Aktuelles
13. November 2015

Flexibilität: Nicht jeder freut sich über die große Freiheit

Flexible Arbeitszeit und Homeoffice sind nach allgemeiner Meinung etwas, mit dem sich Unternehmer positiv als Arbeitgeber positionieren können. Prof. Dr. Florian Becker warnt vor unreflektierter Begeisterung. Beides verändere die Unternehmen und die Zusammenarbeit, sagt der Wissenschaftler. Besonders das Homeoffice beziehungsweise die Arbeit von jedem beliebigen Ort aus bedeute mehr Koordination und komplexere Führungsaufgaben. Außerdem sei nicht jeder ein Anhänger des Homeoffice. „Manche wollen es gar nicht“, sagt Becker. „Andere haben privat keinen geeigneten Arbeitsplatz zur Verfügung. Wieder andere sind nicht organisiert und selbstständig genug.“ Und noch etwas komme hinzu, was für die Mitarbeiter relevant sei: In Studien wurde festgestellt, dass sowohl manche Kollegen als auch manche Führungskräfte den im Homeoffice arbeitenden Mitarbeitern unbewusst unterstellen, dass sie weniger arbeiten als die im Unternehmen anwesenden Mitarbeiter. Bei gleicher Leistung werden sie dann schlechter bewertet.

Zeitgeist fördert Flexibilität

Becker sieht den Trend zu flexiblen Arbeitszeiten und Homeoffice getrieben durch drei Strömungen. Erstens natürlich durch die technologische Entwicklung: „Wir können riesige Datenmengen in der Cloud ablegen, von jedem beliebigen Ort aus darauf zugreifen, über Netzwerke und Videotelefonie mit anderen in Verbindung bleiben“, sagt er. „Die zweite Strömung ist die Globalisierung. Wir arbeiten heute mit Menschen zusammen, die in anderen Ländern oder auf anderen Kontinenten sitzen. Diese Zusammenarbeit verlangt zeitliche Flexibilität. Und wenn ich abends um 22 Uhr eine Videokonferenz mit Kollegen in anderen Zeitzonen habe, muss ich dafür nicht im Büro sitzen.“ Die dritte Strömung bezeichnet Becker als Empowerment, die Ermächtigung von Arbeitnehmern und Kunden, mehr Entscheidungsfreiheit und Verantwortung für den Einzelnen. „Ein Stück weit ist das schon fast eine romantische Vorstellung, die wir hier pflegen“, sagt der Experte. „Nicht jeder Arbeitnehmer möchte alles selbst entscheiden oder Verantwortung übernehmen. Doch der Zeitgeist verführt uns dazu, das zu glauben. Hinzu kommt der Wunsch der Politik, mehr Frauen in den Arbeitsmarkt und vor allem in Führungspositionen zu bringen. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist inzwischen ein politisches Ziel, seine Durchsetzung teilweise unrealistisch und verbunden mit weiterer Regulierung.“

Freiraum kann einschränken

Die so genannte Generation Z und ihre Forderungen an einen attraktiven Arbeitsplatz beförderten die unreflektierte Entwicklung in Richtung flexible Arbeitszeiten und Homeoffice weiter, ist Becker überzeugt. „Diese Generation kommt aus einem Bildungssystem, das immer weniger fordert, aber immer mehr erlaubt“, berichtet Becker auch aus seiner Erfahrung und Beobachtung an Hochschulen und Universitäten. „Sie empfinden Strukturen als überflüssig. Regeln sind für sie nur eine Einschränkung, denn sie sind der Meinung, dass ‚alles geht‘ – und oft ist das im Bildungssystem auch der Fall. Aber so funktionieren Unternehmen nicht.“ Studien hätten gezeigt, so der Wissenschaftler weiter, dass maximale Flexibilität und Freiheit vor allem für Menschen von Vorteil seien, die sehr strukturiert und organisiert arbeiteten, diszipliniert, motiviert, systematisch und kompetent seien und über ein sehr gutes Selbstmanagement verfügten. Sie könnten dann ihr volles Potenzial entfalten. „Man muss sich als Führungskraft in jedem einzelnen Fall fragen, ob der Mitarbeiter den größeren Freiraum nutzen kann und will oder ob er ihn eher überfordert. Manche Menschen vermissen zum Beispiel im Homeoffice die soziale Interaktion mit den Kollegen oder sie fühlen sich zuhause in ihrer Konzentration gestört, lassen sich zu leicht ablenken“, gibt Becker zu bedenken. „Flexibilität ist niemals für alle in gleichem Maße gut. Es ist Aufgabe der Führungskräfte, situativ zu entscheiden. Auf jeden Fall muss sichergestellt werden, dass zum Beispiel für das Homeoffice ein geeigneter Arbeitsplatz zur Verfügung steht und die Ziele für den Mitarbeiter klar definiert sind.“

Führung wird komplexer

Je flexibler Arbeitszeiten und Arbeitsorte werden, desto stärker verändern sich die Arbeitsweise und die Zusammenarbeit. Dadurch kommen auf die Führungskräfte neue Aufgaben zu. „Die neue Flexibilität macht die Dinge komplexer, braucht mehr Zeit und stellt höhere Anforderungen an die Koordination. Es entstehen Prozessverluste durch höheren Koordinations- und Interaktionsaufwand“, warnt Becker. „Arbeitszeit- und Home-Office-Regelungen sollten zwar angeboten werden, aber die Entscheidung darüber, welches Instrument in welchem Maß für welche Projekte und Mitarbeiter richtig ist, sollte den direkten Vorgesetzten überlassen werden. Sie müssen wissen, wie ihre Mitarbeiter auf Freiheit reagieren. Und vor allem sollte niemand gezwungen werden. Aufgabe der Führungskräfte ist es zu fragen, zuzuhören, zu informieren und letztlich jeweils individuell das richtige Maß zu finden und zu vertreten. Sie können mehr Flexibilität aktiv vorschlagen oder den einen oder anderen bremsen, denn nicht immer stimmen Selbst- und Fremdbild überein. Wichtig ist, dass Entscheidungen begründet und transparent sind.“ In den Niederlanden gebe es bereits einen Rechtsanspruch auf das Arbeiten im Homeoffice, doch derartige Regelungen halte er für verfehlt, sagt Becker: „Telearbeit gibt es schon lange. Im Moment kocht das Thema sehr hoch, auch weil es sich die Politik auf die Fahnen geschrieben hat. Die Unternehmen sollten sich gut überlegen, wie sie mit dem Thema umgehen, denn von politischer Seite drohen neue Regulierungen.“ (-ap)

www.wpgs.de

Tipp: Hier finden Sie eine Rezension von Prof. Beckers Buch „Psychologie der Mitarbeiterführung“.