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12. Mai 2015

Industrie 4.0: Produktionsstandort Deutschland auf dem Prüfstand

Am 23. April fanden rund 250 Mittelständler, Unternehmer sowie Führungskräfte aus Familienunternehmen den Weg nach Besigheim zum Ideen-Forum der Komet Group. Fachleute aus Unternehmen, Wissenschaft und Politik referierten und diskutierten zum Thema „Made in Germany – Smart Production als Erfolgsfaktor für den Produktionsstandort Deutschland“. Klar war am Ende des Tages: Die Digitalisierung bietet einem Hochlohnland wie Deutschland die große Chance, die Produktivität zu erhöhen und sich als führender Industriestandort zu behaupten. EU-Kommissar Günther H. Oettinger formulierte die Aufgabe griffig: „Im Moment vervespern wir unseren Vorsprung. Die USA sind zurück, während wir uns ausruhen. Wir befinden uns in einer Aufholjagd. Wir müssen aus der Theorie in die Praxis kommen.“

Höchste Zeit für den Wandel

„Der Produktionsstandort Deutschland wird sich in den nächsten Jahren wandeln müssen“, sagte auch Dr. Christoph Bönsch, Geschäftsführer der Komet Group. „Die Smart Factory nutzt die Digitalisierung bis in die Prozessebene hinein und zeichnet sich durch eine überragende Kundenorientierung aus.“ Auch Dr. Ralph Lässig, Partner von Roland Berger Strategy Consultants, mahnte zur Eile. Die Produktion der Zukunft schreite schneller voran als ursprünglich erwartet. Der deutsche Maschinenbau müsse beherzt agieren: „Um eine Vorreiterrolle einzunehmen, müssen deutsche Maschinenbauer in mehreren Bereichen neue Wege beschreiten“, forderte er. Eine Ausweitung des Kompetenz- und Technologieportfolios sei ebenso notwendig wie neue Wege im Innovationsmanagement, digitalisierungskompatible Marktzugänge und eine Entschärfung grundlegender Akzeptanzhindernisse. Dr. Lässig schlug die Etablierung von Think Tanks und Unternehmen-in-Unternehmen-Konzepten vor, denen man neben dem etablierten Betrieb Raum geben müsse. „Holen Sie Andersdenkende und Querdenker ins Boot“, empfahl er. „Wir brauchen die Symbiose von Cyberwelt und Industrie.“

Wenn es dem Esel zu wohl wird …

Prof. Dr. Lars P. Feld, Leiter des Walter-Eucken-Instituts und Mitglied des Sachverständigenrats der deutschen Wirtschaft, fand deutliche Worte für das Unvermögen der deutschen Wirtschafts- und Finanzpolitik: „Seit 2005 geht die Arbeitslosenquote nach unten. Das ist ein Erfolg der Hartz-Reformen, die eine Strukturreform darstellten“, sagte er. „Mit dem Mindestlohn und anderen Maßnahmen machen wir die Erfolge dieser Reformen zunichte. Lohnkosten und die Schwarzarbeit steigen. Die dauernde Verteilungsdiskussion ist nicht nachzuvollziehen, denn seit 2005 hat die Ungleichheit der Einkommen abgenommen.“ Es sei schwierig ohne eine Krise strukturelle Reformen durchzusetzen, gab der Professor zu: „Deshalb hoffen wir auf Griechenland“, fügte er mit einem Augenzwinkern hinzu.

Produzierende Industrie Anfänger bei der Digitalisierung

Prof. Dr. Fritz Klocke, Inhaber des Lehrstuhls für Technologie der Fertigungsverfahren Werkzeugmaschinenlabor WZL der RWTH Aachen, widmete sich den Themen Smart Services und Big Data. Smart Services fasst die Erzeugung und Visualisierung von Prozesswissen zusammen, um so Störeffekte in der Produktion aufzuspüren und zu vermeiden. Auch Prof. Klocke mahnte zur Eile. „Das Spiel wird schneller. Die produzierende Industrie ist bei der Digitalisierung ein Anfänger“, sagte er. „Wir haben zwar noch nichts verpasst, aber wir müssen dringend etwas tun.“ Aktuell spiele die Musik in den USA. Dort gehe es darum, die digitale Revolution in die physische Welt zu bringen, in Europa setze man auf Engineering Excellence. Der Mittelstand befasse sich gerade einmal mit Industrie 4.0, da rolle mit Smart Services schon die nächste Welle auf ihn zu. „Smart Services bieten dem Mittelstand sehr große Möglichkeiten“, so der Professor weiter. „Alles ist möglich, wenn ich viele Daten habe. Sammeln Sie Daten über die gesamte Wertschöpfungskette. Big Data bedeutet nicht nur Volumen, sondern auch Vielfalt, Mining, Analyse und letztlich Vorhersagen. Geben Sie den Ingenieuren Freiraum zum Denken.“

Smart Services als Überlebensstrategie

„Smart Services können eine Überlebensstrategie sein, um unsere Produktivität zu erhöhen“, stimmte Dr. Bönsch zu. “ Digitalisierungselemente gestatten es uns, den Kunden in die Fabrik zu holen, ihn in den Mittelpunkt zu stellen wie nie zuvor. Wir müssen uns nicht selbst neu erfinden, sondern die Möglichkeiten der Digitalisierung nutzen. Die Unterscheidung Standard- und Sonderfertigung wird es bald nicht mehr geben. Standard ist am Kunden vorbei gedacht.“ Die Frage sei, wie man intelligente Informationen über den Kunden bekomme. Viele Kunden seien zwar mittlerweile offen für die Digitalisierung, aber dafür bezahlen wolle niemand. Dr. Bönsch gab zu, dass die Digitalisierung Investitionen notwendig mache, von denen keiner wisse, ob jemals jemand für das Angebot bezahlen werde. „Wir müssen uns Gedanken darüber machen, denn ich kann schließlich nicht über Pop-up-Fenster im Maschinenmenü finanzieren“, beschrieb er das Dilemma. Dr. Lässig sah hier durchaus Möglichkeiten: „Man kann einen Basisservice kostenlos anbieten und für alles darüber hinaus Bezahlung verlangen, allerdings muss dann der zusätzliche Nutzen messbar sein.“

Lean war gestern

Für Prof. Dr. Raimund Klinkner, geschäftsführender Gesellschafter des Institute for Manufacturing Excellence und Vorsitzender des Aufsichtsratas der DMG Mori Seiki AG, ist Lean Production nicht mehr die einzig richtige Antwort für die Senkung von Kosten und die Erhöhung der Produktivität. Industrie 4.0 ist für ihn „Enabler für die flexible Produktion“. Mit Flean Production fügt er der schlanken Produktion den Faktor Flexibilität hinzu hinsichtlich Varianten, Volumen und Ressourcen. Flexibilität erfordere jedoch ein Konzept der Wandlungsfähigkeit, das darauf abzielt, „Systeme durch definierte Eigenschaften auf einen Wandel vorzubereiten“. Die Wandlungsbefähiger seien Modularität, Skalierbarkeit, Kompatibilität, Mobilität und Universalität, die für alle Unternehmensbereiche konkretisiert werden müssten. „Flean ist deutlich anspruchsvoller als Lean“, sagte Prof. Klinkner. „Integrierte Steuerungssysteme werden dabei eine große Rolle spielen.“

Big Data ermöglicht flexible Arbeitszeitmodelle

Prof. Dr. h.c. Peter Hartz, ehemaliger Personalvorstand der Volkswagen AG, befasste sich mit den Themen Arbeitszeit im digitalen Zeitalter. Auch hier wird Flexibilität der große Trumpf sein. Big Data mache eine Vielzahl an Arbeitszeitmodellen möglich, sagte Prof. Hartz. Industrie 4.0 werde die persönliche Arbeitszeit und die Betriebslaufzeiten entkoppeln. Mit Big Data eröffne sich die Chance einer ganzheitlichen Betrachtung der Lebensarbeitszeit. Er entwarf eine Vision der Zukunft, in der sich Mitarbeiter untereinander via App abstimmen können. Die App zeige die Aufgabe, die nötigen Kenntnisse und den Zeitrahmen an. Die Mitarbeiter könnten danach entscheiden, wer die Aufgabe übernehme. Nicht ganz mit dieser Vision anfreunden wollte sich Dr. Bönsch, der argumentierte: „Ein Unternehmen lebt auch vom Austausch. Innovationen entstehen im Gespräch, in der Diskussion. Das Unternehmen ist der Ort dafür.“ Unterstützung erhielt er von Dr. Lässig, der daraufhin wies, dass selbst Yahoo mittlerweile seine Mitarbeiter wieder vier Tage die Woche vor Ort im Unternehmen haben wolle.

In der IT-Welt abgehängt

Günther H. Oettinger, EU-Kommissar für digitale Wirtschaft und Gesellschaft, sieht Europa und Deutschland weit abgeschlagen bei der Digitalisierung. „Bezüglich der Hardware haben wir abgeschnitten wie der FC Bayern gegen Porto im Hinspiel. In der IT-Welt sind wir abgehängt und jetzt steht die Weltmeisterschaft an: die Digitalisierung der Gesellschaft. Und sie wird nicht schleichend voran gehen, sondern noch in diesem Jahrzehnt kommen“, sagte der EU-Kommissar. „Wenn das E-Auto kommt, brauchen wir keine Kolben von Mahle mehr, keine Anlagen von Eberspächer und keine Motorenteile, die mit Werkzeugen von Komet produziert werden. Das Auto wird ein digitales Büro auf vier Rädern sein.“

Daten sind die Währung der Zukunft

„Wer die Daten hat, hat die Macht“, zeigte sich Oettinger überzeugt. „Und trotzdem hat kaum einen Unternehmen einen Digital Chief Officer.“ Er forderte einen Bewusstseinswandel und eine europäische Strategie. Europa brauche eine digitale Infrastruktur über Ländergrenzen hinweg, ein paneuropäisches digitales Netz. Die Digitalisierung werde alle Realwirtschaften revolutionieren. Wir seien gerade mal im ersten Drittel der Entwicklung angekommen. Schon jetzt gebe es ebenso viele Sensoren wie Menschen und die Zahl der Sensoren verdopple sich jedes Jahr. „Künftig können Sensoren in der Windschutzscheibe eines Autos Daten über das Wetter sammeln, während Sie fahren“, zeichnete der EU-Kommissar die Zukunft. „Sie geben die Daten an die Wetterdienste weiter, die damit Wettervorhersagen in höchster Genauigkeit treffen können. Da kommt Kachelmann nicht mehr mit.“ (-ap)

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