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7. Januar 2015

Industrie 4.0 kommt nicht über Nacht

Ihr diesjähriges Ideen-Forum veranstaltete die Komet Group am Stammsitz in Besigheim zum Thema Industrie 4.0. Der Komplettanbieter für Präzisionswerkzeuge beschäftigt sich selbst schon seit zwei bis drei Jahren mit dem Zukunftsthema. Andrea Przyklenk sprach mit Geschäftsführer Dr.-Ing. Christof Bönsch.

Das Thema Industrie 4.0 ist in aller Munde. Doch was genau ist so neu an diesem Produktionssystem?

Dr. Christof Bönsch: Es geht bei Industrie 4.0 nicht nur um neue technische Möglichkeiten, sondern um völlig neue Geschäftsmodelle, die entstehen. Wenn man über Industrie 4.0 spricht, muss man sich darüber im Klaren sein, dass es im selben Augenblick begonnen hat wie das Web 2.0. Die kollektive Intelligenz wird in den industriellen Sektor übertragen. Es geht um die Kommunikation von Maschinen und Betriebssystemen, um Vernetzung, um Wissensmanagement, um das Sammeln, Auswerten und Nutzen von Informationen und Daten.

Hat die 4. Industrielle Revolution also schon längst begonnen?

Mit Sicherheit kann man das erst im Nachhinein wissen. Doch wenn ich sehe, wie viele Unternehmen bereits davon sprechen und erste Schritte machen, hat die Revolution auf jeden Fall schon begonnen. Dem Maschinenbau ist eine gewisse Behäbigkeit eigen. Veränderungen brauchen etwas Zeit, geschehen dann aber systematisch und sind umso nachhaltiger.

Wird Industrie 4.0 eine Domäne der großen Unternehmen bleiben?

Große Unternehmen verfügen zwar über große Ressourcen, aber der Mittelstand kann auf seinen Erfindergeist setzen. Auch im Internet wurde die Revolution nicht durch IBM eingeläutet, sondern durch kleine Start-ups wie Apple, Microsoft oder Google. Große Unternehmen müssen zwar mitmachen, haben aber auch am meisten zu verlieren. Der Mittelstand ist technologiegetrieben und verfügt dadurch über viele Chancen.

Welches sind die Voraussetzungen, damit der Mittelstand an Industrie 4.0 teilhaben kann?

Der Mittelstand sollte auf seine Stärken setzen. Um an Industrie 4.0 teilhaben zu können, braucht man keinem Internet-Hype zu folgen. Die Unternehmen sollten sich aber intensiv damit beschäftigen, wie die Technik für Industrie 4.0 genutzt werden kann. Sie müssen sich fragen, wo die Treiber sind, denn der Nutzen der Technologie geht weit über das Unternehmen hinaus. Mit zusätzlichen oder neuen Geschäftsmodellen lässt sich der Kundennutzen von Produkten und Dienstleistungen erhöhen oder sogar erst ermöglichen. Das wird in jedem Unternehmen anders aussehen, weshalb es nötig ist, individuell die Treiber des eigenen Geschäftsmodells zu identifizieren.

Wo liegen aus Ihrer Sicht die Chancen von Industrie 4.0? Welchen Nutzen haben die Unternehmen und ihre Kunden davon?

Da gibt es zwei Bereiche. Zum einen können wir besser werden als bisher. Jedes Unternehmen kämpft darum, gute Produkte anzubieten. Die Vernetzung kann dabei helfen, herauszufinden, was der Kunde will, damit wir schneller und individueller reagieren können. Prozesse werden somit effizienter und verbrauchen weniger Ressourcen, wenn Maschinen miteinander sprechen.
Zum anderen können wir unseren Kunden mehr Nutzen anbieten. Die virtuelle Produktion ermöglicht zusätzliche Services und Dienstleistungen mittels neuer Geschäftsmodelle. Doch damit stehen wir noch ziemlich am Anfang.

Wie weit ist die Komet Group mit Industrie 4.0?

Wir stellen Werkzeuge her und sind in der Zerspanungstechnologie zuhause. Für uns geht es darum, so viele Informationen wie möglich zu sammeln und auszuwerten. Deshalb haben wir vor kurzem auch ein Unternehmen gekauft, das sich mit Prozessüberwachung beschäftigt. Wir möchten verlässliche Daten darüber haben, was unsere Werkzeuge genau machen. Auf diese Weise gewinnen wir neue Einsichten, die wir für Verbesserungen nutzen können. Wir haben damit begonnen, die komplette Historie eines Werkzeugs zu erfassen. Das erreichen wir mit einer passiven Codierung, die der Kunde nutzen kann oder nicht. Durch die Codierung wissen wir nicht nur mehr als zuvor, sondern können zum Beispiel Produktionsabläufe verbessern. Codierte Werkstücke „sagen“, welches Bearbeitungsprogramm sie brauchen.

Für manche Unternehmen hält die Vernetzung mehr Schrecken als Nutzen bereit…

Ich halte die Diskussion über die IT-Sicherheit für notwendig, aber stellenweise auch für künstlich. Jeder weiß, dass das Internet nicht sicher ist, trotzdem nutzen wir es alle. Wenn der Nutzen größer ist als das Risiko, setzt man sich über das Risiko hinweg oder versucht es zu minimieren.

Aus Ihrer Erfahrung: Wie geht man am besten an das Thema heran?

Es gibt keine Patentlösung für alle. Bei Komet nutzen wir zum Beispiel die Begeisterung internet-affiner Mitarbeiter und geben ihnen auch den Raum, um zu experimentieren. Das Schwierige an der Sache ist, dass sich das Thema einer ordentlichen Investitionsrechnung verschließt. Die Höhe der Entwicklungskosten können wir noch nicht konkret benennen und zudem wissen nicht, welche Einnahmen wann zu erwarten sind. Meiner Meinung nach sollte man hinter die schillernde Fassade des Hypes schauen und die Sache mit gesundem Pragmatismus angehen. Industrie 4.0 wird nicht plötzlich über uns hereinbrechen. Man muss sich den Herausforderungen der Zukunft stellen und Freiräume für Kreativität zulassen. Auf der anderen Seite darf man nicht alles auf eine Karte setzen. Wir greifen Impulse auf, die wir nutzen können, um Geld zu verdienen. Wir müssen bei diesem Thema nicht vorwegmarschieren, sondern folgen einer „Smart-Follower-Strategie“. Trotzdem sollte man aufmerksam sein und immer wieder prüfen, ob das eigene Geschäftsmodell auch morgen noch trägt, denn es können durch Industrie 4.0 völlig neue Wettbewerber entstehen.

Zwei Dinge sind uns bei Komet besonders wichtig: Erstens möchten wir die Zukunft nicht den IT-Leuten überlassen. Es sollte nicht so weit kommen, dass Google die industrielle Vernetzung in Deutschland übernimmt. Die Zusatzkosten, die in der IT entstehen, sind überschaubar. Zweitens machen wir gute Erfahrungen mit der Teilnahme an gemeinsamen Projekten von Wissenschaft und anderen Unternehmen. Wissenschaftler haben mehr Zeit, sich intensiv mit den Dingen zu befassen. Als Unternehmen kann man aus einer Zusammenarbeit wichtige Impulse mitnehmen. Kooperationen sind notwendig, denn in Zeiten der Vernetzung werden Einzellösungen nur wenig Akzeptanz finden.

www.kometgroup.com

www.ideen-forum.de

Tipp: Mehr zum Thema Industrie 4.0 lesen Sie in der September-Ausgabe des Unternehmermagazins Die News.