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22. Dezember 2014

„Der Erbstrom trägt nicht mehr“

Prof. Götz W. Werner, Gründer der Drogeriemarktkette dm, war Gast auf der 9. Familienunternehmer-Konferenz von „Die News“ in Stuttgart. Dort diskutierte er mit Michael Rampf, geschäftsführender Gesellschafter der Rampf-Gruppe aus Grafenberg bei Reutlingen, über das Thema unternehmerische Verantwortung. Einige Tage zuvor sprach der Unternehmer mit der News-Redaktion.

Werner nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Zukunft von Familienunternehmen geht. Je zahlreicher die Erben, desto stärker gingen die Interessen auseinander und das Unternehmen möglicherweise den Bach hinunter. Hinzu kämen die staatlichen Forderungen in Form von Erbschaftsteuer. Familienunternehmen haben laut Werner nur eine Chance, wenn sie vor jeder privaten Verfügung durch die Familie, also die Gesellschafter, geschützt werden. Er selbst hat 2010 seine Anteile an dem von ihm 1973 in Karlsruhe gegründeten Unternehmen in die dm-Werner-Stiftung übertragen. „Mein Anliegen war und ist es, damit auf lange Sicht – und eine Stiftung besteht ‚für die Ewigkeit‘ – die bestmögliche Grundlage für das Unternehmen zu schaffen. Das Geld ist bei dm verdient worden, und es soll auch dm zur Verfügung stehen“, schreibt der Unternehmer in seiner Autobiografie „Womit ich nie gerechnet habe“.

Werner selbst hat sieben Kinder, die sich gut verstehen. Doch es könnte auch anders laufen. „Im schlimmsten Fall haben Sie sieben Kinder und sieben Schwiegerkinder, die sich von sieben hervorragend ausgebildeten Anwälten vertreten lassen“, beschreibt er das Szenario. „Ein Unternehmer hat die Aufgabe, das Überleben des Unternehmens zu sichern. Deshalb muss er frühzeitig tätig werden und Alternativen finden.“ Er habe sich für die Stiftung entschieden, aber es gebe andere Möglichkeiten. Gottlieb Duttweiler, Gründer des Schweizer Handelsunternehmens Migros, habe sein Unternehmen in eine Genossenschaft verwandelt und die Anteile an die Kunden verschenkt. In Zeiten extremer Individualisierung trage der „Erbstrom“ im Sinne von „wie der Vater so der Sohn“ nicht mehr, ist Werner überzeugt. Prinzipiell habe ein Unternehmen fünf Gruppen, deren Ansprüche man in Einklang bringen müsse, sagt er: „Die Kunden, die viel Leistung für wenig Geld haben möchten; die Lieferanten, die für ihre Lieferung einen möglichst hohen Preis erwarten; die Mitarbeiter, die sich eine gute Bezahlung wünschen; der Staat, der hohe Steuern fordert; und die Eigentümer.“

Die Gretchenfragen stellen

Um unabhängig vom Gründer bestehen zu können, brauche jedes Unternehmen etwas Identitätsstiftendes. Anfangs knüpfe das immer am Gründer und seiner Idee an. „Nur Ideen stiften Identität“, betont Werner. „So genial die Zündkerze ist, kann sie doch niemals Identität stiften. Nur die Idee dahinter kann das. Ein Unternehmer unternimmt etwas, um die Welt zu verändern. Das ist entscheidend. Deshalb überleben Marken wie Bosch oder Siemens. Jeder Unternehmer sollte sich die Zeit nehmen, über den Sinn seines Unternehmens zu reflektieren.“ Werner gibt zu, dass auch er das nicht gleich am Anfang getan habe. „Ich war gerade einmal 29 Jahre alt, als ich allen zeigen wollte, was eine Harke ist“, schmunzelt er. „Alle waren der Meinung, dass meine Idee niemals funktionieren würde, doch ich habe mich darüber hinweggesetzt und nur wenige Jahre später war ich Chef eines florierenden Unternehmens. Erst dann wurde mir bewusst, dass ich Verantwortung trage, dass Erfolg Folgen hat. Das Unternehmen durfte nicht nur wachsen, sondern musste sich verändern. Es musste einen Sinn haben und der konnte nur in den Menschen liegen.“

Werner stellte sich, wie er es nennt, die drei „Gretchenfragen“: „Ist das Unternehmen für mich da oder ich für das Unternehmen? Sind die Mitarbeiter für das Unternehmen da oder das Unternehmen für die Mitarbeiter? Sind die Kunden für das Unternehmen da oder das Unternehmen für die Kunden?“ Die Antworten auf diese Fragen waren eindeutig. Aus dieser Erkenntnis leitete Werner einen Perspektivenwechsel im Innern ein. „Der Sinn von dm ist es, dass sich Menschen entwickeln können“, sagt der Unternehmer. „Der Mensch will sich entwickeln, über sich hinauswachsen. Er ist ein ergebnisoffenes Wesen und folgt seinem inneren Antrieb. Wir müssen jeden Mitarbeiter in seinem Entwicklungsbedürfnis wertschätzen, sonst verliert er das Interesse.“ Die Drogeriemarktkette wurde zu einer Plattform, auf der „Menschen ihre Biografien gestalten können“.

Unternehmerisches Kraftzentrum

Jedes Unternehmen brauche eine Philosophie, die trage – außerhalb der Unternehmerfamilie. „Das Unternehmen muss sich emanzipieren und ein eigenes Gesicht bekommen“, sagt Werner. Die Menschen müssten sagen können: „Es macht Sinn, hier zu verweilen“, ob als Mitarbeiter oder als Kunde. Natürlich wolle der Mensch einen Arbeitsplatz und ein Einkommen, aber entscheidend sei der Sinn, den er in der Arbeit finde. Das sei das unternehmerische Kraftzentrum, der geistige Urquell, aus dem Erfolg entstehe. „Der Mensch darf nie Mittel zum Zweck sein. Das ist eine feudalistische Sichtweise“, sagt Werner. In seiner Autobiografie schildert er den Weg seines Unternehmens hin zu einem „sozialen Organismus“ mit „Lebensunternehmern“. Dafür wurde in den 1990er-Jahren die gesamte Organisation umgekrempelt, ein Unterfangen, das Mitarbeitern und Führungskräften große Veränderungen abverlangte. Heute ist die Unternehmenskultur geprägt von flachen Hierarchien mit „dialogischer Führung“ und großen Entscheidungsspielräumen der Mitarbeiter. Werner schreibt: „Rückblickend betrachtet dauerte es sicher fünf Jahre, bis das neue Denken glaubhaft erlebbar war. Und ich kenne keinen dm-Mitarbeiter, der diesen Veränderungsschritt jemals bereut hätte. Im Gegenteil: es besteht große Einigkeit, dass wir damals den Grundstein für den Erfolg der nächsten zwei Jahrzehnte gelegt haben.“

Unternehmen, denen es glaubwürdig gelinge, für die Menschen zu handeln, für Mitarbeiter und Kunden, überleben nach Werners Überzeugung ohne die Unternehmerfamilie. „Ideen schaffen einen Sog, sodass sich Kunden und Mitarbeiter mit dem Unternehmen verbinden wollen, ganz ohne Druck. Wenn die Familie diese Erkenntnis gemeinschaftlich umsetzt, kann die Nachfolge tragen“, sagt er. „Doch es muss auf jeden Fall sichergestellt werden, dass die Familie im Sinne des Ganzen handelt.“ (-ap)