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26. Oktober 2014

Fachkräftemangel nur ein Mythos?

Kaum ein Tag vergeht, an dem Politik, Wirtschaft und Medien nicht das Thema Fachkräftemangel aufgreifen. Vor allem Unternehmerverbände sehen die deutsche Wirtschaft vor massiven Problemen. Doch was ist dran am Fachkräftemangel? Darüber sprach die Redaktion von Familienunternehmer-News.de mit Martin Gaedt, dem Autor des kürzlich erschienenen Buches „Mythos Fachkräftemangel“.

Ihr neues Buch heißt „Mythos Fachkräftemangel“. Wieso Mythos, ist denn der Fachkräftemangel in der deutschen Wirtschaft nicht real?

Martin Gaedt: Nach allem, was ich erlebt und herausgefunden habe, gibt es in Deutschland keinen grundsätzlichen Mangel an Fachkräften, denn diese sind durchaus vorhanden. Das Grundproblem ist, dass Unternehmen und Bewerber leider viel zu selten zueinanderfinden. Da wundert es nicht, wenn viele Firmen bei Umfragen angeben, dass sich auf ausgeschriebene Stellen nur wenige oder gar keine Bewerber melden. Das liegt aber weniger an der Zahl der Fachkräfte als zum Großteil an den Unternehmen. Von den Medien aufgegriffen, hat sich so über die Jahre ein Mythos aufgebaut.

Welches sind aus Ihrer Sicht die Hauptgründe dafür, dass gerade viele kleine und mittlere, aber durchaus sehr erfolgreiche Unternehmen größte Schwierigkeiten haben, geeignete Fachkräfte zu finden?

Leider sind viele Firmen, darunter zig Familienunternehmen, für Bewerber unsichtbar. Da gibt es Unternehmen, die in ihren Branchen Weltmarktführer sind, aber die nur wenige kennen – selbst in der näheren Umgebung. Sie agieren lieber im Verborgenen. Das heißt, diese Firmen haben keine Chance, in die engere Wahl eines Bewerbers zu kommen. Sie fliegen raus, ohne jemals drin gewesen zu sein.
Nicht wenige Unternehmen sind zudem der Meinung, dass eine Stellenanzeige in den Jobbörsen ausreicht, um einen potenziellen Kandidaten zu finden. Ein Trugschluss, denn allein innerhalb der vergangenen zwei Jahre ist die Quote der Bewerber, die diese Stellenportale nutzen, laut der Studie „Global Recruiting“ von 60 auf 34 Prozent zurückgegangen. Da ist es doch logisch, dass es automatisch weniger Bewerbungen auf eine Stelle gibt. Wenn sich dann noch eine Stellenausschreibung wie ein schlechtes Buch liest, kaum Informationen über das Unternehmen enthält oder, wenn ein Personaldienstleister zwischengeschaltet ist, nicht einmal der Name der Firma auftaucht, ist die Wirkung gleich Null. Der Grundsatz „Bewerber wollen umworben werden wie Kunden“ wird fahrlässig vernachlässigt. Sollte dennoch ein Bewerber Interesse am Unternehmen zeigen, lauert auf der Homepage die nächste Hürde. Bewerber nehmen sich im Schnitt 40 Sekunden Zeit, die Internetseite zu scannen. Finden Sie in dieser Zeit nichts Interessantes, sind sie mit einem Klick für immer weg. Dieser ganze Prozess läuft wie ein Trichter ab. Wenn es schon an der Bekanntheit des Unternehmens hapert, ist die Wahrscheinlichkeit, dass sich wenigstens eine passende Fachkraft bewirbt, äußerst gering.
Gerade kleine und mittlere Unternehmen müssen außerdem lernen, stärker in Netzwerken zusammenzuarbeiten, denn auf dem Markt herrscht eine extrem ungleiche Verteilung der Fachkräfte. So erhält manches Unternehmen vier Bewerbungen, das andere aus der gleichen Branche gar keine. Eine engere Verzahnung würde beiden helfen.

Wie sieht es bei Großunternehmen aus?

Großkonzerne, vor allem mit bekannten Konsum-Marken, erhalten in der Regel viel mehr Bewerbungen. Das liegt mitunter auch daran, dass wir in einer von Produkten geprägten Gesellschaft leben. So strahlen diese Unternehmen eine gewisse Attraktivität aus. Wer beispielsweise im Automobilbereich Karriere machen möchte, bewirbt sich in der Regel eher bei einem bekannten Automobilhersteller statt beim Zulieferer um die Ecke. Dieser hätte vielleicht mehr zu bieten als der Großkonzern, nur weiß das keiner. Hier gibt es noch viel Potenzial nach oben.

In Ihrem Buch kritisieren Sie auch den Umgang der Unternehmen mit Bewerbern. Was läuft da schief?

Es ist kaum zu glauben, was sich da teilweise abspielt. Nicht wenige Bewerber erfahren im Bewerbungsprozess von Seiten der Arbeitgeber Respektlosigkeit und Arroganz. Man muss vier Wochen auf eine Antwort zur Bewerbung warten. Laut Studien hören gut ein Drittel der Bewerber gar nichts mehr von den Unternehmen. Wer nachfragt, muss mit blöden Kommentaren rechnen und hat den Eindruck, dass seine Bewerbung ungelegen kommt und nur Arbeit macht. Furchtbar sind auch Standardschreiben, die mit „Sehr geehrter Bewerber“ anfangen. Der Mühe, die sich diese Menschen mit ihren Bewerbungen gemacht haben, wird so keine Wertschätzung entgegengebracht. Bewerber müssen stärker als Individuen, nicht als Massenware wahrgenommen werden. Eine Willkommenskultur sieht jedenfalls anders aus. Spätestens nach 24 Stunden sollten Bewerber eine persönlich verfasste Rückmeldung bekommen. Wer drei Wochen damit wartet, hat verloren und der Bewerber schaut sich anderweitig um.

Apropos Willkommenskultur: Welche Rolle kommt der Politik bei der Gewinnung ausländischer Fachkräfte zu?

Die von der Politik propagierte Willkommenskultur für ausländische Fachkräfte steht bisher leider nur auf dem Papier. Als Unternehmer musste ich mehrfach feststellen, dass vor allem bei der Ausländerbehörde und bei der Arbeitsagentur vieles im Argen liegt. Vor ein paar Jahren suchte ich für mein Unternehmen in Berlin einen Software-Entwickler mit speziellen Fähigkeiten und hatte diesen auch recht schnell gefunden: einen Rumänen, der genau dem Stellenprofil entsprach – er wollte und wir wollten. Damals war bereits seit einem halben Jahr die Richtlinie in Kraft getreten, dass Akademiker aus Rumänien formlos in einem festen Arbeitsverhältnis eingestellt werden dürfen. Die Frage der Arbeitsgenehmigung sollte nur eine Formsache sein. Doch dann funkte die Arbeitsagentur dazwischen und behielt sich vor, einen Softwareentwickler mit deutschem Pass zu finden. Die Mitarbeiter der Agentur waren aber schlichtweg mit dem sehr speziellen Stellenprofil überfordert. Das Ende vom Lied: Es dauerte zweite Monate bis der Rumäne bei uns anfangen konnte. In anderen Fällen mussten wir sogar drei bis vier Monate warten. Oft bleiben die Anträge in den Ausländerbehörden liegen. Und kaum zu glauben: Ein Nepalese, der später bei uns arbeitete, wollte bei der Ausländerbehörde eine Bluecard beantragen und vereinbarte deswegen einen Termin. Doch bei dem Termin sprach keiner der Anwesenden Englisch und das ganze Informationsmaterial war auf Deutsch. Beide, Arbeitsagentur und Ausländerbehörde, gehören daher dringend strukturell anders aufgestellt. Die Behörden müssen zu Unternehmen werden, die die Firmen effektiv unterstützen. Gerade die 108.000 Mitarbeiter starke Arbeitsagentur muss sich mehr um die Menschen als um das Einhalten von Vorschriften und Gesetzen kümmern. (-hf)

Redaktionstipp

Das Buch „Mythos Fachkräftemangel“ beschreibt sehr eindrücklich, warum Unternehmen größte Schwierigkeiten haben, passendes Personal zu finden. Die Redaktion meint: Unbedingt für jeden Unternehmer zu empfehlen. Autor Martin Gaedt beschreibt nicht nur sehr fundiert die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt, sondern zeigt ganz konkret, was schief läuft und was sich in Deutschland bei den Unternehmen und Behörden ändern muss. Gaedt ist seit über 20 Jahren in der Berufsberatung aktiv und hat 2007 die Younect GmbH gegründet, ein Unternehmen, das sich auf Recruiting und Bewerbungsmanagement spezialisiert hat.

Martin Gaedt: „Mythos Fachkräftemangel“, Wiley-VCH-Verlag, ISBN: 9783527507696, 19,90 Euro.