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21. Februar 2018

Künstliche Intelligenz in der Realität angekommen

Wissenschaftler und Science-Fiction-Autoren befassen sich schon seit Jahrzehnten mit künstlicher Intelligenz (KI). Die einen sehen den Untergang der Menschheit heraufziehen, die anderen ein goldenes Zeitalter. Die Digitalisierung hat KI längst in die Unternehmen und Wohnzimmer gebracht.

1996 wurde Schachweltmeister Garry Kasparow von dem von IBM entwickelten Supercomputer „Deep Blue“ besiegt. 2016 unterlag der weltbeste Go-Spieler Lee Sedol „Googles AlphaGo“. Beide Computer waren mit unzähligen Varianten von bereits von menschlichen Spielern gespielten Partien gefüttert worden. 2017 schlug „AlphaGo Zero“ seine Vorgängermodelle, und das obwohl Zero im Gegensatz zu seinen Kollegen niemals aus von Menschen gespielten Partien lernte, sondern nur mit den Spielregeln versorgt wurde. Er brachte sich das Spiel, wenn man so will, selbst bei, indem er 40 Millionen Mal gegen sich selbst antrat. „Das ist der Unterschied zwischen Machine Learning und künstlicher Intelligenz“, sagt KI-Experte Prof. Dr. Gentsch. „Zero hat eigene Strategien entwickelt, mit denen er den Menschen schlagen konnte. KI kann inspirieren.“

Das selbstfahrende Unternehmen

KI hat sich zum Beispiel mit Alexa schon in unsere Wohnzimmer geschlichen. In den USA gibt es Versuche mit KI für Juristen. In Japan sind zwei von Robotern betriebene Hotels erfolgreich. Und auch in Deutschland gibt es bereits ganze Branchen, die intensiv mit Daten zugange sind. „Eine Werbeagentur zum Beispiel kann heute komplett automatisiert arbeiten: Content kreieren, Budgetpläne erstellen, Werbepläne erstellen und ausführen – kann alles von Algorithmen und KI erledigt werden“, sagt Gentsch. „Ähnlich sieht es im Controlling aus. Martin Hofmann, CIO der Volkswagen AG sagte auf dem Web Summit 2016 in Lissabon, er gehe davon aus, dass es in zehn Jahren in großen Unternehmen keine Controller mehr geben werde.“ Mit Industrie 4.0 hätten Algorithmen und KI auch in der Produktion Einzug gehalten, während in der Logistik zum Beispiel noch viel zu tun sei, so Gentsch weiter. „Wie schnell die Firmen zu Automated Enterprises werden, ist von der Art der Wertschöpfung abhängig, deshalb sollte man mit allgemeinen Prognosen vorsichtig sein. Ein Horizont von drei bis 15 Jahren ist denkbar.“

Das selbstfahrende Unternehmen sei ähnlich wie das selbstfahrende Auto nicht mehr aufzuhalten, sondern eine rationale Entscheidung. „Wir landen zwangsläufig dort, wenn wir künftig nach den jetzt geltenden ökonomischen Regeln handeln“, betont Gentsch. „KI bringt den Unternehmen einen Wettbewerbsvorteil.“

Konstruktive Koexistenz

Der Experte ist sich bewusst, dass durch KI viele Arbeitsplätze wegfallen werden. „Wir müssen uns damit befassen, wie die Rolle des Menschen künftig aussehen wird. Gleichzeitig müssen Unternehmen lernen, wie man Systeme baut und pflegt. KI ist mittlerweile auch für mittelständische Unternehmen bezahlbar, denn sie unterliegt einer starken Demokratisierung. Tensorflow von Google zum Beispiel ist eine Open-Source-Bücherei für Machine Intelligence, die ständig weiter entwickelt wird. Start-ups bieten KI as a Service an. Google und Co. verstehen das Thema am besten zu bedienen und gewinnen dadurch Macht“, warnt Gentsch. „Manche sind immer noch der Meinung, KI werde überschätzt, aber sie entwickelt sich exponentiell. Es geht längst nicht mehr darum ob, sondern wie wir KI nutzen. Doch wir reagieren viel zu langsam, die Politik so gut wie gar nicht. Wir merken gar nicht, dass andere an uns vorüberziehen, während wir uns an der Datenschutzgrundverordnung abarbeiten.“

KI werde die Unternehmen, ihre Kultur, die Bildung, Gesellschaft und Politik verändern, ist Gentsch überzeugt. „KI ist kein Tool mehr, sondern betrifft das alltägliche Leben, ist heute das System, in dem wir leben. Das ist ein fundamentaler Unterschied. KI bringt in vielen Bereichen Verbesserungen, zum Beispiel in der Krebsfrüherkennung. Wir sollten die Mensch-vs.-Maschine-Diskussion verlassen und uns über eine gute konstruktive Koexistenz Gedanken machen.“

Gentsch hat das Buch „Künstliche Intelligenz für Sales, Marketing und Service: Mit AI und Bots zu einem Algorithmic Business – Konzepte, Technologien und Best Practices“ veröffentlicht. Eine Rezension finden Sie hier.