist. Sie hat ein anderes Verständnis von Transparenz und Privatheit – da hat sich einiges gebessert.“ Verschwiegenheit könne sich ein Familienunternehmen heute ohnehin nicht mehr leisten, sagt Rhomberg. Probleme wie der Fachkräftemangel oder die Suche nach einem Nachfolger ließen sich viel eher lösen, wenn man als Unternehmen öffentlich agiere, statt in Verschwiegenheit zu verharren. Ein Umdenken, dass auch beim Outdoor-Unternehmen Vaude zu spüren ist. Auch dort wurden jahrelang nur wenige Daten preisgegeben: „Ich habe hier die Vorgehensweise meines Vaters fortgeführt“, sagt Chefin Antje von Dewitz. „Wir waren immer recht spärlich, was Wirtschaftszahlen angeht.“ Inzwischen sei die Linie aber geändert worden: Für 2013 erstelle Vaude einen Nachhaltigkeitsbericht nach den Vorgaben der Global Reporting Initiative – und nenne dabei auch Wirtschaftszahlen. „Je transparenter das Unternehmen kommuniziert, umso mehr kann man verständlich machen, wie es beispielsweise zu Entscheidungen kommt.“

Viele Firmen merkten erst, wie wichtig Öffentlichkeit ist, wenn es schon zu spät ist, sagt auch Rhomberg. Denn in Krisen- oder Konfliktsituationen fänden Journalisten bei schlechter Kommunikation in der Regel andere Quellen – enttäuschte Mitarbeiter, einen Betriebsrat oder auch einen Politiker aus der Region. „Und dann hat man die Botschaft als Unternehmen nicht mehr unter Kontrolle.“ (von Kathrin Streckenbach und Özlem Yilmazer, dpa)