Aktuelles
31. Dezember 2014

Nah dran an Industrie 4.0: Büromöbelhersteller setzt auf variable Produktion

Dank einer innovativen Variantenproduktion ist der österreichische Büromöbelhersteller Hali in der Lage, millimetergenaue Büromöbel in 48 Millionen Varianten zu fertigen und das in nur 15 Tagen. Die Stückzahl spielt dabei keine Rolle mehr.

„Unser Anspruch, dass jeder Kunde seine Büromöbel- und Raumsystemwünsche in nur 15 Tagen erfüllt bekommt, mag für viele unglaublich klingen, ist aber das Ergebnis eines langjährigen Prozesses“, erzählt Albert Nopp, der bei Hali als Geschäftsführer für die Produktion verantwortlich ist. Den Anstoß gab Ende 2005 der Umstand, dass der in die Jahre gekommene Maschinenpark erneuert werden musste. „Da stellte sich uns die generelle Frage, wie wir künftig auf dem Markt auftreten müssen, um weiterhin überlebensfähig zu sein. Damit schied eine in der Möbelbranche übliche und auch von uns bis dahin praktizierte Serienfertigung aus, denn die Zukunft liegt eindeutig in der Erfüllung individueller Kundenwünsche“, sagt Nopp und ergänzt: „Darauf muss alles ausgerichtet sein.“ So wurde die Vision von der Variantenproduktion geboren, die Herstellung von Losgröße-1-Waren zu Serienproduktionspreisen.

Ängste nehmen

Nopp, zu diesem Zeitpunkt noch Produktionsleiter, entwickelte das Konzept für eine mannlose Auftrags-, Beschaffungs- und Produktionsabwicklung: „Schnell wurde deutlich, dass da kein Stein auf dem anderen bleibt und wir teilweise von Null anfangen müssen.“ Allein mit neuen Maschinen war es aber nicht getan. Besonders die EDV stellte das Unternehmen vor große Herausforderungen, denn drei Systeme mussten in eines integriert werden. Da die bis dahin genutzte Produktionssoftware nur auf eine normale Serienfertigung ausgerichtet war und keine Variablen kannte, musste alles neu aufgesetzt werden. „Ein solches Szenario, das viele Veränderungen mit sich bringt, löst Ängste in der Geschäftsleitung aus und natürlich auch in der Belegschaft“, sagt Nopp. „So war es meine erste Aufgabe, die Führungsebene von meinem Konzept und der Notwendigkeit, etwas zu verändern, zu überzeugen. Zudem habe ich mich dazu bereit erklärt, die Verantwortung für den ganzen Prozess zu übernehmen. Das hat viel Druck aus der Sache genommen.“ Gegenüber den Mitarbeitern hätte man zudem klar kommuniziert, dass aufgrund des Projekts kein Arbeitsplatz verloren gehen würde. „Das ist uns bis heute auch gelungen, da wir damals bereits personell eher unterbesetzt waren und wir später natürliche Abgänge nicht ersetzt haben“, sagt der Geschäftsführer.

Wenn Maschinen miteinander reden

In mehreren Etappen wurde der gesamte Prozess umgesetzt. Im Jahr 2007 baute Hali ein völlig neues ERP/PPS-System parallel zur bestehenden EDV auf, das von der Erfassung des Auftrags bis zur Auslieferung der Produkte durchgängig ist und vollautomatisch die maßvariantenfähigen Stücklisten, Arbeitspläne, Auftragskalkulation und die Bestellungen für die Zulieferer erzeugt. Zudem werden vom System alle Daten für die variantenfähige Maschinenanbindung generiert. Von 2009 bis 2012 investierte das Unternehmen in den neuen Maschinenpark rund zehn Millionen Euro. „Die große Kunst bestand darin, Losgröße-1-Maschinen so miteinander zu verknüpfen, dass die Weitergabe der Möbelteile ohne Zutun des Menschen reibungslos funktioniert. Damals gab es aber für so etwas noch keine technisch-wirtschaftliche Lösung“, erzählt Nopp. In Zusammenarbeit mit dem Maschinenbauer Homag wurde jedoch Pionierarbeit geleistet und entsprechende Lösungen realisiert.

Vollautomatische Prozesse

Am Anfang der Produktionsanlage steht ein so genanntes hochdynamisches Bargstedt-Plattenlager, das bis zu 4.000 Platten aufnehmen kann. Von dort aus werden die Sägen automatisch bestückt und die Teile anschließend in einem Etagenpuffer mit zwei Stunden Produktionskapazität gepuffert. Von diesem Etagenpuffer werden dann die Teile weitertransportiert und es erfolgen die Format- und Kantenbearbeitung sowie die chaotische Einlagerung der Teile in einem Kommissionierer. Dieses Zwischenlager dient zur Pufferung und Kommissionierung der Teile für die entsprechende Montagereihenfolge. Sobald alle Teile komplett sind, startet die automatische Auslagerung hin zu den direkt angeschlossenen Bohrlinien. „Nur die abschließende Entnahme der Teile und den Zusammenbau übernehmen Mitarbeiter. Da ist der Mensch bei 48 Millionen Produktvarianten einfach bis heute unersetzbar“, unterstreicht Nopp. „Eine weitere Besonderheit der Anlage ist die etikettenlose Fertigung. Wir wollten unbedingt vermeiden, dass wir jede Woche 20.000 Etiketten aufkleben und wieder entfernen müssen. Dank unserer vollautomischen und eng verknüpften Produktion sind wir aber jetzt in der Lage, bei jedem Teil sozusagen den passenden Datensatz virtuell mitfahren zu lassen. Wir wissen also jederzeit auch ohne Barcode, wo sich welches Teil befindet.“

Sicherheit ist ein großes Thema

Bei einer vollautomatisch arbeitenden Produktionsanlage wie im Hause Hali spielt natürlich auch das Thema Daten- und Produktionssicherheit eine große Rolle. „Unsere Prozessdaten werden alle in Echtzeit parallel auf mehreren Festplatten gesichert und gespiegelt. Firewalls schützen die Daten zudem vor dem Zugriff von außen“, sagt Nopp. Großes Augenmerk wird auf Zugriffsrechte gelegt. Es ist genau festgelegt, wer sich in welche Systeme einloggen kann. Passwörter werden alle acht Wochen geändert.
Das Thema Sicherheit ist auch eine der großen Hürden, weshalb Hali-Kunden bislang noch nicht direkt auf das System zugreifen können, eine der zentralen Industrie 4.0-Visionen. „Das wird sicherlich irgendwann so kommen. Als Zwischenlösung schwebt uns bis dahin eine Planungssoftware vor, die wir unseren Kunden online zur Verfügung stellen wollen“, hofft Nopp. Auch sonst sieht er noch viel Optimierungspotenzial in der Abwicklung, etwa im Bereich der Logistik: „Wir sind immer noch auf der Suche nach einer modernen Logistiklösung mit hohem Automatisierungsgrad, die zum Beispiel dafür sorgt, dass unsere fertigen Produkte sofort verpackt, verladen und in die Tourenplanung aufgenommen werden.“ (-hf)

www.hali.at

Tipp: Mehr zum Thema Industrie 4.0 gibt es in der September-Ausgabe von DIE NEWS, dem Magazin für Familienunternehmen.