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26. April 2015

Andreas Lapp sieht Konkurrenzfähigkeit der deutschen Wirtschaft in Gefahr

Andreas Lapp, Sprecher des Vorstands der Lapp Holding AG, nahm die Jahres-Pressekonferenz des Stuttgarter Familienunternehmens zum Anlass, auf die Risiken für die Wirtschaft durch den weichen Euro und fehlende Investitionen hinzuweisen. „Ich halte den weichen Euro für eine Katastrophe“, sagte Lapp. Vor allem durch den weichen Euro und fehlende Investitionen in den Standort Deutschland würde die Wirtschafts- und Innovationskraft Deutschlands langfristig immer mehr geschwächt. Die Risiken für den Wirtschaftsstandort Deutschland würden wachsen.

Der Euro hat im vergangenen Jahr gegenüber dem Dollar über zehn Prozent verloren. Da international meist mit Dollar bezahlt wird, werden europäische Waren billiger. Das stärkt den Export. „Das sind nur kurzfristige Effekte“, warnte Lapp. „Darauf darf sich Deutschland nicht ausruhen. Unsere Konkurrenzfähigkeit ist in Gefahr, denn viele Unternehmen jubeln über ihre guten Exportzahlen und verspüren nicht mehr den Druck, mit mehr Innovationen und Effizienz ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit zu steigern. Hier lauert die Gefahr, dass wir faul werden.“ Die Erfahrungen aus der Geschichte würden zeigen, dass solche Abwertungswettläufe der Weltwirtschaft noch nie gut getan hätten.

EZB in der Sackgasse

Das von der Bundesregierung prognostizierte Wirtschaftswachstum für 2015 von 1,3 Prozent und die von Finanzminister Wolfgang Schäuble geplante „schwarze Null“ sieht Lapp kritisch. „Diese positiven Zahlen kommen vor allem durch den gestiegenen Konsum und die niedrigen Zinsen zustande. Und der Konsum wir vor allem dadurch befeuert, dass die Menschen durch die niedrige Teuerungsrate mehr Geld in der Tasche haben, und dass sich Sparen wegen der niedrigen Zinsen nicht lohnt“, sagt er. „Das heißt, wir verheizen die Altersvorsorge jüngerer Generationen für kurzfristiges Wachstum. Das sind die Ergebnisse der verfehlten Politik der EZB. Die EZB hat sich in eine Sackgasse manövriert, Initiativen für nachhaltiges Wachstum hat es nicht gegeben.“

Auch durch die sozialen Wohltaten wie Rente mit 63 und Mindestlohn würde das Wachstum der Wirtschaft gebremst. Um Deutschland langfristig wettbewerbsfähig zu erhalten, müsse jetzt gezielt in Infrastruktur, Forschung und Bildung investiert werden. Der fehlende Ausbau der Energienetze und die halbherzige Umsetzung der Energiewende sowie mangelhafte Internet-Breitbandverkabelung seien weitere Faktoren, die den Wirtschaftsstandort Deutschland schwächen.

„Wir lehnen uns alle zurück, weil Deutschland vordergründig gut dasteht und die Leute durch den gesunkenen Ölpreis und niedrige Inflation mehr Geld in den Taschen haben. Aber das ist falsch. Wir müssen uns jetzt krisenfest machen und in die Zukunft investieren, sonst droht der Kollaps“, mahnte Lapp.

Licht und Schatten

Das Ende September 2014 abgelaufene Geschäftsjahr des Anbieters von integrierten Lösungen und Markenprodukten im Bereich der Kabel- und Verbindungstechnologie bezeichnete der Unternehmer als „durchwachsen“: „Anstelle von Wachstum hatten wir einen Umsatzrückgang zu verzeichnen. Wir sind zwar besser als der Benchmark, aber wir hätten noch deutlich mehr zulegen müssen. Wir haben in den vergangenen Jahren sehr viel investiert, auf unser Ergebnis hat sich das aber nicht so ausgewirkt, wie wir erwartet und gehofft hatten.“

Der Umsatz sank um 1,2 Prozent von 830 Millionen Euro auf 820 Millionen. Trotzdem verbesserte sich das Ergebnis vor Steuern von 35,5 auf 37,1 Millionen Euro. Andreas Hermann, Vorstand Finanzen und Controlling, betonte, das die Ertrags- und Finanzlage der Lapp-Gruppe dennoch “ sehr solide“ sei und er als CFO damit gut schlafen könne. Das Eigenkapital des Familienunternehmens sei von 244 Millionen Euro auf 266 Millionen gewachsen. Lapp könne sich damit über eine Eigenkapitalquote von 56,3 Prozent freuen.

Den größten Einfluss auf die Umsatzentwicklung hatte der deutliche Rückgang des Kupferpreises, der im Jahresdurchschnitt um zehn Prozent sank. Da der tatsächliche Preis eines Kabels immer tagesaktuell auf Basis des aktuellen Kupferkurses berechnet wird, sinken bei einem fallenden Kupferpreis automatisch die Umsätze. Hinzu kam die negative Währungsentwicklung außerhalb des Euroraums. Während die Geschäfte vor allem in Nordamerika sehr gut liefen, schwächelte Asien. Hier sank der Umsatz um 4,1 Prozent. Dieser Einbruch wurde vor allem durch den erheblichen Rückgang in Südkorea aufgrund des schwierigen Markts für Photovoltaik verursacht. „Im laufenden Geschäftsjahr verzeichnet Lapp Korea allerdings wieder ein Wachstum von rund 20 Prozent“, freute sich Lapp.

Investitionen für weiteres Wachstum

Das Investitionsvolumen der Gruppe wurde im abgelaufenen Geschäftsjahr weiter gesteigert und betrug 27 Millionen Euro. In Brasilien wurde das erste eigene Produktionswerk in Südamerika eröffnet. In den beiden indischen Werken wurden die Kapazitäten erweitert. In Polen nahm ein neues Vertriebs- und Logistikzentrum seinen Betrieb auf. Und trotz der Ukraine-Krise wurde in Russland der Grundstein für ein neues Vertriebs- und Logistikzentrum in Samara gelegt, das im Herbst 2015 fertig sein soll. In Houston/USA wurde ebenfalls ein neues Logistikzentrum in Betrieb genommen. Lapp gab zu, dass sich beispielsweise die Investitionen in Brasilien nicht so schnell auszahlen würden, wie angenommen: „Wir sind dort absolute Frischlinge und holen uns ab und zu blutige Nasen“. Er sei trotzdem zuversichtlich, dass man letztlich die gesetzten Ziele erreiche, wenn auch mit Verzögerung.

Georg Stawowy, Vorstand Technik und Innovation, sagte: „Unsere strategische Ausrichtung ist klar. Wir streben regionales Wachstum an, den Ausbau unseres Technologie-Vorsprungs und die Steigerung des Kundenservice. Sehr positiv habe sich das Systemgeschäft entwickelt, sagte der Vorstand weiter und nannte als Beispiel das Ladesystem „Lapp Helix“, das im neuen BMW i3, dem ersten reinen Elektroauto von BMW, zum Einsatz kommt. Smart Factory und die Robotik seien weitere Felder, in denen Lapp-Kabel glänzen können. So liefere Lapp Muller für den italienischen Roboterhersteller Comau Roboterleitungen für das „OpenRoboGate“, das zum Beispiel im Fiat-Werk in Melfi eingesetzt wird. Dort produzieren mehrere Roboter eine Karosserie in weniger als einer Minute – eine extrem hohe Belastung für die Kabel.

Hausaufgaben machen

„Wir spüren, dass die Rahmenbedingungen weltweit schwieriger geworden sind, und konjunkturelle und politische Entwicklungen können wir nicht beeinflussen. In einem schwierigen Marktumfeld haben wir Anteile hinzugewonnen, aber klar ist auch: Wir hatten uns höhere Ziele gesetzt, und selbst ohne diese externen Einflüsse hätten wir diese nicht erreicht“, gab Lapp zu. „Da haben wir unsere Hausaufgaben nicht richtig gemacht. Aber wir wissen, wo unsere Schwächen sind, und die werde wir jetzt gezielt angehen.“

Ins neue Geschäftsjahr ist das Familienunternehmen gut gestartet. Die Gruppe geht von einem leichten Umsatzwachstum aus. Deutliche Impulse für Umsatzsteigerungen werden in Asien und Amerika erwartet. Für Europa erwartet das Unternehmen konjunkturell und währungsbedingt keine wesentlichen Zuwächse.