Aktuelles
18. April 2016

Unternehmerfamilien: Öffentlichen Streit vermeiden

Auch Familienunternehmen sind nicht vor Streit gefeit. Besonders in Nachfolgesituationen kommt es häufig zu Streitigkeiten zwischen den Generationen oder zwischen Geschwistern. Gerichtliche Auseinandersetzungen sollten aber tunlichst von allen Beteiligten vermieden werden.

Den geeigneten Nachfolger im Sinne des Unternehmens zu finden, ist eine der wichtigsten Aufgaben im Leben eines Unternehmers und erweist sich oft als sehr schwierig. Den Rechtsanwälten Dr. Timo Alte und Dr. Ekkehard Hagedorn, Partner der Wirtschaftskanzlei Haver & Mailänder Rechtsanwälte, mangelt es nicht an Beispielen dafür. „Es gibt für die Nachfolge einen Strauß voller Möglichkeiten“, sagt Dr. Alte. „Am wichtigsten ist allerdings ein geordneter Nachfolgeplan.“ Der könne verhindern, dass die Nachfolge scheitere. Eine Garantie sei es allerdings nicht. Vereinbarungen, Satzungen und Planungen könnten nicht verhindern, dass Emotionen hochkochten. „Ein typisches Beispiel ist, dass der Nachfolger bereits im Unternehmen tätig ist, aber der Senior nicht loslassen kann“, sagt Dr. Hagedorn. „In meiner Praxis ist es schon vorgekommen, dass der über 90 Jahre alte Seniorchef eines Familienunternehmens noch immer jeden Tag in die Firma kommt und Einfluss auf das Tagesgeschäft nimmt.“ Dieses Beispiel zeigt, dass das Verhalten der Gesellschafter oftmals das Wohl und die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens gefährden kann. Wenn es keine geeignete Person in der Familie gibt, die das Unternehmen führen könnte, ist ein Fremdgeschäftsführer die Alternative. Bei Streit unter den Gesellschaftern besteht jedoch das Risiko, dass er bald das Unternehmen verlässt.

Brückenbauer und Mediatoren

Die Anwälte sehen sich mit zwei Arten der Nachfolgeplanung konfrontiert. „Kluge Unternehmer gehen die Sache proaktiv an. Sie planen ihre Nachfolge schon in jungen Jahren als Vorsorge für den Notfall wie eine plötzliche Krankheit oder einen Unfall und passen sie an, wenn sich die Verhältnisse ändern. Andere kommen erst dann zum Anwalt, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist und es Streit gibt“, sagt Dr. Alte. „Erstere können wir bei der Planung beraten und ihnen Möglichkeiten aufzeigen, mit denen sie Konflikte vermeiden können. Letztere erwarten von uns, dass wir ihre Rechte durchsetzen, wenn nötig vor Gericht. Doch wenn es Streit gibt, spielt meistens auch die Familie mit. Dann bestimmen Emotionen. In dieser Situation sehe ich mich zunächst als Brückenbauer zwischen den Generationen, den Geschwistern oder den Familienstämmen.“ Sein Kollege sieht das ähnlich. „Es gibt auch Fälle, in denen ein Drei-Generationen-Konflikt ausgetragen wird“, berichtet Dr. Hagedorn. „In einer solchen Situation sehe ich mich eher als Mediator, denn als Anwalt. Es geht darum, auf der Gesellschafterebene eine Lösung zu finden, die alle Beteiligten akzeptieren können.“

Roadmap entwerfen

Für die rechtzeitige Planung der Nachfolge und zur Verhinderung von Streit empfehlen die Anwälte, eine Roadmap zu entwerfen. Zunächst müsse eine Bestandsaufnahme des Unternehmens und der Familie gemacht werden. „Dabei muss ein kompletter Vermögensplan aufgestellt werden. Sowohl die steuerlichen als auch die persönlichen Verhältnisse müssen transparent sein“, sagt Dr. Hagedorn. „Für die Nachfolge braucht man immer liquide Mittel. Die Erbschaftsteuer und, je nach Gesellschaftervertrag, Abfindungen müssen bezahlt werden. Manche Unternehmer setzen einen Alleinerben ein und vergessen dabei Pflichtteilansprüche. Das kann das Unternehmen in den Ruin treiben.“ Im zweiten Schritt sollten die Vorstellungen und Wünsche des Unternehmers geklärt werden. Am Schluss stehe die Gestaltung der Übergabe.

Familienpool beugt Streit vor

„Mit einem Gesellschaftsvertrag und der Einsetzung eines Beirats kann man Konfliktpotenziale minimieren“, sagt Dr. Alte. „Allerdings ist man nicht davor gefeit, dass jemand die Regeln einfach nicht beachtet.“ Eine Familiencharta sehen die Anwälte eher kritisch, denn im Zweifelsfall werde die rechtliche Verbindlichkeit angezweifelt. „Wir empfehlen die Einrichtung eines Familienpools“, sagt Dr. Hagedorn. „Die Anteile der Gesellschafter werden frühzeitig in einer Gesellschaft gebündelt. Die im Gesellschaftsvertrag getroffenen Regeln sind verbindlich. Über die Gesellschaft halten die Familienmitglieder ihre Anteile am Unternehmen. Dabei kann unter anderem geregelt werden, dass die Anteilseigner ein von der Kapitalbeteiligung abweichendes Stimmrecht haben. Auf diese Weise können auch Kinder frühzeitig eingebunden werden, ein Vorteil im Hinblick auf das Erb- und Steuerrecht.“ Dr. Alte weist daraufhin, dass in den Gesellschaftervertrag auch eine Schiedsklausel aufgenommen werden könne, sodass Streitfälle nicht in der Öffentlichkeit, sondern vor einem Schiedsgericht ausgetragen werden. „Wenn die Unternehmerfamilie vor Gericht zieht, wird vor dem Landgericht verhandelt, also in einer öffentlichen Verhandlung. Das kann sehr unschön für die Unternehmerfamilie und die Mitarbeiter werden“, sagt er. „Ein Gerichtsverfahren ist die ultima ratio“, pflichtet sein Kollege bei.

„Wir werden immer zuerst eine außergerichtliche Einigung oder einen Vergleich suchen“, betont Dr. Hagedorn. „Streitvermeidung ist bei uns Kanzleiphilosophie. Das ist im Interesse der Beteiligten, denn wer vor Gericht verliert, zieht erfahrungsgemäß durch die Instanzen. Auf der Strecke bleibt dabei das Unternehmen.“ Außerdem sei mit einem Urteil zu einer bestimmten Frage meistens der Kern des Streits nicht aus der Welt geschafft, fügt Dr. Alte hinzu. „Ein solcher Sieg vor Gericht behandelt meist nur einen Teilaspekt und provoziert häufig neuen Streit. Deshalb sehen wir unsere Aufgabe darin, die Beteiligten frühzeitig zu bremsen und nur dann vor Gericht zu ziehen, wenn es gar nicht mehr anders geht.“ (-ap)