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19. November 2016

Start-up-Ökosystem in Stadt und Land

Unter diesem Motto lud der Landesverband Baden-Württemberg des Wirtschaftsrats der CDU am 17. November zum Innovationsfrühstück in Stuttgart ein. Gastgeber war mit der Accelerate GmbH ein junges Unternehmen, das sich unter anderem für die Zusammenarbeit zwischen Start-ups und etablierten Unternehmen engagiert. Mit von der Partie war auch die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Dr. Nicole Hoffmeister-Kraut.

Joachim Rudolf, Landesvorsitzender des Wirtschaftsrats zeigte sich in seiner Begrüßungsrede glücklich darüber, dass mit Dr. Hoffmeister-Kraut eine Unternehmerin auf dem Ministersessel sitze und dass Wirtschafts- und Finanzministerium wieder getrennt seien. Rudolf betonte, dass der Wirtschaftsrat sich intensiver mit den Start-ups auseinandersetzen möchte und verstärkt auf Zusammenarbeit setze.

Berlin mit B2B-Geschäftsmodellen überholen

„Der internationale Wettbewerb schläft nicht und die Start-ups bauen die Wirtschaft von morgen“, sagte Dr. Stefan Kaufmann,MdB, CDU/CSU. „Sie fühlen sich von der Politik zu wenig unterstützt. Start-ups brauchen nicht nur Geld, sondern ein ganzes Ökosystem, das sie unterstützt.“ Berlin, so der Abgeordnete weiter, sei momentan das Zentrum der Start-up-Szene, Stuttgart/Karlsruhe liege nur auf Platz 3. Allerdings könne sich das Blatt bald wenden, denn die Region um Stuttgart habe entscheidende Vorteile. Während sich die Start-ups in Berlin auf B2C konzentrierten, gehe der Trend zum B2B-Geschäft. Mit der Anbindung an die Industrie sei das für die Start-ups in Baden-Württemberg eine Riesenchance. Außerdem gebe es in schwäbischen Metropole zwar weniger Start-ups als in Berlin, aber sie überlebten länger, Gründungen seien häufig besser durchdacht. Und nicht zuletzt fänden gute Ideen immer Geld. Schwieriger ist laut Dr. Kaufmann die Finanzierung der Wachstumsphase.

Out of the box denken

Die Ministerin ermunterte zu intensiveren Kontakten zwischen Start-ups und Wirtschaft. Der direkte Kontakt inspiriere. Durch eine engere Zusammenarbeit könne sich die Wirtschaft für die Digitalisierung stark aufstellen. „In den USA sind die Menschen anders gepolt. Für sie sind Gründungen und Scheitern normal. Wir müssen noch dazu lernen, häufiger out of the box denken. Dadurch können wir zusätzliche Potenziale erschließen“, sagte Dr. Hoffmeister-Kraut. Außerdem gebe es nicht nur Start-ups, sondern auch andere Gründungen. „Wir müssen alle zusammenführen und vernetzen, junge Menschen zur Gründung und Unternehmensnachfolge befähigen und zur Selbstständigkeit ermuntern“, sagte die Ministerin weiter und fügte hinzu: „Dazu gehört auch, dass wir Förderangebote transparenter machen und besser vermarkten. Die Landesregierung tut bereits sehr viel, doch sind die Angebote noch zu wenig bekannt.“ Sie forderte Acceleratoren-Zentren und mehr Venture-Capital-Fonds. Hier sei auch die Wirtschaft in der Pflicht. „Wir müssen immer wieder Denkstrukturen aufbrechen“, forderte sie.

Etablierte Unternehmen oft nur Zuschauer

Johannes Ellenberg, Gründer und Geschäftsführer der Accelerate GmbH, wies in seinem Beitrag daraufhin, dass die Wertschöpfungsketten künftig auf dem Kopf stünden. „Sie beginnen nicht mehr beim Einkauf, sondern an der Schnittstelle zum Kunden“, sagte der junge Unternehmer. „Es ist höchste Zeit aufzuwachen und zu handeln, bekannte Gefilde zu verlassen“, forderte er. „Unternehmen sollten sich für die Start-up Community engagieren, denn hier liegen die Antworten für die Zukunft.“

Ähnlich wie die Ministerin forderte auch Michael Hauffler, Geschäftsführer der „scireum GmbH aus Remshalden und Vorstandsvorsitzender von Startup Stuttgart e.V., mehr Öffentlichkeit für die Start-ups. Der 2014 gegründete Verein wolle das Start-up-Ökosystem in Stuttgart aufbauen, erweitern und stützen. Die Vorstellungen von baden-württembergischen Start-ups in den Unternehmen stimme oft nicht mit der Realität überein. Viele Unternehmen investierten lieber in Start-ups in Berlin oder im Ausland statt in der Region. Hauffler beklagte, das 60 bis 70 Prozent der Eltern und Lehrer Kindern von einer Unternehmensgründung abrieten.

Auch Christoph Röscher, Director Corporate Marketing & Sales bei Bosch und im Vorstand von Startup Stuttgart, betonte, dass das Start-up-Ökosystem Wirtschaft und Politik zur Unterstützung brauche. „Der deutsche Mittelstand schaut sich die Diskussion über Disruption von außen an als würde es ihn nicht betreffen“, sagte Röscher und appellierte an die Unternehmer: „Werden Sie Teil des Ökosystems. Bringen Sie sich mit Ihrer Erfahrung ein.“

Teures Pflaster für junge Unternehmen

Patrick Perner, Gründer und Geschäftsführer der James UG in Stuttgart, dessen Unternehmen Aushilfskräfte stundenweise online an Unternehmen vermittelt, schlug in dieselbe Kerbe: „Wussten Sie, dass 47 Prozent der mit Venture Capital finanzierten Start-ups in Stuttgart aus dem Ausland Geld bekommen? Die baden-württembergischen Unternehmen dagegen tragen ihr Geld nach Berlin oder ins Ausland.“ Auch er überlege sich, sein Unternehmen nach Berlin zu verlegen. Eine Entscheidung sei zwar noch nicht gefallen, aber es spreche einiges dafür. Das Tech-Team sitze schon in Berlin. In der Hauptstadt sei prinzipiell alles 20 Prozent billiger als in der Region Stuttgart – Arbeitskräfte, Mieten etc. Außerdem finde er dort für internationales Wachstum die entsprechenden Fachkräfte.

Stimmen aus dem Publikum stimmten dem zu. In Stuttgart gut ausgebildete IT-Fachkräfte zu finden sei fast unmöglich, sagte ein Unternehmer. Er arbeite mit Remote Teams bis nach Polen. Das sei zwar eine gute Lösung, die aber durch die fehlende Infrastuktur, besonders die Versorgung mit schnellem Internet, behindert werde. „Das Kapital allein macht es nicht aus, wenn das Humankapital fehlt“, sagte er.

Wieder raus aus dem Keller

Gastgeber Ellenberg richtete einen leidenschaftlichen Appell an die Unternehmer. „Entwickeln Sie nicht im Keller, sondern gehen Sie raus und entwickeln Sie gemeinsam mit Ihren Kunden und Start-ups“, sagte er. „Und wenn wir in Baden-Württemberg auf Dauer den Wohlstand sichern wollen, müssen wir Kinder dabei unterstützen, selbstständig zu werden. Bürokratie muss abgebaut werden. Es ist viel zu aufwändig, eine KG zu gründen oder die Mitarbeiter zu beteiligen. Der digitale Wandel und der enorme gesellschaftliche Wandel geben der Politik die Chance, zu gestalten. Stattdessen konzentriert sie sich auf das tägliche Klein-Klein und lässt Visionen vermissen.“ (Andrea Przyklenk)