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10. Februar 2015

Burn-out ist keine Modekrankheit

Der Begriff Burn-out wird in den letzten Jahren inflationär verwendet. Was genau dahinter steckt, bleibt oft unklar. Das Burn-out-Syndrom ist wissenschaftlich nicht als Krankheit anerkannt, kann aber zu psychosomatischen Erkrankungen und Depression führen. Dr. Heino Lisker von der Max-Grundig-Klinik erklärt im Gespräch mit der Redaktion, wie sich Burn-out äußert, wie man ihn erkennt und was man präventiv tun kann.

Burn-out (ausgebrannt) habe man zuerst an Menschen aus helfenden Berufen festgestellt, sagt Dr. Lisker. Heute werde der Begriff als Synonym für fast alle Arten psychischer Krisen verwendet. Das zeige sich schon daran, dass eine Suchanfrage im Internet dafür vor sechs Jahren 15 Millionen Treffer angezeigt habe, heute bereits 87 Millionen. Ernst nehmen müsse man Burn-out trotzdem. „Burn-out ist eine chronische Erschöpfungsreaktion, die einhergeht mit einer emotionalen Verstrickung im Berufsleben. Sie baut sich über mehrere Jahre auf und erzeugt einen Risikozustand, der die Entstehung von psychischen Erkrankungen vorantreibt“, erklärt der Arzt. „Besonders gefährdet sind Menschen, die sich stark mit ihrem Beruf identifizieren und sich für Andere aufopfern beziehungsweise verantwortlich fühlen. Burn-out fokussiert eindeutig auf den Beruf.“

Ein Beispiel zeigt, wie es zu Burn-out kommen kann: Am Anfang steht meistens chronischer Stress, hervorgerufen durch eine ständige Über- oder Unterforderung oder durch Konflikte mit dem Vorgesetzten, die nicht ausgetragen werden können. „Wer zum Beispiel ständig gezwungen ist, seine Gefühle zu unterdrücken, gerät in chronischen Stress, der in einen Zustand emotionaler Erschöpfung mit verminderter Leistungsfähigkeit, verbunden mit Depersonalisationsgefühlen münden kann. Der Betroffene wird sarkastisch oder sogar zynisch und stellt so eine Abgrenzung her“, beschreibt Dr. Lisker die Entwicklung.

Symptome erkennen und ansprechen

Die Anzeichen für Burn-out sind laut Dr. Lisker vielfältig, aber durchaus zu erkennen. Auf der körperlichen Ebene äußert sich die Entwicklung in erhöhter Infektanfälligkeit, permanenter Müdigkeit und Erschöpfung, Schlafstörungen und sexuellen Störungen sowie Tinnitus. Auf der Gefühlsebene verspüren Betroffene einen inneren Widerstand zur Arbeit zu gehen, empfinden Ärger und Widerwillen, haben Angst zu versagen und entwickeln Schuldgefühle. Betroffene fehlen oft unter fadenscheinigen Ausreden und arbeiten mit verminderter Effizienz. „Ein wichtiger Marker ist auch die fortschreitende soziale Isolation“, weiß Dr. Lisker. „Die Betroffenen verschieben Verabredungen oder sagen sie ganz ab. Sie schränken den Kundenkontakt ein und ziehen sich von den Kollegen zurück. Auch private Aktivitäten finden nicht mehr statt. Stattdessen steigt häufig der Konsum von Alkohol, Tabak oder Tabletten.“

Vorgesetzten komme sowohl bei der Erkennung erster Symptome als auch bei der Prävention eine wichtige Rolle zu, ist Dr. Lisker überzeugt. „Sobald man Burn-out-Symptome bei einem Mitarbeiter vermutet, sollte man ein Gespräch anbieten, eventuell einen Arztbesuch empfehlen, um eine vernünftige Diagnose zu erhalten. Manchmal reichen schon ein bis zwei Wochen Ruhe und ein Kurs in Stressmanagement oder Autogenem Training.“ Sei die Entwicklung weit fortgeschritten und habe sich möglichweise eine Depression entwickelt, brauche der Mitarbeiter ärztliche beziehungsweise psychotherapeutische Hilfe. Um das zu vermeiden, empfiehlt Dr. Lisker eine frühzeitige Prävention. Broschüren, Vorträge und Fortbildungen seien gute Möglichkeiten, um alle im Unternehmen für das Problem zu sensibilisieren. „Meine Erfahrung zeigt, dass sich Burn-out oft entwickelt, wenn berufliche Veränderungen anstehen, auch wenn sie positiv sind wie ein Aufstieg“, sagt Dr. Lisker. „Die beste Prävention ist eine professionelle Mitarbeiterentwicklung, die nicht unter-, aber auch nicht überfordert, und vor allem Anerkennung und Wertschätzung.“

Auch Chefs brennen aus

Burn-out kann alle treffen, vom Produktionsmitarbeiter bis zu den Führungskräften und zum Unternehmer. „Burn-out bei einem Unternehmer wird oft lange nicht bemerkt“, sagt der Experte. „Sie haben oft ein besonders entwickeltes Anspruchsverhalten gegenüber sich selbst, ein starkes Verantwortungs- und Pflichtgefühl und eine Tendenz zum Perfektionismus. Für viele gilt: ‚Es kann nicht sein, was nicht sein darf.‘ Doch in belastenden Situationen wie einem Umsatzeinbruch, Entlassungen, einer Übernahme oder familiären Problemen, kann sich gerade bei Menschen mit einem hohen Leistungsideal ein Burn-out entwickeln.“
Dr. Lisker warnt davor, die ersten Anzeichen oder Warnungen des Umfelds zu ignorieren. „Burn-out ist ein schleichender Prozess, der sich intensiviert, wenn er nicht behandelt wird. Anfangs setzt der Patient den Problemen noch erhöhten Widerstand entgegen. Phase zwei ist durch Apathie gekennzeichnet. Am Ende steht die körperliche Erkrankung. Burn-out geht nicht einfach weg, es sei denn, der Auslöser fällt weg, was meistens nicht der Fall ist.“

Mit einer professionellen Behandlung sei dem Burn-out jedoch beizukommen. „Die Behandlung verläuft über drei Achsen“, sagt Dr. Lisker. „Zu Beginn wird eine distanzierende innere Position zum Arbeitsalltag des Betroffenen geschaffen. Ursachensuche und Veränderung der Abläufe am Arbeitsplatz, die Lösung privater Konflikte, inklusive Abgrenzungs- und Kommunikationstraining, sind weitere Maßnahmen. Am Ende der Behandlung stehen eine Veränderung der inneren Einstellung zu der belastenden Situation sowie das Hinterfragen hinderlicher Gewohnheiten.“ (-ap)

www.max-grundig-klinik.de

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