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29. November 2014

Motivierte Auszubildende gewinnen erfordert Zusammenarbeit

Besonders mittelgroße und kleinere Familienunternehmen sehen sich beim Kampf um Auszubildende benachteiligt. Die großen Konzerne und bekannten Marken würden den Rahm abschöpfen. Die Unternehmen klagen über Jugendliche, die nicht ausbildungsfähig seien, weil sie mangelhaft lesen, schreiben und auch teils die Grundrechenarten nicht beherrschen würden, keine Motivation zeigten, unzuverlässig und respektlos seien.

Oberstudienrat Karl-Otto Kaiser, Lehrer an der Kaufmännischen Schule Göppingen, beweist seit Jahren, dass es durchaus möglich ist, die Jugendlichen für mehr Engagement zu gewinnen. Dafür sei jedoch eine intensivere Zusammenarbeit von Schule, Eltern und Unternehmen notwenig und eine Abkehr davon, den Jugendlichen alles abzunehmen. „Sie müssen selbst initiativ werden und man muss ihnen zeigen, wo sie an sich arbeiten müssen und wo sie vorhandene Stärken weiterentwickeln können“, sagt Kaiser. „Außerdem sollten die Jugendlichen wissen, was in der Welt draußen, in der Arbeitswelt von ihnen erwartet wird. Die meisten haben davon nur eine vage Vorstellung.“

Ohne Eltern geht nichts

Kaiser sieht sowohl die Eltern als auch die Unternehmen bei der Verbesserung der Situation in der Pflicht. „Viele Eltern halten sich heute bei der Berufswahl weitgehend heraus, obwohl es eigentlich ihre originäre Aufgabe ist, ihre Kinder dabei zu unterstützen. Sie überlassen diese Aufgabe in erster Linie den Schulen. Dort mühen sich oft überforderte und verunsicherte Lehrer ab“, sagt der 61-Jährige. Und auch manchen Unternehmen stellt er kein besonders gutes Zeugnis aus: „Ich unterrichte an einer Berufsschule mit rund 1.000 Auszubildenden, die für über zehn Berufe ausgebildet werden. Sie kommen aus etwa 400 Betrieben. Wenn die Schule einmal im Jahr zu einem Informationsaustausch eingeladen hat, waren oft nicht mehr als 20 bis 30 Betriebe vertreten und das waren meist diejenigen, die sowieso schon einen engen und guten Kontakt zur Schule und den Lehrern pflegten und auch keine Probleme haben, geeignete Auszubildende zu finden.“ Das lasse sich nicht mit dem Gejammer über ungeeigneten Nachwuchs vereinbaren. „Wenn wir es ernst damit meinen, dass kein Jugendlicher verloren gehen darf, müssen wir intensiver zusammenarbeiten und alle unsere Kompetenzen verbessern, damit sich alle Jugendlichen weiterentwickeln können“, betont Kaiser und nennt in diesem Zusammenhang zum Beispiel den Elternführerschein und das EU-Programm zur Förderung der wirtschaftlichen Kompetenz von Schülern inklusive Zertifikat, kurz Unternehmerführerschein genannt. Das Programm wird in Baden-Württemberg vom Steinbeis-Innovationszentrum umgesetzt.

Die Unternehmenswelt in die Schulen tragen

Von den Unternehmen fordert Kaiser, frühzeitig in die Schulen zu gehen und die Unternehmenswelt zu präsentieren. Das könne durch Informationsveranstaltungen geschehen, durch Unterstützung bei Schülerprojekten und durch Praktika. „Die Schüler müssen verstehen, wie das Arbeitsleben funktioniert und dass Anstrengung Erfolg zeigt“, sagt der Lehrer und erzählt von der Klasse einer Förderschule, denen ein Supermarkt Praktika anbot. Konkret: An vier Samstagen vor Weihnachten im Markt zu helfen und die Arbeitswelt, die verschiedenen Berufe und unterschiedlichen Tätigkeiten kennen zu lernen. „Von den 13 angesprochenen Schülern kamen drei Mädchen. Die zehn Jungen blieben zuhause. Das Unternehmen zeigte sich nach den vier Samstagen so begeistert vom Einsatz der Jugendlichen, dass es ihnen am Ende das Praktikum vergütete und der Geschäftsführer deutlich sagte: ‚Bewerbt euch. Wir können nicht versprechen, dass wir euch einstellen, aber wir versprechen, dass eure Bewerbung ganz oben auf dem Stapel liegen wird‘. Das ist ein Erfolgserlebnis, das mehr in Bewegung bringt als jedes Bewerbungstraining.“

Unternehmen sollten auf Schulen mit fertigen Konzepten zugehen. „Die meisten Lehrer haben kaum noch freie Kapazitäten. Deshalb stoßen Unternehmen mit konkreten Vorschlägen eher auf offene Ohren bei den Schulen“, sagt Kaiser. „Wenn eine Firma eine Infoveranstaltung zur Berufsorientierung vorschlägt, dann sollte sie sie auch inhaltlich vorbereiten, natürlich in Abstimmung mit der Schule, und die damit zusammenhängenden Aufgaben übernehmen wie Einladung der Referenten, Schüler und Eltern und eventuell auch eine kleine Bewirtung anbieten.“ Es sei sinnvoll, auf Informationsveranstaltungen Ausbildungsleiter aus dem Betrieb sprechen zu lassen und eventuell auch Auszubildende zu Wort kommen zu lassen. Das habe eine ganz andere Wirkung als wenn der Lehrer etwas erzähle. „Der Lehrer hat hier oft ein viel schlechteres Standing“, sagt Kaiser.

Er empfiehlt Unternehmern auch, unbedingt die Eltern einzuladen. „Die Eltern müssen die Jugendlichen unterstützen. Es macht einen großen Unterschied, ob die Eltern schweigen, wenn das Kind nicht zu einem Kurs geht oder keine Bewerbungen schreibt, oder ob sie nachfragen und auffordern, etwas zu tun.“ Das Elternhaus lege zudem die Grundlage für das Wertesystem des Jugendlichen. Es liege an den Eltern, ob das Kind über Sozialkompetenz verfüge oder nach dem Prinzip lebe „Ich!, Jetzt!, Sofort!, Alles!“. Kaiser ist überzeugt: „Ohne die Eltern kämpfen Schule und Unternehmen auf verlorenem Posten.“

Kompetenz aufbauen statt versorgen

Erzählt Kaiser, was mit Schülern passiert, die keine Lehrstelle finden, wird er ärgerlich: „Die Arbeitsagentur beauftragt einen Bildungsträger, sich um diese jungen Menschen zu kümmern. Diese Organisation betreut dann die jungen Menschen und sucht ihnen Ausbildungsplätze. Das klappt meistens, den die Bezahlung der Azubis übernimmt die Arbeitsagentur und die betreffenden Betriebe haben dadurch sehr kostengünstige Arbeitskräfte. Zudem können die Betriebe jederzeit den ‚Azubi‘ wieder ‚zurückgeben‘ oder es mit einem anderen Azubi versuchen.“ So komme es zum Beispiel zu Situationen, dass an Tankstellen Einzelhandelskaufleute „ausgebildet“ würden und dabei die Kernkompetenz „beratendes Verkaufen“ oft unter den Tisch falle. Was das für die weiteren Karrierechancen bedeute, liege auf der Hand. Unternehmen, denen die Suche nach Azubis ernst sei, könnten stattdessen mithelfen, dass die Jugendlichen schon während der Schulzeit zusätzliches Wissen und Kompetenzen erwerben und damit ihre Chancen auf gute Ausbildungsplätze verbessern. Unternehmen könnten zum Beispiel einen zusätzlichen Kurs zum Erwerb von Wirtschaftswissen fördern, indem sie den Jugendlichen Möglichkeiten bieten, über Praktika oder Projekte für das Unternehmen sich zu engagieren und die zusätzlichen Qualifikationen damit zu realisieren. „Es geht darum, Schulen, Schülern und Eltern Möglichkeiten aufzuzeigen und sie davon zu überzeugen, dass sich das Engagement lohnt.“

Schüler-Aktienindex für mehr Entwicklung

Ein gutes Beispiel ist für Kaiser auch der SAX, der Schüler-Aktienindex. Das Konzept dafür stammt vom Hotelier und Unternehmer Klaus Kobjoll in Nürnberg. Er hat für sein Unternehmen den MAX, den Mitarbeiter-Aktienindex, entwickelt. Kaiser hat daraus den SAX abgeleitet, sozusagen der Kurs des Schülers. Die Kriterien, die den Kursverlauf beeinflussen können, werden mit den Schülern festgelegt und entsprechend bewertet. Ob im Unterricht geschlafen, gegessen, mit dem Handy gespielt wird, ob dumme Kommentare abgegeben oder die Hausaufgaben vergessen werden, ob gemobbt und gestört wird, ob man zu spät gekommen ist, Sachen im Klassenzimmer herumgeworfen hat oder ungewaschen in der Schule erscheint – all das drückt den Kurswert. Umgangston, Wertschätzung durch andere, Teamfähigkeit, Leistungsbeurteilung, Interesse an der Schule/Ausbildung, Engagement, können ebenfalls den eigenen Wert steigen oder fallen lassen. „Wer gar nicht an sich arbeitet, verliert an Wert“, sagt Kaiser. „Nicht nur für Berufsschüler sind Referenzen und Urkunden das wichtigste Mittel, um sich von anderen Bewerbern zu unterscheiden und um ihre Leistungen und ihre Persönlichkeit zu belegen.“

Tipp: In der Juni-Ausgabe des Unternehmermagazins Die News geht es um den Fachkräftemangel und wie Unternehmen ihm begegnen können. Beispiele aus Unternehmen geben Anregungen.