Aktuelles
10. Juni 2014

Wert und Werte im Umbruch

Veranstaltet von „Die News“, Magazin für Familienunternehmen, den Unternehmerverbänden „Die Familienunternehmer“ und „Die Jungen Unternehmer“ sowie dem Verband deutscher Unternehmerinnen (VdU) hat sich die Familienunternehmer-Konferenz inzwischen einen festen Platz im Kalender der Familienunternehmen gesichert. Bei seiner Begrüßung bedankte sich Dr. Theo Breitsohl, Verleger und Herausgeber von Die News, bei den zahlreichen Partnern, ohne die „eine solche vielseitige Veranstaltung nicht möglich wäre“. Im Hinblick auf das Veranstaltungsmotto „Wert und Werte im Umbruch“ hob er hervor, das langfristige Strategien, Werte und soziale Verantwortung für Senioren und Junioren in Familienunternehmen große Bedeutung hätten. „Trotzdem hält mit der jüngeren Generation ein neues Denken Einzug“, sagte er. Eine andere Ausbildung der Nachfolger, sich ständig verändernde Märkte, ein neuer Führungsstil und auch ein veränderter Lebensstil seien Gründe dafür.

Ein frischer Wind

Lencke Wischhusen, Bundesvorsitzende von Die Jungen Unternehmer und geschäftsführende Gesellschafterin der W-Pack Kunststoffe GmbH & Co. KG, brachte in ihrem Grußwort die Überzeugung zum Ausdruck, dass ohne Werte kein Erfolg möglich sei. Für Familienunternehmer sei es wichtig, Vorbild zu sein und sich in gesellschaftlichen Debatten zu Wort zu melden. Durch verantwortungsloses Handeln Einzelner würden die Unternehmen diskreditiert und bestraft. „Wir müssen für unsere Werte werben“, sagte die junge Unternehmerin. „Die Politik kann viel von uns lernen. Politiker denken in Wahlperioden. Wir denken in Generationen.“

Claudia Gläser, 1. Vizepräsidentin des VdU, sagte, das Konferenz-Motto bilde eine akute Fragestellung ab. „Werte haben immer mit Führung zu tun“, sagte sie. Durch die Nachfolge wehe ein neuer Wind in den Unternehmen. „Ich bin selbst Nachfolgerin. Der Nachfolger muss in seine Rolle hineinwachsen, der Senior muss loslassen und die Mitarbeiter müssen mitziehen,“ beschrieb Gläser die Aufgaben bei der Unternehmensübergabe an die nächste Generation. „Nachfolge in Familienunternehmen ist immer mit Emotionen verbunden. Kein Unternehmer kann sich von Hoffnungen und Erwartungen an den Nachfolger freisprechen.“ Eine frühzeitige Diskussion, wenig Druck, viel Kommunikation, klare Regeln und die Lust und die Leidenschaft, das elterliche Unternehmen weiterführen zu wollen, seien entscheidend, dass die Nachfolge gelinge.

Gründergeist aktivieren

Dr. Jörg Mittelsten Scheid, Ehrenvorsitzender des Beirats der Vorwerk & Co. KG, und Annette Roeckl, geschäftsführende Gesellschafterin der Roeckl & Accessoires GmbH & Co. KG, faszinierten ihre Zuhörer mit Unternehmensgeschichten und Generationsübergängen aus 130 beziehungsweise 175 Jahren Geschichte. Bei beiden Rednern wurde deutlich, dass das Gelingen der Nachfolge für Familienunternehmen von entscheidender Bedeutung ist. Die Grundlage dafür sahen beide in einer guten Vorbereitung, externer Unterstützung und viel Kommunikation. Es gehe darum, die Systeme Unternehmen und Familie in Einklang zu bringen, den Gründergeist am Leben zu halten und neue Herausforderungen anzunehmen. „Die Familie muss das Unternehmen tragen“, sagte Dr. Mittelsten Scheid. „Dafür muss sie regelmäßig zusammenkommen. Es geht darum, Gesellschafter-Konflikte zu vermeiden und alle einzubinden.“ Annette Roeckl sagte: „Aus Veränderung und Innovation entsteht Tradition. Statt an Veränderung zu leiden, sollten wir Veränderungen klug und proaktiv angehen.“

Tipp: Mehr zu den Vorträgen von Dr. Jörg Mittelsten Scheid und Annette Roeckl finden Sie hier.

Menschen stolz machen

Moderator und Unternehmer Wolf R. Hirschmann präsentierte dieses Mal eine Diskussionsrunde, die es in sich hatte. Der Chef von „Slogan Strategieberatung Marketing Vertrieb“ diskutierte mit Lencke Wischhusen, Martina Koederitz, Sina Trinkwalder und Strategieberater Prof. Dr. Arnold Weissman aus Nürnberg über das Thema „Führen mit tradierten Werten und das neue Denken der Nachfolger“. Professor Weissman steckte mit zehn eingängigen Leitgedanken zur Führung von Familienunternehmen den Rahmen ab.

Sina Trinkwalder, geschäftsführende Gesellschafterin der Manomama GmbH in Augsburg, brachte durch die besondere Art ihres Unternehmens zusätzliche Aspekte in die Diskussion. In ihrem Unternehmen beschäftigt sie etwa 130 Menschen, die zuvor arbeitslos waren, größtenteils über 50 und Frauen sind. „Meine Ladies“, wie sie sagt. „In unserer Leistungsgesellschaft fallen viele Menschen durchs Raster“, sagte Trinkwalder. „Meine Unternehmensidee war der Wert Teilhabe. Mein oberstes Ziel war die Klärung der Frage ‚was kann ich mit diesen Menschen schaffen?’ Erst als ich das wusste, suchte ich mir Kunden für unsere Produkte.“ Sie schenke Vertrauen, das als Verantwortung von den Mitarbeitern zurückkomme, so Trinkwalder weiter. „Wir sind eine Wertegemeinschaft. Wenn jemand nicht passt, reguliert sich das von selbst.“ Bezüglich der viel zitierten Wissensgesellschaft sagte Trinkwalder: „Leute die da nicht mitkommen, werden immer stärker an den Rand gedrängt, doch wir dürfen sie nicht vergessen. Und wenn wir für ihre Arbeit keine anständigen Löhne zahlen, wie können wir dann erwarten, dass sich der Verbraucher auch nur eine Jeans für 25 Euro kauft?“

Mit anderen Anforderungen sieht sich Martina Koederitz, Vorsitzende der Geschäftsführung IBM Deutschland, konfrontiert. „Der Glaube an die Innovation als Taktgeber des Unternehmertums prägt die IBM“, sagte sie. „2003 haben wir in einem Werte-Chat festgelegt, dass auch künftig die Leidenschaft, zufriedene Kunden zu schaffen, entscheidend für uns ist sowie ein respektvoller Umgang mit allen Stakeholdern.“ Wichtig seien darüber hinaus Work-Life-Integration, und eine ziel- nicht anwesenheitsgesteuerte Mobilität. „Seit den 1990er-Jahren haben wir mobile Arbeitsplätze. 98,9 Prozent unserer Mitarbeiter verfügen über einen Laptop und freien Zugang zum Internet. Auch das erfordert Vertrauen, aber natürlich auch Regeln“, so die IBM-Deutschland-Chefin weiter. Man müsse sich natürlich stets fragen, ob die Werte des Unternehmens noch für die Zukunft tragen. Die junge Generation setze auf das Teilen und den Austausch von Know-how. Was funktioniere, müsse jedes Unternehmen für sich selbst herausfinden.

Einig waren sich die Diskutierenden darin, dass es Unternehmen schaffen müssen „Mitarbeiter stolz zu machen“. „Wir brauchen proud people, Menschen, die sich für ihr Unternehmen engagieren“, sagte Prof. Weissman. „Doch wer Leistung und Engagement fordert, muss auch Sinn bieten. Wir müssen es schaffen, dass Menschen Lebensqualität am Arbeitsplatz finden. Wenn für Menschen der Montag der schlechteste Tag der Woche ist, stimmt etwas ganz und gar nicht. Leistung ist etwas Schönes.“ Wischhusen fügte hinzu: „Es gibt in Deutschland keine Kultur des Scheiterns. Doch wir brauchen Menschen, die auch nach Rückschlägen wieder aufstehen und nach vorne gehen.“ Prof. Weissman zitierte abschließend ein Sprichwort: „Wer hinfällt, steht nicht mit leeren Händen auf.“

Können statt Wissen

In den folgenden sechs parallelen Gesprächskreisen ging es unter anderem um Themen wie „Marke schafft Werte“, „M & A schafft Brückenfunktion zwischen den Generationen“ oder „Markterschließung: Rechtliche Rahmenbedingungen in Südostasien und China“. Danach fanden sich die Konferenz-Teilnehmer wieder im Plenum zusammen für die Vorträge von Peter M. Endres, Vorstandsvorsitzender der Ergo Direkt Versicherungen, und Dr. Pero Mi?i?, Vorstand der Future Management Group AG aus Eltville.

Endres ging es nicht um das Thema Versicherungen, sondern um Bildung. Jedes Jahr würden 60.000 Schüler die Schule ohne Hauptschulabschluss verlassen. Das sei beschämend. „Unternehmen brauchen in Zukunft Menschen mit Wissen, Können und Potenzialen“, sagte er. „Jeder kann etwas. Wir lassen Potenziale brachliegen.“ Deshalb hat die Ergo Direkt zusammen mit dem Mutterkonzern Ergo in Düsseldorf und dem Berliner „Genisis Institute for Social Innovation and Impact Strategies“ die Internet-Plattform „Bildungsstifter“ initiiert (einen ausführlichen Artikel gibt es hier). Auf der Plattform können sich Bildungsinitiativen vernetzen, Unterstützer und Spender suchen.

„Ein Unternehmen besteht eigentlich nur aus den Menschen, die dort arbeiten. Den Wert eines Unternehmens könnte man auf den Spirit seiner Mitarbeiter reduzieren“, sagte Endres zum Schluss. „Unternehmen müssen deshalb ihre Mitarbeiter begeistern und ihnen optimale Bedingungen schaffen, damit sie ihre Potenziale voll entfalten können.“

Freude an der Zukunft

Dr. Pero Mi?i? machte deutlich, dass jeder für seine Zukunft selbst verantwortlich ist. „Die Zukunft ist von vielen kleinen Weichenstellungen abhängig. Wir verändern in jedem Moment unsere Zukunft“, sagte er. „Was heute in der Bilanz steht, ist die Folge dessen, was wir in der Vergangenheit getan haben. Zukunft ist in unserem Kopf. Annahmen über die Zukunft beeinflussen unsere Entscheidungen.“ Zukunftsforscher würden uns lediglich das Rohmaterial für unsere Überlegungen liefern. Verarbeiten müssten wir es selbst.

In der komplexen Welt von heute zähle Zukunft. Bedauerlicherweise sei unser Gehirn auf einer Stufe stehen geblieben, als Zukunft noch nicht zählte. Dadurch würden wir immer wieder in die Kurzfrist-Falle tappen. Durch Zukunftsmanagement könnten wir dieser Falle entgehen. Es gehe darum, Zukunftschancen in neuen Märkten und neuen Geschäftsfeldern zu erkennen und zu erschließen. Dr. Mi?i? empfahl, die Zukunft durch die fünf Zukunftsbrillen zu betrachten: Was kommt auf uns zu (Annahmen)? Welche Überraschungen könnte es geben? Welche Chancen eröffnen sich dadurch für uns? Was wollen wir im Jahr X erreicht haben (Vision)? Mit welcher Strategie kommen wir dorthin? „Wir lassen unsere Mitarbeiter viel zu oft blind am Puzzle arbeiten“, monierte Dr. Mi?i?. „Wenn wir einer Vision folgen, richten sich die Kräfte in eine Richtung aus. Es geht um Klarheit. Nur dann stellt sich ein Gefühl von Sicherheit, Wohlgefühl und Freude an der Zukunft ein.“ (hier geht es zu einem Interview mit Dr. Pero Mi?i?)

Die über 200 Gäste und die Veranstalter zeigten sich mit dem vollgepackten Tag sehr zufrieden. Auch nach dem Ende der Vorträge wurde noch lebhaft diskutiert. „Sowohl die Vorträge als auch die Diskussionsrunde waren sehr inspirierend und brachten wohl jedem Zuhörer neue Erkenntnisse“, fasste Dr. Breitsohl seine Eindrücke zusammen. „Ich freue mich schon auf die nächste Konferenz am 10. Juli 2014 in Stuttgart.“

Tipp: Einen ausführlichen Bericht über die 8. Familienunternehmer-Konferenz gibt es in der September-Ausgabe der News. Unten finden Sie ein Videorückblick und auf unserer Event-Seite weitere Filme (Interviews).