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23. Mai 2016

Augmented Reality: Perspektive für die Gesundheitswirtschaft

In vielen hoch entwickelten Industriestaaten, insbesondere in Deutschland, zeichnen sich die demografischen Herausforderungen im Zusammenhang mit der absehbaren Überalterung der Bevölkerung sowie dem damit verbundenen Ärztemangel und Kostendruck im Gesundheitssystem bereits überdeutlich ab. Im Sinne einer hochwertigen und bezahlbaren künftigen Versorgung setzt Augmented Reality in etlichen Bereichen der Gesundheitswirtschaft den Hebel an, von der Ausbildung des medizinischen Personals über die Therapie bis hin zur auf Patienten-Autonomie zielenden Versorgung. Doch um die beachtlichen Potenziale zu heben, müssen zuvor noch einige Hürden überwunden werden, insbesondere in den Bereichen Datenschutz, Vergütungssystem und Infrastrukturausbau.

Mehr als Games und Multimedia

In der breiten Öffentlichkeit wird Augmented Reality zumeist mit Konsumentenelektronik, Multimedia, Games, Lifestyle oder gar der gesichtserkennenden Datenbrille „Google Glass“ gleichgesetzt. Entsprechend schwingen bei Augmented Reality oft Befürchtungen um massive Verletzungen der Privatsphäre mit. Allerdings ist diese Sichtweise sehr verengt und blendet die enormen Vorteile aus, die in den verschiedensten Anwendungsbereichen mit der Technologie verbunden sind und um die sich Anbieter unterschiedlichster Provenienzen bereits intensiv bemühen.

Visuelle Wahrnehmung erweitern

So geht es Augmented Reality vornehmlich darum, die visuelle Wahrnehmung des Menschen zu erweitern, die Kommunikation zu unterstützen und darüber den fast überbordenden alltäglichen Informationsfluss zu kanalisieren. Entsprechend haben speziell Sektoren mit ausgesprochen komplexen, risikobehafteten und kostenintensiven Tätigkeiten Augmented Reality schon lange erprobt. Besonders weit vorne sind hier das Militär, die Prozesssteuerung industrieller Großanlagen und eben auch die Gesundheitswirtschaft in ihren vielfältigen Facetten. Über die wahrnehmungsunterstützenden Funktionen eröffnet Augmented Reality hier besondere Chancen. Eine intensivere Nutzung von Augmented Reality im großen Umfeld der allgemeinen Digitalisierung kann einer überalternden Gesellschaft mit massivem Kostendruck und Ärztemangel dabei helfen, dass qualitativ hochwertige Gesundheitsversorgung bezahlbar bleibt.

Intuitives Verstehen bei der Ausbildung

Etliche Verlage arbeiten aktuell sehr intensiv daran, Lehrbuchtexte cross-medial mit Augmented-Reality-Funktionen anzureichern. Die eingängigere Vermittlung der komplexen Zusammenhänge menschlicher Anatomie erleichtert bei der Ausbildung des medizinischen Fachpersonals das intuitive Verstehen.

Datenbrille für Operateure

Die Datenbrille wird dem Chirurgen künftig während der Operation alle wesentlichen Ergebnisse der Untersuchungen seines aktuellen Patienten mit bildgebenden Verfahren in nutzerfreundlicher Darstellung einblenden. Unmittelbar ermöglicht dies dem Operateur, wesentlich präziser und daher schonender vorzugehen. Mittelbar entlastet dieses Angebot den behandelnden Arzt selbst bei seiner OP-Vorbereitung

Telemedizin mit großen Effizienzpotenzialen

Mittels Augmented Reality können nun auch die behandelnden Ärzte vor Ort den hochspezialisierten Facharzt direkt einbeziehen. Anders als bislang ist dies nun ohne Zeitverzögerung möglich. Der aus der Ferne hinzu gezogene Spezialist sieht mittels Datenbrille in Echtzeit die relevanten Patienteninformationen – ganz genauso wie der behandelnde Arzt beim Patienten vor Ort. Diese Form der Fernkonsultation dürfte jedoch lediglich der Anfang einer weitreichenden Entwicklung sein. Naheliegend ist nämlich, dass der aus der Ferne hinzugezogene Spezialist über die Distanz bei der notwendigen Operation selbst mitwirkt; wenn auch sicherlich überwiegend weniger in federführender (namentlich: Skalpell führender) als in beratender Funktion. Somit eröffnet Augmented Reality gerade im telemedizinischen Bereich große Potenziale. Dies belegen aktuelle Studien der Beratungsunternehmen, wie beispielsweise Juniper Research, eindrucksvoll.

Autonomes Leben unterstützen

Augmented Reality dürfte nicht nur vom medizinischen Fachpersonal sondern auch unmittelbar von den rekonvaleszenten Patienten eingesetzt werden, um die Patienten-Souveränität möglichst weitgehend zu wahren. So können moderne Kontaktlinsen den Diabetiker in bedrohlichen Situationen unmittelbar vor der Veränderung des Insulinspiegels warnen. Augmented Reality unterstützt damit zunächst den Patienten selbst in dessen Eigenverantwortung. Mittelbar wird damit aber auch das gesamte Gesundheitssystem entlastet.

Herausforderungen ante portas

Um all die verlockenden Vorteile von Augmented Reality tatsächlich heben zu können, braucht es allerdings bald Antworten auf drängende Fragen aus den verschiedenen Bereichen; vom Datenschutz über den Leistungskatalog bis hin zum Netzausbau.

Ein international möglichst umfassend anerkannter, konsistenter Rechtrahmen muss festlegen, wie mit personenbezogenen Daten umgegangen werden soll. Dabei dürfen die Grenzen für die Erhebung und Nutzung personenbezogener Daten einerseits nicht zu leger definiert sein, damit unbotmäßige Eingriffe in die Privatsphäre verhindert werden. Andererseits dürfen diese Grenzen nicht zu eng gezogen werden, damit die Potenziale nicht schon wegen der Datennutzung verstellt werden.

Über den Datenschutz hinaus muss sich in der Gesundheitswirtschaft selbst noch einiges verändern, damit zukunftsweisende Technologien Eingang in den Alltag finden. Eine notwendige Voraussetzung ist zum Beispiel, dass eHealth-Angebote bald auch über den Leistungskatalog voll entgolten werden. Bislang hemmen diese Lücken im Leistungskatalog mögliche notwendige Innovationen nachdrücklich.

Ein großflächiges, leistungsfähiges Breitbandnetz ist eine notwendige Vorbedingung für den Erfolg von Augmented Reality. Es ist daher dringend eine leistungsfähige Infrastruktur nötig, namentlich breitbandige Datennetze, damit die mit den medizinischen Behandlungen einhergehenden enormen Datenmengen schnell, zuverlässig und vollständig ans Ziel kommen.

Zukunft nicht verschlafen

Augmented Reality eröffnet der Gesundheitswirtschaft erhebliche Potenziale – von der Ausbildung des medizinischen Personals über die Therapie bis hin zur auf Patienten-Autonomie abzielenden Versorgung. Doch um dieses Potenzial auch auszuschöpfen, sind dringend Lösungsansätze für die anstehenden Herausforderungen gefragt; vom Datenschutz über den Leistungskatalog bis hin zum Netzausbau. Darüber hinaus braucht es auch eine faire Grundsatzdebatte zu den Chancen und Risiken innovativer Technologien. Die bislang bezüglich der Technologie zu Tage tretenden Befürchtungen sollten in dieser Debatte durchaus ernst genommen, allerdings nicht überhöht werden, damit der Blick auf die Chancen nicht völlig verstellt wird. Die Gefahr, die enormen Chancen zu verpassen, scheint hierzulande im Vergleich zu anderen Regionen leider besonders ausgeprägt. (Prof. Dr. Stefan Heng)

Tipp: Beachten Sie die Tabellen in der Galerie. Dort erhalten Sie weitere Informationen zu Anwendungsbereichen und Unternehmen.