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25. März 2015

Führung: Mitarbeiter einladen, ermutigen, inspirieren

Die Erwartungen von Arbeitgebern und Arbeitnehmern aneinander haben sich in den letzten Jahrzehnten dramatisch verändert. Arbeitgeber möchten engagierte und kreative Mitarbeiter, die Verantwortung übernehmen. Die Mitarbeiter möchten Chefs, die sie fördern und wertschätzen, möchten selbstständig arbeiten und Freiräume haben. Scheint perfekt zusammen zu passen, doch manchmal trügt der Schein.

Ganze Heerscharen von Beratern predigen eine neue Führungskultur, doch viele Chefs können nicht loslassen, keine Verantwortung abgeben, haben kein Vertrauen in ihre Mitarbeiter, schreiben alles vor bis ins kleinste Detail, kontrollieren und sanktionieren. Die Mitarbeiter machen dicht, schieben Dienst nach Vorschrift oder werden sogar krank, Engagement und Kreativität bleiben auf der Strecke. „Überaus schade“, meint der renommierte Buchautor und Professor für Neurobiologie an der Universität Göttingen, Prof. Dr. Gerald Hüther. „Denn da geht noch eine Menge mehr. Es ist ein riesiges Potenzial vorhanden, das wir nicht nutzen. Bis ins hohe Alter ist alles möglich“, sagte er in einem Vortrag beim Neujahrsempfang des Wirtschaftsrats der CDU am 20. Januar 2015 in Stuttgart.

Dünger fürs Gehirn

Genetisch gebe es kein besser oder schlechter. Jedes Kind verfüge über einen riesigen Überschuss an Potenzial. Und auch wenn wir durch Schule und andere Erfahrungen zu „Kümmer-Versionen unserer selbst“ würden, sei nichts verloren, denn dieses Potenzial könne jederzeit wieder aktiviert werden. Unsere falsche Vorstellung des Gehirns verhindere, dass wir diese Potenziale nutzten. „Das Hirn ist kein Muskel, den man trainieren kann“, sagte Hüther. „Aber es misst ständig, ob etwas bedeutungsvoll ist. Bedeutungsvoll ist, was unter die Haut geht, was mit Emotion verbunden ist, zum Beispiel wenn man etwas Neues entdeckt oder eine Aufgabe löst. Neue Dinge versetzen uns in Unruhe und wir strengen uns an, um sie zu begreifen. Wenn wir diesen Erfolg haben, erzeugt das Botenstoffe, die Glücksgefühle hervorbringen und Lust auf mehr machen. Diese neuroplastischen Botenstoffe wirken als Dünger für neue Verschaltungen in unserem Gehirn.“

Kleinkinder haben laut Hüther pro Tag 50 bis 100 solche Glücksmomente, wenn sie im Spiel Neues lernen. „Stellen Sie sich vor, was wäre, wenn das so weiterginge“, sagt der Professor. Aber leider würde den Kindern in der Schule die Lust am Entdecken abhandenkommen. Glücksmomente würden seltener. Die „Lernlust“ fehle.

Etwas mehr Hirn, bitte

So lautet nicht nur der Titel des neuen Buchs von Hüther, das im März erscheint, sondern damit beschreibt er auch, dass das Zeitalter der Einzelkämpfer vorbei ist. Als Erwachsene hätten wir ein Begeisterungsproblem. „Wir bekommen die Gießkanne, die unsere Verschaltungen wachsen lässt, nicht mehr in Gang“, sagt er. „Wir können uns nicht selbst begeistern, wir brauchen dazu andere Menschen, die mit uns interagieren, so wie das Kind die Mutter. Sie begegnen sich als Subjekte, als lebendige Gegenüber, die aufeinander reagieren.“ Spätestens in der Schule jedoch werde das Kind zum Objekt degradiert, was eine schlimme Erfahrung sei. Denn plötzlich sage man ihm, was es lernen soll und welchen Ansprüchen es zu genügen habe. Es wird nicht mehr angenommen, wie es ist, sondern solle anderen Erwartungen genügen.

Letztlich mache das Kind ebenfalls andere zu Objekten, aber vor allem sich selbst, indem es denke: „Das kann ich nicht. Ich bin zu blöd.“ Das Kind fühle sich ausgeschlossen. „Das Hirn aktiviert jetzt dieselben Signale wie bei körperlichem Schmerz“, beschreibt Hüther die Entwicklung. „Aus diesen Erfahrungen, die unter die Haut gehen, entstehen Haltungen, die uns begleiten. Wenn Mitarbeiter solche negativen Erfahrungen machen, haben sie keine Lust mehr, glänzen durch innere Abwesenheit und der Krankenstand ist hoch. Mitarbeiter mit Engagement und Kreativität bekommt man nur, wenn sie sich wohl und angenommen fühlen. Und Breakthrough-Innovationen entstehen nur dann, wenn sich der Mitarbeiter identifiziert, die Sache des Unternehmens zu seiner eigenen macht und mit anderen zusammen Neues entdeckt.“

Nicht das Verhalten, sondern die Haltung ändern

Das Verhalten von Menschen, so Hüther, könne man nur ändern, indem man die Haltung (Mindset) ändere. „Die Haltung ist das, was das Verhalten steuert. Sie entsteht aus der Summe unserer Erfahrungen und kann nicht durch Argumente verändert werden, sondern nur durch neue Erfahrungen.“ Der Wissenschaftler empfiehlt Führungskräften deshalb, ihre Mitarbeiter zu neuen Erfahrungen einzuladen und sie zu ermutigen, Neuland zu betreten. „Wenn Sie gut sind, inspirieren sie sie sogar“, sagte er.

Er wisse auch, dass das nicht immer leicht sei, gab Hüther zu, aber das sei auch die Chance, selbst neue, gute Erfahrungen zu machen. „Wenn Sie Herrn Müller nicht mögen, befassen Sie sich mit ihm. Entdecken Sie andere Seiten an ihm. Es gibt immer etwas, was man mögen kann, vielleicht ist Herr Müller in seiner Freizeit Imker“, schlug er schmunzelnd vor. „Starren Sie nicht nur auf die Sache. Laden Sie den Imker in Herrn Müller ein.“

Es gebe Menschen, die schon sehr entmutigt seien. „Die brauchen nicht nur eine Einladung, sondern auch Ermutigung. Dafür braucht eine Führungskraft den Mut, an den Erfolg des anderen zu glauben. Wenn sie es schafft, zu inspirieren, springt der Funke über und der andere ist begeistert“, führte Hüther aus. „Ein guter Mathematiklehrer ist nicht der beste Mathematiker, sondern der, der seine Schüler für Mathematik begeistern kann. Man kann Menschen nicht abrichten, weder durch Gehalt noch Incentives, aber man kann sie begeistern.“

www.gerald-huether.de