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17. Mai 2016

Studie: Mittelstand stellt sich der digitalen Transformation

Die neue Studie der Initiative Unternehmerperspektiven der Commerzbank zeigt, dass der Mittelstand in der digitalen Transformation angekommen ist. Die Unternehmensführungen haben erkannt, dass es nicht nur um eine technische Frage geht, sondern vor allem um den Menschen, um Unternehmens- und Führungskultur und um die Entwicklung der Organisation insgesamt.

Markus Beumer, Mitglied des Vorstands der Commerzbank AG fasst zusammen: „Die Studie zeigt, dass ein großer Teil des Mittelstands Digitalisierung nicht nur zur Kenntnis nimmt, sondern auf ‚Stufe 2‘ angekommen ist und ausprobiert: Die Unternehmen geben Mitarbeitern die Möglichkeit und auch die Ressourcen, eigene Projekte zu realisieren; sie setzen zunehmend auf Vernetzung und sie versuchen ein Klima zu schaffen, in dem neue Ideen gedeihen können.“

Unternehmenskultur im Wandel

Für die Studie wurden durch TNS Infratest Führungskräfte der obersten Ebene von Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mindestens 2,5 Millionen Euro befragt. Dabei wurde festgestellt, dass 18 Prozent der Unternehmen mehr für die digitale Transformation tun als die anderen. Diese als „digitale Transformatoren“ bezeichnete Gruppe entwickelt mit Hilfe digitaler Technologien neue Produkte oder Dienstleistungen, erschließt neue Absatzmärkte und treibt die Vernetzung in der Wertschöpfungskette voran. 24 Prozent der digitalen Transformatoren zeichnen sich durch eine besonders junge Belegschaft aus. Die digitalen Transformatoren berichten von einem fundamentalen kulturellen Wandel ihrer Organisation. So gibt es bei ihnen mehr abteilungsübergreifende Teams oder Projekte als bei anderen Unternehmen. Bei 85 Prozent von ihnen kann Arbeit flexibler geplant, organisiert und verteilt werden, in den anderen Unternehmen gelingt dies nur bei 62 Prozent. Bei 68 Prozent der digitalen Transformatoren haben die Mitarbeiter mehr Verantwortung und mehr individuelle Freiräume, insgesamt ist das nur bei 52 Prozent der Unternehmen so.

69 Prozent der Unternehmen halten eine höhere Bereitschaft ihrer Belegschaft für lebenslanges Lernen für erfolgskritisch für das Unternehmen, bei den Transformatoren sind es sogar 76 Prozent. Die Unternehmen haben erkannt, dass die Mitarbeiter Treiber des Erfolgs sind. 67 Prozent möchten ihnen deshalb auch Fehler und Misserfolge bei der Entwicklung neuer Ideen zugestehen und ein besseres Klima für die Entwicklung von neuen Ideen und Innovationen schaffen (57 Prozent). Viele Unternehmen (42 Prozent, bei den Transformatoren sind es 52 Prozent) haben auch erkannt, dass es künftig erfolgskritisch ist, sich mit Wettbewerbern und Kooperationspartnern zu verbünden.

Digitalisierung wird Jobmotor

Vier von zehn Unternehmen planen, wegen des digitalen Wandels neue Mitarbeiter einzustellen. Die meisten befragten Geschäftsführer gehen davon aus, dass sich Einspareffekte durch Automatisierung und Wachstum ausgleichen. Nur eine Minderheit fürchtet, Mitarbeiter entlassen zu müssen. Allerdings wurde auch klar, dass sich die Unternehmen anstrengen müssen, um geeignete Fachkräfte zu gewinnen und zu binden. Außerdem müssen die Mitarbeiter weiter qualifiziert werden, um den digitalen Wandel bewältigen zu können. 37 Prozent der Unternehmen (59 Prozent der Transformatoren) gehen davon aus, dass zum Beispiel die Aufgabe, neue digitale Technologien in die Unternehmensabläufe einzubinden, unter dem Mangel an qualifiziertem Personal leidet.

Und obwohl Teile der Belegschaft ein verstärktes Interesse an Weiterbildung und Qualifizierung zeigt, ist gerade bei älteren Mitarbeitern die Sorge um den Status Quo stärker ausgeprägt. Außerdem stellen in 48 Prozent der Unternehmen die Mitarbeiter höhere Ansprüche an die Work-Life-Balance, in Unternehmen mit besonders junger Belegschaft sind es sogar 73 Prozent. Gerade in diesem Bereich sind die Unternehmen gefordert. Doch nicht einmal die Hälfte der befragten Unternehmen bieten Möglichkeiten zur individuellen Planung des Arbeitstags und nur 29 Prozent bieten ihren Mitarbeitern Modelle für Lebensarbeitszeit und betriebliche Auszeiten an. Lediglich jedes zehnte Unternehmen bietet zum Beispiel Kinderbetreuungsmöglichkeiten an. Dabei sind Angebote zur Work-Life-Balance angesichts steigender Erwartungen der Mitarbeiter ein geeigneter Weg, um qualifiziertes Personal zu gewinnen. Und darauf sind die Unternehmen dringend angewiesen. Für Mittelständler bietet sich darüber hinaus die gezielte Ansprache von Quereinsteigern, Wiedereinsteigern oder Umschülern an. 43 Prozent der Unternehmen führen solche Maßnahmen durch. Unterschätzt wird die Weiterqualifizierung älterer Mitarbeiter, ebenfalls ein probates Mittel, um den Fachkräftemangel zu bekämpfen. Nur 36 Prozent der Unternehmen sieht dies als zentrale Aufgabe der Personalentwicklung.

Knackpunkt ist die Führungskraft

Für Beumer ist der Knackpunkt, wenn es darum geht, eine Kultur zu schaffen, in der Kreativität und Veränderungsbereitschaft Platz haben, die Führungskraft. Das hätten die Unternehmen verstanden und das zeige auch die Studie. „Praktisch alle Unternehmer in der Studie stimmen der Aussage zu, dass Führungskräfte künftig noch stärker als Moderatoren und Motivatoren agieren sollten“, sagt Beumer. „Immerhin 77 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass Führung künftig weniger Kontrolle, eher Koordination bedeutet, weil Mitarbeiter autonomer agieren werden.“ Das Topmanagement sei aus Sicht der Unternehmen in Zukunft noch stärker als Vorbild gefragt, müsse Respekt und Vertrauen ausstrahlen und dabei selbst Mut für Innovationen sowie schnelle Entscheidungen aufbringen.

Bewährtes erhalten, aber das Neue auch zulassen, sei keine einfache Aufgabe, aber eine, die bewältigbar sei, ist Beumer überzeugt, fügt aber hinzu: „Die Ergebnisse der Befragung stimmen mich bei aller Zuversicht jedoch auch nachdenklich. Wenn wir uns zu viel Zeit lassen mit den notwendigen Veränderungen und nicht bereit sind für ein offeneres, ein schnelleres und kooperativeres Denken in den Führungsetagen der deutschen Wirtschaft, dann werden andere uns überholen. Erfolg oder Misserfolg der digitalen Transformation entscheidet sich in den Köpfen und den Herzen.“

Hier können Sie die Studie herunterladen.