Aktuelles
4. Mai 2016

Franz der Bettenbauer bringt Flüchtlinge in Ausbildung

Zusammen mit dem Schreinermeister Raphael Lempert und anderen Freunden hat die Passauerin Veronika Hackl das Startup „Franz der Bettenbauer“ gegründet, das Handwerk und Nachhaltigkeit mit dem Engagement für Flüchtlinge verbindet. Die jungen Leute aus dem Bayerischen Wald möchten zeigen, dass auch kleine Unternehmen und Handwerksbetriebe Flüchtlinge ausbilden und dabei selbst gewinnen können: Aufträge, Mitarbeiter, Freunde und neue Erfahrungen.

Franz der Bettenbauer ist im Grunde genommen eine Plattform, über die Schreiner zusätzliche Kunden finden. Das Besondere daran ist, dass in das Netzwerk nur Schreiner aufgenommen werden, die einen Flüchtling ausbilden. Bisher ist Raphael Lempert in Kohlstatt der einzige Schreiner, der die drei Massivholz-Bettenmodelle Lieserl, Zenz und Annamirl sowie andere Designs und Möbel fertigt. Sechs weitere Schreiner haben aber bereits Interesse gezeigt und zu einem Tag der offenen Tür junge Flüchtlinge eingeladen. „Unser Ziel ist es, eine Dachmarke für das Schreinerhandwerk zu schaffen, der sich viele Betriebe anschließen, nicht nur aus dem Bayerischen Wald“, sagt Hackl. „Ganz entscheidend ist dabei unser Unternehmensgrundsatz: Wir stehen für duale Nachhaltigkeit. Zum einen müssen die Betriebe, die bei uns mitmachen, Flüchtlinge ausbilden, zum anderen sollen in der Produktion nur einheimische Massivhölzer verwendet werden.“

Im Netzwerk geht es leichter

Lempert bildet inzwischen Efrem Negasi aus Eritrea aus. Der 26-Jährige war fünf Monate lang auf der Flucht. Jetzt ist er im Bayerischen Wald angekommen, dank der Unterstützung durch das Bettenbauer-Team. Im Moment macht er sein Berufsschulgrundjahr und einen Sprachkurs. In den Ferien und an den Wochenenden hilft er schon in der Werkstatt von Lempert mit. „Raphael hätte sich alleine sicherlich nicht getraut, einen Flüchtling als Lehrling einzustellen, denn er möchte ihm eine langfristige Perspektive auch nach der Ausbildung bieten. Durch Franz der Bettenbauer erhält der Unternehmer zusätzliche Aufträge, was ihm die finanzielle Seite erleichtert“, sagt Hackl. „Außerdem unterstützt ihn unser ganzes Team. Vor allem die Hilfe von Jakob Schreiner vom Wirtschaftsforum Passau ist Gold wert. Er leitet dort das Projekt Integration und kennt sich sehr gut aus. So hat er zum Beispiel dafür gesorgt, dass Efrem einen Deutschkurs machen kann. Denn obwohl er schon 18 Monate in Deutschland lebt, ist sein Status noch nicht geklärt. Das heißt, er hat keinen Anspruch auf einen kostenlosen Deutschkurs.“ Ohne Sprachkurs tat sich der Eritreer besonders schwer, denn er spricht nur seine Muttersprache Tigrinya, eine Sprache, die nur von wenigen Menschen gesprochen wird.

Doch die Sprache war für Lempert nicht entscheidend bei seinen Überlegungen, einen Flüchtling einzustellen. „In einer Werkstatt arbeitet man auf engem Raum zusammen. Da ist es sehr wichtig, dass man sich versteht und akzeptiert“, erklärt Hackl. „Für Raphael und seine Familie war es sehr wichtig, dass sich Efrem in das tägliche Leben und die Abläufe in der Werkstatt einfügen kann. Im Handwerk kann man viel durch Zuschauen lernen. Die Sprache spielt am Anfang noch keine so große Rolle.“

Gut für die Region

Das Gründerteam sieht den Gewinn des Projekts durchaus nicht nur auf Seiten der Flüchtlinge, sondern auch bei der Wirtschaft in der Region. Denn immer mehr junge Menschen verlassen die Region in Grenznähe. Das Handwerk findet kaum noch Nachwuchs. Diese Lücke können nach Meinung von Hackl und ihren Mitstreitern die Flüchtlinge schließen. „Wir sind überzeugt, dass ein Unternehmen nicht trotz der Integration Geflüchteter erfolgreich ist, sondern weil es bewusst auf die positiven Effekte von Vielfalt setzt“, sagt Hackl. „Schreiner, die mit uns arbeiten, profitieren von einer erhöhten Nachfrage und von Unterstützung rund um die Ausbildung. Mit unserem Unternehmen möchten wir Brücken bauen zu Unternehmen und zur Bevölkerung und dabei Vorurteile abbauen.“ Und, so Hackl weiter, prinzipiell sei das Modell auf alle Handwerksbetriebe übertragbar. Franz der Bettenbauer zum Beispiel wolle sein Angebot ausweiten auf andere Möbel und Accessoires im Wohnbereich – alles aus der Region, sozial und nachhaltig produziert. So könne man sich zum Beispiel vorstellen, dass Flüchtlingsfrauen aus regionaler Schafwolle Socken und Decken stricken und schneidern oder junge Flüchtlinge ihre eigenen Unterkünfte planen, mauern, zimmern, Fliesen legen und Dach decken. „Unsere Devise lautet: Think out of the box“, sagt Hackl.

Seltsame, überraschende Blüten

Hackl ist überzeugt, dass kulturelle Vielfalt jeden Menschen persönlich weiterbringt. Und sie weiß, wovon sie spricht, denn im Hauptberuf ist die junge Frau Leiterin Unternehmenskommunikation bei der Passauer „ICUnet.AG“, ein interkulturelles Beratungshaus. Am liebsten ist es ihr „ganz bunt“, sie wünscht sich „Werkstätten für Vielfalt“ und sie will beweisen, dass nicht nur große Unternehmen wie BMW Flüchtlinge ausbilden können, sondern auch ganz kleine Unternehmen.

Privat engagiert sich das Team von Franz der Bettenbauer ebenfalls: „Natürlich kümmern wir alle uns auch außerhalb der Arbeit um Efrem. Wir gehen gemeinsam zum Einkaufen oder ins Wirtshaus. Zurzeit lernt er Schafkopf spielen“, schmunzelt Hackl. “ Manchmal treibt es seltsame und überraschende Blüten. So haben wir zum Beispiel zusammen Weihnachten gefeiert und Efrem war der einzige Christ. Efrem ist auch ein großer Anhänger des FC Bayern. Also werde ich mit ihm ein Spiel besuchen, obwohl mich Fußball überhaupt nicht interessiert. Auf diese Weise komme ich dann auch zum ersten Mal in ein Stadion.“ Durch den Umgang mit Menschen aus fremden Ländern lerne man jeden Tag dazu, ist Hackl überzeugt und fügt hinzu: „Es lohnt sich, das Experiment zu wagen und einen Flüchtling auszubilden. Die Schwierigkeiten sind zu bewältigen. Es gibt viele Menschen, die schon Erfahrung haben und helfen, und letztlich wird nichts so heiß gegessen wie es gekocht wird.“ Lempert ist ebenfalls überzeugt, das Richtige zu tun: „Efrem ist so fleißig und engagiert. Seine Motivation ist unglaublich. Ich bin froh, dass ich den Mut hatte, ihn einzustellen.“

Das könnte Sie auch interessieren:

Beschäftigung von Flüchtlingen: Staatliche Fördermöglichkeiten nutzen

Gelebte Integration im Europa-Park