Aktuelles
13. Juni 2016

Unternehmenszukunft: „To be lunch or to have lunch?“

Rund 200 Unternehmerinnen und Unternehmer haben sich am 10. und 11. Juni 2016 zum Familienunternehmer-Tag des Weissman-Instituts im Schindlerhof in Nürnberg getroffen, um sich auszutauschen und inspirieren zu lassen. Gestandene Unternehmer und junge Gründer stellten ihre Geschäftsmodelle vor und zeigten, wie sehr sich die Unternehmen mit der Zukunft beschäftigen, wie individuell und auch wie ideenreich die Wege sind, die sie beschreiten. Unter ihnen Per Ledermann, CEO und Vorstandsvorsitzender der Edding Group, Dr. Michael Metten, geschäftsführender Gesellschafter der Metten Stein + Design GmbH und Michael Noven, Gründer und Geschäftsführer des Start-ups Acáo – nicht zu vergessen Johannes Warth, Ermutiger und Überlebensberater, der wie schon im letzten Jahr den Unternehmertag mit einer Mischung aus Wortwitz und schauspielerischen Einlagen rockte.

Gemeinsame Werte zählen

Unternehmer aus völlig unterschiedlichen Branchen wie Ledermann, Metten und Noven sowie Hannes Streng, geschäftsführender Gesellschafter der BU Holding AG, Dachunternehmen von 15 OBI- und sechs Baustoff-Union-Standorten, haben gezeigt, dass letztlich jede Veränderung, jede Herausforderung nur gemeistert werden kann, wenn alle im Unternehmen einer gemeinsamen Vision und gemeinsamen Werten folgen. Die Führung, so der allgemeine Konsens, spielt dabei die wichtigste Rolle, denn die Führungskräfte sind es, die Veränderung nicht nur auslösen und voranbringen, sondern auch umsetzen und das Ganze zusammenhalten müssen. In seinem Early-Bird-Vortrag am Samstagmorgen untermauerte Unternehmer und Autor Frank M. Scheelen diese Erkenntnis: „Nichts ist so wichtig wie herausragende Führungskräfte“, sagte er. „Die Schlüsselkompetenz der Zukunft wird für Führungskräfte die Motivation und Inspiration der Mitarbeiter sein.“

Vom Marker zum Nagellack

„Erfolg in der Nische – aber was tun, wenn die Nische schrumpft?“ lautete der Titel von Ledermanns Vortrag. Trotz 80 Prozent Marktanteil bedrohen das papierlose Büro und die Digitalisierung das Geschäft von Edding. Bis 2020 werde der Markt für Büroartikel um elf Milliarden Euro schrumpfen, beschrieb der CEO die Entwicklung. Deshalb habe man sich überlegt, welche Dehnungs- und Wachstumsfelder für das Unternehmen blieben. Gelandet ist man unter anderem bei Nagellack. Mit einer cleveren Marketingkampagne unter dem Motto „Für Power statt Püppchen“ konnte man sich in dem hart umkämpften Markt mittlerweile immerhin einen siebenstelligen Umsatz sichern. Ledermann verschwieg nicht, dass der Veränderungsprozess eine schwierige und langwierige Angelegenheit war. „Man braucht dafür Durchhaltevermögen und muss jeden Einzelnen überzeugen“, sagte er. „Ideen brauchen Umsetzung und dabei kommt es oft zu Missverständnissen. Die Geschäftsleitung muss vermitteln und für Respekt zwischen allen Beteiligten sorgen. Wir haben eine Brücke gefunden, mit der wir alle begeistern konnten: ‚Tinte im Blut‘.“

Bunte Truppe braucht Freiheit

Metten führt das 1938 gegründete Familienunternehmen in dritter Generation. „Beton ist sexy“, zitierte Metten die kürzlich verstorbene Stararchitektin Zaha Hadid. Beton sei ein natürliches Produkt. In gutem Betonstein müsse man etwa 100 Parameter in eine ideale Verbindung bringen. „Mit normalem Betonstein ist nichts verdient“, so Metten weiter. „Wir sind im Hochpreissegment angesiedelt. Wir lieben Beton und arbeiten schon früh mit Architekten zusammen. Das ist entscheidend, um die Möglichkeiten von Beton zu zeigen.“ Das Unternehmen beschäftige Menschen aus 13 Nationen, die Betriebszugehörigkeit liege im Durchschnitt bei 17,8 Jahren und jedes Jahr werde ein Patent angemeldet. „Seit 1986 haben wir eine besondere Philosophie, die in 14 Kernleitlinien niedergelegt ist“, berichtete Metten. „Mein Vater hat gesagt, nur die Kultur von innen trage eine Marke nach außen. Deshalb setzen wir auf Selbstverantwortung, Vertrauen und Kreativität und haben durch alle Bereiche hindurch eine klare Fokussierung auf Qualität. Kreativität bedeutet für uns Neugierde. Wir prüfen jede Idee. Berichte schreibt bei uns niemand und ich habe auch keine Lust, welche zu lesen. Wir sind eine bunte Truppe und die braucht Freiheit.“ Das bedeute aber auch, dass man in schweren Zeiten offen, ehrlich, verlässlich und fair sein müsse, was nicht immer leicht für die Führungskräfte sei.

Werte schlagen Wert

Bemerkenswert war der Vortrag von Jung-Unternehmer Noven. Die Wichtigkeit von Werten machte er während seines Vortrags immer wieder deutlich. Prägend war für ihn schon während eines Praktikums eine Marketingleiterin, stets den Satz „es gibt keine Probleme, nur Lösungen im Anfangsstadium“ im Mund führte, diesen im Ernstfall aber nicht lebte. Der Unternehmensname Acáo ist gleichzeitig der Name des Smart Drinks, den das Start-up vermarktet, ein veganes Getränk mit natürlichem Koffeein, ausschließlich aus Früchten, gesüßt mit Agaven-Sirup. Aktuell wird mit 25 Mitarbeitern ein siebenstelliger Umsatz erzielt. „Wir trinken zusammen, wir packen zusammen, wir überraschen uns, wir teilen unsere Werte und wir gewinnen“, sagte Noven. Es gebe im Unternehmen drei grundsätzliche Werte, die alle teilen sollten: Leidenschaft für die gemeinsame Vision und das Team. Hier kennt Noven keine Gnade: „Wir waren ursprünglich vier Gründer. Von einem mussten wir uns trennen. Er stellte sein eigenes Vorwärtskommen über das des Teams“, erzählte Noven. „Ebenso haben wir uns von einer äußerst erfolgreichen Vertrieblerin getrennt. Sie hielt sich für etwas Besseres als die anderen, weil sie gut verkaufte.“ Die Entscheidung für die Trennung habe einen positiven Effekt bei den Mitarbeitern gehabt und noch einmal bekräftigt: „Wir sind Freunde und Freunde verzichten auf den eigenen Vorteil. Freunde gehen gemeinsam durch Höhen und Tiefen.“ Der zweite Werte ist: Es gibt nur Partner, keine Lieferanten und Kunden. „Deshalb ist es auch in Ordnung, wenn mal nur der andere gewinnt“, sagte Noven. „Wir tragen so unsere internen Werte nach außen.“ Der dritte Wert „Kill your Darlings“, ist für den Gründer extrem wichtig: „Er steht dafür, dass bei jeder Idee, die wir haben, der Markt im Mittelpunkt stehen muss. Mit Acáo hatten wir Glück, denn wir haben es ohne Marktanalyse herausgebracht. Aber in viele Ideen werden viel Zeit und Geld gesteckt, nur um am Ende festzustellen, dass der Markt das Produkt gar nicht haben möchte.“

Was ist für mich drin?

Streng, der das aus einem Stuckateurbetrieb entstandene Familienunternehmen in vierter Generation führt, strebt mit seiner Mannschaft die regionale Marktführerschaft in Franken an. Dafür setzt er auf eine dezentrale Führung und die maximale Delegation von Verantwortung. „Unsere OBI-Märkte werden geführt wie unabhängige Unternehmen“, betonte er. „Wie OBI-Gründer Manfred Maus sagte, wollen wir Betroffene zu Beteiligten machen, denn nur begeisterte Mitarbeiter schaffen auch begeisterte Kunden. Mit strategischen Leitsätzen und Umsatzzahlen begeistert man keine Mitarbeiter. Sie wollen wissen ‚was ist für mich drin?‘. Deshalb haben wir beschlossen, eine Vision zu entwickeln, der alle Mitarbeiter folgen können und wollen. Das ging nicht ohne Anlaufschwierigkeiten, denn schließlich musste die Vision unseren Geruch haben, unser Innerstes zeigen.“ In einem längeren Prozess entstand der Slogan „OBI Teamplayer. Herz – Hand – Verstand“. Ziel des Unternehmens: „Alle Franken sind Fans“. Die Sprache aus dem Sport sei gut zu kommunizieren und gut in Bildsprache umzusetzen, so Streng. Der Slogan passe auf jedes T-Shirt.

In jedem Markt wurden Fan-Betreuer installiert, es gab eine App, eine Homepage, und vier Workshop-Tage mit jeweils 80 Teilnehmern. In den Märkten wurden Werte erarbeitet. Zu jedem Wertepaar wurde ein Film mit Darstellern aus den OBI-Märkten erstellt. „Nur wenn die eigenen Leute von den Mitarbeitern erkannt werden, funktionieren Filme“, so die Erfahrung von Streng. „Wir ließen die Filme bewerten, verschenkten dafür Flipflops mit eingeprägtem OBI-Schriftzug auf der Sohle. Daraufhin erhielten wir Urlaubsfotos von allen möglichen Orten mit unserem Schriftzug im Sand. Taschen aus Lkw-Plane fanden ebenfalls Zuspruch. Das war entscheidend für den Erfolg unserer Kampagne: Sie schwappte ins Private.“ Gänsehaut-Feeling brachte dann die nächste Kickoff-Matinee, für die das Motto „Teamplayer: schwarz, weiß, rot“ ausgegeben wurde. „Es war unglaublich“, erzählte Streng. „Jeder Markt hatte sich ohne Vorgabe sein eigenes Team-Outfit entworfen und kam als Mannschaft. Da war mir klar: Es muss etwas daraus werden.“

Disziplin, Kampfgeist und Mut

Anni Friesinger, dreifache Olympiasiegerin sowie 16-fache Weltmeisterin im Eisschnelllauf und heute Unternehmerin, sagte, Sportler hätten einiges mit Unternehmern gemeinsam: „Sie müssen authentisch, zielstrebig, ehrlich und verantwortungsbewusst sein, ein Vorbild für die anderen.“ Sportler und Unternehmer müssten sich beide fragen: „Wie erreiche ich Nachhaltigkeit, eine Wiedererholung des Erfolgs?“ Beide bräuchten Mut und dürften nicht aufgeben.

Mut forderte auch Prof. Dr. Arnold Weissman in seinem abschließenden Vortrag: den Mut, neue Wege zu gehen, Chancen wahrzunehmen und sogar den Mut zu scheitern. Die Digitalisierung schaffe eine neue Welt, die globaler, digitaler, vernetzter, integrierter, volatiler, transparenter und individueller sei. „Weiter wie bisher ist keine Option“, sagte Weissman. „Unsere Unternehmen müssen sich häuten wie eine Schlange, den Weg der traditionserhaltenden Erneuerung gehen. Sie müssen Antworten finden auf viele Fragen: Was muss ein Marktführer morgen können? Wie sieht das Kompetenzprofil eines Weltmarktführers morgen aus? Wo muss das Unternehmen digital aufholen, um überholen zu können? Braucht man die Produkte des Unternehmens morgen noch? „Letztlich geht es um die Frage: to be lunch or to have lunch?“, sagte Weissman. „Alte Geschäftsmodelle sind wie ein Wasserfall. Bis zur Abrisskante geht es gemächlich, dann kommt der Absturz und es ist weg“, zog Weissman einen Vergleich. „Reflektieren Sie über ihr eigenes Unternehmen, identifizieren Sie Ihre digitalen Möglichkeiten, entwickeln Sie ein digitales Geschäftsmodell und erarbeiten Sie sich eine digitale Roadmap, einen klaren Routenplan, eine Strategie aus der Zukunft gedacht. Fassen Sie Mut. Probleme von heute sind die Chancen von morgen.“

Die abschließenden Worte von Moderatorin Jill Schmelcher, Gesellschafterin von Weissman & Cie. und Expertin für Unternehmenskultur, hätten nicht treffender sein können: „Wenn Sie nicht ab und zu scheitern, haben Sie nie etwas richtig Innovatives ausprobiert.“ (-ap)

Tipp: Der nächste Familienunternehmer-Tag findet am 12./13. Mai 2017 statt. www.weissman-institut.de