Aktuelles
6. Juni 2016

Plattformen verbinden Märkte

Viele etablierte mittelständische Unternehmen tun sich schwer, die Digitalisierung in ihrer Gesamtheit zu begreifen. Sie haben noch nicht erkannt, dass Technologie künftig nicht mehr der Treiber sein wird, sondern nur noch der Ermöglicher.

„Es geht darum, Geschäftsmodelle neu zu denken“, sagt Stefan Fritz, Geschäftsführer von Synaix, einem inhabergeführten Unternehmen, das Firmen auf dem Weg in die Digitalisierung begleitet. „Auch wenn das Kernprodukt physisch ist, muss man in anderen Dimensionen denken. As-a-Service-Modelle als Vorstufe zu Plattformen sind der erste Schritt. Der Turbinenhersteller Rolls Royce hat diesen ersten Schritt getan. Er verkauft heute keine Turbinen mehr, sondern rechnet mit den Fluggesellschaften nach Flugstunden ab. Das erspart den Fluglinien große Investitionen. Sie müssen sich nicht mehr um die Auswahl der richtigen Turbine oder die Wartung kümmern. Sie können sich auf ihr Kerngeschäft konzentrieren: fliegen. Risiko und Optimierungsmöglichkeiten liegen beim Serviceanbieter, Big Data hilft bei der Analyse und Wartung.“

Vom Nutzen her denken

Neue Geschäftsmodelle zu denken, ist nach Meinung von Fritz gar nicht so schwierig, wenn man sich fragt, was der Kunde mit dem Produkt macht. Wer Auto fährt, möchte individuelle Mobilität, doch muss er dafür ein Auto kaufen? „Bisher musste sich jeder für unabhängige Mobilität ein Auto kaufen, für Wartung und Versicherung sorgen und sich um einen Parkplatz kümmern. Mit Car2Go oder Drive Now wird ihm das abgenommen. Er braucht nur noch ein Mobiltelefon mit der passenden App, um in einer Stadt mobil zu sein. Er bezahlt nur noch die tatsächlich gefahrenen Minuten“, erklärt Fritz. „Von diesem As-a-Service-Modell zur Plattform ist es dann nur noch ein kleiner Schritt. Wenn nämlich Drive Now als Mittler zwischen denjenigen, die ein Auto besitzen und denjenigen, die ein Auto nutzen möchten, fungiert. Letztlich ist auch eine Erweiterung der Plattform denkbar, indem die Akteure um die Anbieter öffentlicher Verkehrsmittel oder Fahrradverleiher erweitert werden.“

Integration statt Kooperation

Jedes Unternehmen müsse sich überlegen, auf welcher Stufe es mitspielen wolle, so Fritz weiter: Lieferant, Nutzenanbieter oder Plattformbetreiber. „Der Mittelstand muss den Schritt von losen Kooperationen zu tief verzahnter Integration wagen. Gemeinsam mit anderen Unternehmen und Start-ups können branchenübergreifend Plattformen aufgebaut werden, die Komponenten- und Serviceanbieter mit End-Nutzern und Nutzenanbietern verbinden. “

Der Bohrmaschinenspezialist Hilti habe ebenfalls den Schritt zu einem As-a-Service-Modell getan, indem er für seine Kunden die Baustellenlogistik übernehme und das richtige Werkzeug am richtigen Ort sowie das Know-how des Unternehmens zur Verfügung stelle. Der Kunde kann sich auf sein Kerngeschäft konzentrieren. „Würde Hilti jetzt auch Baumaschinen anderer Hersteller in sein Modell einbeziehen, hätte das Unternehmen eine Plattform“, sagt Fritz. „Der Streamingdienst Spotify zum Beispiel ist ein As-a-Service-Modell, weil er seine Inhalte noch aggregiert bei den Labels und nicht direkt bei den Künstlern einkauft. Idagio, der Berliner Streamingdienst für klassische Musik hingegen ist eine Plattform, die Künstler und Musikliebhaber verbindet. Die Musikliebhaber erhalten dort künftig alle möglichen Arten des individuellen Musikerlebnisses anstatt sich selbst über verschiedene Kanäle ihre Hörerlebnisse zu organisieren. Die Künstler stellen ihre Aufnahmen zur Verfügung, bezahlt werden sie nach Reichweite. Die Nutzer/Hörer bezahlen für das, was sie hören. Doch über die App kann nicht nur gestreamt werden. Es gibt eine Community, Konzerte werden angeboten und sogar der direkte Kontakt zu den Künstlern wird in Zukunft möglich sein. Die Maker-Plattform Aisler führt verschiedene Dienstleister rund um das Thema elektronische Schaltungen zusammen und ermöglicht so den End-Nutzern, Prototypen, Bausätze und kleine Serien zu einem günstigeren Preis und in kürzerer Zeit herzustellen.“

X statt Y

Ein As-a-Service-Modell konzentriere sich in seinem Service-Angebot auf den End-Nutzer. Nach der Definition von Adner und Kapoor ist dies der Downstream eines As-a-Service-Angebots. Im Upstream stellen letztlich austauschbare Lieferanten die für As-a-Service-Modelle oder Plattformen notwendigen Hilfsleistungen zur Verfügung. Für Plattformen seien das Erfolgsgeheimnis und der Dynamik-Treiber die im Downstream eingebaute Rückkoppelung zwischen End-Nutzer und Nutzenanbieter. „Plattformen sind eine Sammlung von verschiedenen Elementen und Modulen. Sie bieten nach außen feste, definierte, beschriebene Schnittstellen, kapseln und verbergen aber den inneren Aufbau. Sie liefern ihre Dienste immer as a service und bieten selbst keinen direkten Nutzen“, definiert Fritz. Die Sorge, Plattformen in diesem Sinne seien unfair und würden die Verbindung zum Kunden kappen, teilt Fritz nicht. Eine Plattform müsse Märkte verbinden, einen gerechten Ausgleich zwischen beiden Märkten schaffen, betont er: „Anders kann es langfristig nicht funktionieren. Wenn man vom Nutzen her denkt, ist völlig klar, dass eine Gesamtleistung/-Lösung immer einen größeren Nutzen bietet als eine Teildienstleistung.“

In der aktuellen Ausgabe des Familienunternehmermagazins „Die News“ finden Sie mehr zum Thema digitale Plattformen.